Hamburg-Barmbek : Ein Jahr nach der Messerattacke: „Das ist nie vergessen“

Der Messerangriff mit einem Toten in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek sorgte bundesweit für Entsetzen.

shz.de von
25. Juli 2018, 14:53 Uhr

Hamburg | Am 28. Juli 2017 erschüttert eine unfassbare Tat Hamburg: Ein junger Mann nimmt in einer Edeka-Filiale im Stadtteil Barmbek ein Küchenmesser aus der Auslage und sticht wahllos auf nichtsahnende Kunden ein. Mit dem blutigen Messer in der Hand rennt der Täter auf die Straße, greift weitere Passanten an. Unter dem Einfluss der Propaganda des Islamischen Staats will der abgelehnte Asylbewerber so viele – in seinen Augen – Ungläubige wie möglich umbringen. Ein Toter und sechs Verletzte lautet die traurige Bilanz der Attacke. Ein Jahr ist seither vergangen. Die Sicherheitsbehörden haben Konsequenzen gezogen, das Gerichtsverfahren gegen den Mörder ist abgeschlossen. Doch die Bilder quälen Viele noch immer.

Beamte sichern Spuren nach der Bluttat. / Archiv
dpa

Beamte sichern Spuren nach der Bluttat. /Archiv

 

Vor der Edeka-Filiale an der „Fuhle“, wie die Einkaufsmeile Fuhlsbütteler Straße genannt wird, erinnert nichts mehr an das Verbrechen. Das Blumenmeer, die Kerzen und Bilder sind schon lange weggeräumt. Die 83-jährige Margot, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte, kommt mit ihrer Einkaufstasche aus dem Supermarkt. Die Anwohnerin erinnert sich gut an diesen schrecklichen Freitagnachmittag, als sie zum Einkaufen wollte und plötzlich rot-weißes Polizeiband rund um den Tatort den Weg versperrte.

Noch heute sei das Verbrechen oft Gespräch in der Nachbarschaft. „Das ist nie vergessen“, sagt sie. Auch bei ihren Einkäufen in dem Supermarkt kommen die Erinnerungen wieder hoch. „Ich denke da jedes Mal dran.“ Viele Betroffene und Tatzeugen wollen nicht mehr öffentlich über die furchtbaren Ereignisse reden. Auch viele Passanten winken ab – wollen das Thema lieber abschließen.

Blumen und Kerzen liegen in Hamburg-Barmbek vor einem Supermarkt. /Archiv
Markus Scholz
Blumen und Kerzen liegen in Hamburg-Barmbek vor einem Supermarkt. /Archiv

Maciej Bittmar ist einer der mutigen Verfolger des Täters, die als „Helden von Barmbek“ gefeiert und von der Polizei für ihre Zivilcourage ausgezeichnet wurden. Bis heute sei es für ihn ein „komisches Gefühl“, zu der Einkaufsstraße zurückzukehren, sagt der 38-Jährige und berichtet von dem Moment, als er den flüchtenden Täter mit dem blutigen Messer in der Hand erblickte.

Der Mann habe „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen und noch mehrmals wahllos Menschen attackiert, sagt Bittmar. Er rannte hinterher, schnappte sich Stühle und Steine, mit denen er den Angreifer bewarf. „Ich wollte ihn einfach nur stoppen“, erklärt er. Noch bevor die Polizei eintraf, überwältigen einige der Verfolger den Täter.

Der Fall beschäftigte anschließend auch den Innenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft. Die Behörden seien teilweise nicht schnell und nicht gründlich genug mit Hinweisen auf die psychische Instabilität des Täters und seine Hinwendung zum radikalen Islam umgegangen, erklärte Innensenator Andy Grote (SPD) damals im Rathaus.

Eine Folge: Es wurde eine zentrale Hinweisaufnahme beim Staatsschutz eingerichtet, um Beobachtungen aus der Bevölkerung zu einer möglichen Radikalisierung zeitnah überprüfen zu können.

Lebenslange Freiheitsstrafe

Der Attentäter war am 1. März dieses Jahres zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts stellte zusätzlich die besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren rechtlich zwar möglich, in der Praxis aber so gut wie ausgeschlossen. Der Palästinenser machte sich laut Gericht des Mordes sowie versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung in sechs Fällen schuldig.

<p>Ahmad A. im Gerichtssaal. /Archiv</p>
Christian Charisius, dpa

Ahmad A. im Gerichtssaal. /Archiv

 

Vor Gericht beschrieben Zeugen den Täter als „Mann mit zwei Gesichtern“. Mal habe ihn die Freiheit im Westen fasziniert, mal habe er über Europa geschimpft. „Er wollte sein Studium als Zahnarzt abschließen und eine Praxis eröffnen“, berichtete ein Freund. Doch nach Jahren in Europa und trotz vieler Qualifikationen habe der junge Mann nicht bleiben dürfen. Der Täter war im März 2015 nach Deutschland gekommen. Vorher soll er in Norwegen, Spanien und Schweden gewesen sein. Für Aufsehen sorgte die Nachricht, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Frist versäumt hatte, in der der Mann hätte nach Norwegen zurückgeschickt werden können. Weil sein Asylantrag in Deutschland Ende 2016 abgelehnt wurde, hätte er eigentlich ausreisen müssen. Doch es fehlten Papiere.

Das Urteil gegen den Attentäter von Barmbek ist inzwischen rechtskräftig. Für den Verfassungsschutz bleibt die Beobachtung der islamistischen Szene in Hamburg ein Schwerpunkt - denn die Zahl der Islamisten in Hamburg stieg 2017. Sie kletterte von 1355 im Jahr 2016 auf 1565 Menschen, heißt es im neuen Verfassungsschutzbericht. Bei der Präsentation der Zahlen ging Amtsleiter Torsten Voß kürzlich noch einmal auf den Fall Barmbek ein: Das sei ein neuer Tätertyp, sagte er. „Es handelt sich um einen Täter, der am Ende (...) aufgrund einer psychischen Instabilität diese Tat begangen hat und die Religion letztlich als Rechtfertigung vor sich selbst genommen hat.“ Die Tat sei dem islamistischen Spektrum zuzuordnen – aber bis heute gebe es kein Bekenntnis des IS.

619 Hinweise zu möglichen Islamisten - Polizei: keine Gefahr

Seit August 2017 hat der Staatsschutz im Hamburger Landeskriminalamt 619 Hinweise zu verhaltensauffälligen Personen mit islamistischen Hintergrund zur Überprüfung erhalten. Es habe bei keinem Fall ernsthafte Gefahr bestanden, sagte Polizeisprecher Ulf Wundrack. In der Zahl 619 enthalten sind 430 alte Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung, die nach dem Attentat noch einmal untersucht werden sollten.

Nach dem Eingang in der Zentralen Hinweisaufnahme werden Fälle in drei Kategorien eingeteilt. In die erste Kategorie kommen Verdächtige, bei denen die Polizei davon ausgehen muss, dass eine schwere Gewalttat unmittelbar bevorsteht. Es gab bislang vier Fälle dieser Art – nach der Überprüfung wurde aber Entwarnung gegeben. In einem Fall wurde der Hinweis an ausländische Sicherheitsbehörden weitergereicht, weil sich die Gefahr auf das Ausland bezog, hieß es.

Fälle der Kategorie zwei bedeuten die Annahme, dass eine schwere Gewalttat geplant sei – davon gab es 49 Hinweise. Kategorie drei heißt, dass sich eine Person lediglich radikalisiert haben könnte (51 Fälle). 325 Hinweise gehörten in gar keine Kategorie. Sie seien zwar ernst genommen worden, hätten aber schnell ad acta gelegt werden können, sagte Wundrack. 15 Hinweise seien noch in Bearbeitung, doch es sei jetzt schon klar, dass sie nicht in die erste Kategorie gehören. 175 Hinweise hatten mit einem islamistischen Hintergrund nichts zu tun.

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