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Schleswig-Holstein

26. September 2017 | 16:41 Uhr

Sieben Wochen ohne : Ein Leben voll Plastik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Experiment in der Fastenzeit: Eine fünfköpfige Familie hat sieben Wochen lang versucht, auf Plastik zu verzichten. Zeit für eine – ernüchternde – Bilanz.

Experiment beendet, Ergebnis alarmierend! Vor sieben Wochen ist eine fünfköpfige Familie mit dem Ziel angetreten, in der Fastenzeit so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren. Die drei hauptsächlich mit Kunststoffverpackungen gut gefüllten Gelben Säcke, die alle zwei Wochen zur Abholung bereit standen, sollten deutlich unterboten werden. Tatsächlich hat sich das Volumen auf etwa die Hälfte reduziert, allerdings mit erheblichem Aufwand. So schädlich Plastik für Umwelt und Gesundheit sein kann, so schwer ist es, darauf zu verzichten. Eine Bilanz:

1. Woche: Leckeres in Plastik

Wenn’s an die Bequemlichkeit geht, hört der Spaß auf. In unserer Familie – Vater, Mutter, drei Teenies – hält sich die Lust auf das „Experiment weniger Plastik“ schon nach wenigen Tagen in engen Grenzen, denn in vieles von dem, was im Gelben Sack landet, war vorher Leckeres verpackt. Der Lieblings-Joghurt des Ältesten gehört dazu, die Lieblings-Kekse der Tochter, der Lieblings-Aufschnitt des Jüngsten. Käse ohne Kunststoffverpackung ist nur in Ausnahmefällen zu bekommen. Wo und ob überhaupt es Mozzarella ohne Plastikhülle gibt, ist bis zum Schluss nicht geklärt. Vergleichsweise einfach ist es dagegen, frisches Obst und Gemüse verpackungsfrei zu erstehen, natürlich verbietet sich im Supermarkt bei loser Ware die Plastiktüte von der Rolle.

2. Woche: Getränke für die Schule

Glas, Metall, Kunststoff – welche Getränkeflaschen für die Schule? Unisono erklären die Kinder, dass Glas die ohnehin übergewichtigen Ranzen übermäßig beschwert. Und Wasser aus dem nächsten Hahn in der Schule zapfen? „Ekelhaft!“, sagt die Tochter mit Verweis auf den Zustand sanitärer Anlagen. „Uncool!“ befindet ihr jüngerer Bruder bei der Aussicht, ein Trinkgefäß zu transportieren, und der große Bruder deutet mit einem hämischen „Wenn schon, denn schon“ auf den Plastikverschluss einer metallenen Getränkeflasche. Wir einigen uns darauf, wenigstens auf die mit Plastik ummantelten Mineralwasser-Sixpacks zu verzichten und stattdessen Mehrweg-Kunststoffflaschen in (Plastik-)Kisten zu kaufen.

3. Woche: Indiz für Ungesundes

Ausgerechnet das Comenius-Programm, ein Austauschprojekt spanischer, italienischer, deutscher und polnischer Schüler, an dem unser jüngster Sohn teilnimmt, reißt ein Loch in die guten Vorsätze. Unsere eigenen drei Kinder nutzen die Gelegenheit, bei abendlichen Zusammenkünften Chips und Kekse, Käse und Weintrauben, Gummibärchen und Schaumküsse zu ordern. Ich will das nicht ausgerechnet vor den Gästen diskutieren oder verhindern. Allerdings kriecht Wut auf die Hersteller in mir hoch: Warum ist dieses Zeug eigentlich grundsätzlich in Plastik verpackt? Man könnte meinen, Plastikverpackungen seien per se ein Indiz für ungesunde Kost.

4. Woche: Plastikgeruch

So laut das Gemeckere vor allem der Kinder ist, das Experiment zeigt Wirkung. Meine Tochter befindet, die gerümpfte Nase über einem Plastik-Behältnis für Frühstücksflocken: „Das riecht nach Plastik, das kann nicht gesund sein.“ Stimmt, ab in den Gelben Sack damit. Am Ende der sieben Wochen werden wir uns obendrein etlicher Rührschüsseln entledigt haben – auch aus hygienischen Gründen, Metall ist viel besser zu reinigen.

5. Woche: Ganztagsbeschäftigung

Der Verdacht, unser Experiment habe vor allem negative Folgen für die Haushaltskasse, bestätigt sich erstaunlicherweise nicht. Der Grund ist simpel: Weil wir bedachter kaufen, geben wir für das einzelne Lebensmittel oft zwar mehr aus als früher, dafür sind die Waren handverlesen. Kartoffeln zum Beispiel muss ich gar nicht mehr aussortieren und bei Salatköpfen ist ein Befall von Kleinstgetier schon vor dem Kauf zu sehen. Die Einkaufstouren dauern dafür allerdings deutlich länger als früher. Konsequenz beim Plastikverzicht käme einer Ganztagsbeschäftigung gleich.

6. Woche: Entsorgungswege

Plastikmüll in Plastiktüte, Plastiktüte in Gelben (Plastik-)Sack – uns wird klar, dass es nicht allein darum gehen kann, auf Verpackungen zu achten, sondern auch darum, den Entsorgungsweg schlank zu halten. Die Konsequenz ist ein neuer (metallener) Müllbehälter für die Küche, mit der gleichen „Kragenweite“ eines Gelben Sacks.

7. Woche: Geschärfter Blick

Experiment beendet, alles beim Alten? Die Kindern fordern längst „Normalität“ ein, nehmen aber neuerdings einen Stoffbeutel mit, wenn sie im Laden an der Ecke Milch und Brot holen gehen. Der Blick hat sich geschärft: Unser Leben ist voll von Plastik. Plötzlich ist die Frage da, wie zehntausende Plastikteile denn überhaupt auf jeden Meeres-Quadratkilometer kommen, wenn doch alles ordnungsgemäß entsorgt wird. „Wird es eben nicht!“, trumpft die Tochter auf und holt sich eine WWF-Seite auf den Bildschirm. Müll liegt schließlich nicht nur irgendwo weit weg, sondern auch an Nord- und Ostseestränden.

Fazit

Wir sind dem Plastik nicht entkommen; die Zwänge des Alltags – Termine und Zeitdruck – aber auch eingefahrene Gewohnheiten, Bequemlichkeit und die Scheu, an Fleisch- und Käsetheken über andere als Plastikverpackungen hartnäckiger zu verhandeln und den Ärger anderer Kunden zu provozieren, haben für ein schwächeres als das erhoffte Ergebnis gesorgt. Aber immerhin ist das Bewusstsein für Produkte und Verpackungen geschärft und ein grundsätzlicher Widerspruchsgeist geweckt. Die Tochter bringt es auf den Punkt: „Ich will wenigstens entscheiden können, ob und wo ich Plastik benutze und wo nicht.“

Wie kommt der Müll ins Meer? Das versteckte Plastik:

„In jedem Quadratkilometer Meer schwimmen heute schon bis zu 46.000 Teile Plastikmüll“, heißt es von der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF), die auf ihrer Internetseite www.wwf.de auch der Frage „Wie gelangt der Müll ins Meer?“ nachgeht. Dass vieles von vermüllten Stränden in die See gelangt und überall auf der Welt Schiffe illegal Abfälle jeder Art in die Meere kippen, ist dabei nur eine Seite der Plastik-Medaille. Weniger bekannt dürfte den meisten Verbrauchern sein, dass Plastik sich auch in Duschgels, Peelings, Zahncremes findet, und die wunderbar kuscheligen Fleece-Shirts bei jeder Wäsche tausende winzige Kunststofffasern abgeben – die ebenfalls über unser Abwasser ins Meer, dann in die Körper der Tiere und schließlich  in die der Verbraucher gelangen.

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