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Schützenstrasse : Ein Jahr nach der Gasexplosion: Itzehoe gedenkt der Opfer

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Mit einer stillen Gedenkveranstaltung in der Kirche wird der Opfer der Gasexplosion in Itzehoe vor einem Jahr gedacht. Vier Menschen kamen damals ums Leben.

Itzehoe | Die Schützenstraße ist fast menschenleer. Das alte Pflaster ist neu verlegt, die Bürgersteige sind neu gemacht. Dass hier vor einem Jahr eine Gasexplosion mehrere Häuser in Schutt und Asche legte, ist nur zu ahnen. Drei Bewohner und ein Arbeiter starben in den Trümmern. Drei Grablichter stehen neben dem Gehweg. Ein kleines Kreuz aus Mauersteinen liegt auf dem Sand des Grundstückes mit der Nummer 3, auf dem das Haus stand, das vollständig zerstört wurde.

Davor kniet Christian Krause. Der 27-Jährige stand nur wenige hundert Meter entfernt als am 10. März 2014 um kurz nach neun Uhr das Haus in die Luft flog. Augenzeugen sprachen von Bildern, die an den Krieg erinnerten. „Das war schon unglaublich laut, dann habe ich gesehen, wie sich das Dach des Hauses abgehoben hat“, sagt Christian Krause, der mit einem Hammer ein paar schmale Steine festklopft.

Nur wenige hundert Meter entfernt beobachtete Christian Krause die Explosion. Nun bereitet er das Aufstellen einer Gedenktafel vor.
Nur wenige hundert Meter entfernt beobachtete Christian Krause die Explosion. Nun bereitet er das Aufstellen einer Gedenktafel vor. Foto: ky
 

Dort, wo der Bauarbeiter auf dem Gehweg kniet, soll Dienstag eine Tafel enthüllt werden, die an die Opfer erinnert. Vorher wird es in der St. Laurentii-Kirche in der Innenstadt eine zentrale Gedenkveranstaltung geben auf der Propst Thomas Bergemann und der katholische Pfarrer Ulrich Krause einige Worte sprechen werden. Danach soll es eine kurze Gedenkveranstaltung in der Schützenstraße geben. Wie viele Menschen kommen werden – dazu wagt in Itzehoe kaum jemand eine Aussage. Bürgermeister Andreas Koeppen sagt nur: „Es war ein prägendes Ereignis, das viele Menschen mitgenommen hat.“ Dem Wunsch der Anwohner entsprechend, möchte er das Gedenken bescheiden gestaltet sehen.

In der Schützenstraße sind die Sanierungsarbeiten des Tiefbaus unterdessen fast abgeschlossen. Schon vier Tage nach der Explosion machten die Arbeiter weiter. Seit dem Herbst sind vier Gebäude oder das, was von ihnen übrig war, abgerissen worden. Die Flächen liegen brach, nur das erinnert noch daran, dass hier vor einem Jahr ein Unglück passiert ist. Viele Hauseigentümer haben ihre Fenster und Dächer erneuert. Die Gehwege sind komplett, die Regenwasserkanäle und Hausanschlüsse, für die die Straße aufgerissen worden waren, in der die Gasleitung lag, sind fertiggestellt. Die letzten Pflasterarbeiten werden in den kommenden Wochen abgeschlossen sein.

„Es ist eine schöne Straße geworden, so weit man das sagen muss, das ganze Quartier sieht besser aus. Und trotzdem ist es ein komisches Gefühl, hier zu stehen“, sagt Björn Faust von der Tiefbauabteilung der Stadt Itzehoe. Hier wie auch auf allen anderen Baustellen werde seit dem Unglück sensibler gearbeitet – so das überhaupt möglich sei, sagt Faust. „Wir schauen immer genau hin.“ Noch sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht abgeschlossen, gegen den Baggerfahrer ebensowenig wie gegen Verantwortliche der Stadtwerke. Es geht um die Frage, ob und wenn ja warum die vom Baggerfahrer getroffene Gasleitung nicht in den aktuellen Karten verzeichnet war.

Für die Menschen, die in der Schützenstraße arbeiten, bleibt es ein besonderer Ort. Auch für Wolfgang Sauer. Nur fünf Meter war er am 10. März 2014 von der Explosion entfernt. Die Druckwelle warf ihn halb unter einen Bagger, Trümmer begruben den Bauaufseher der Stadtentwässerung von der Hüfte abwärts. Heute sind die Verletzungen verheilt, auch die seelischen: „Ich habe das an und für sich gut verarbeitet“, sagt der 58-Jährige. „Aber vergessen wird man das nie.“

Vor einem Jahr: „Darunter habe ich gekniet“: Die Druckwelle warf Wolfgang Sauer unter den Bagger vor dem Haus.
Vor einem Jahr: „Darunter habe ich gekniet“: Die Druckwelle warf Wolfgang Sauer unter den Bagger vor dem Haus. Foto: ehrich
 

Haarrisse in den Rippen sorgten dafür, dass Sauer drei Monate krankgeschrieben war. In der ersten Zeit habe er nachts viel wach gelegen, „weil man ja immer daran denkt“. Eine ganze Weile habe er psychologische Betreuung erhalten, auch wegen des Schocks durch ein Foto, das er im Zuge der Ermittlungen zu sehen bekam: Ein Toter war erkennbar, Sauer sah, wie knapp es für ihn selbst gewesen war. „Da kam alles wieder hoch.“

Doch der Bauaufseher arbeitete weiter in der Schützenstraße. „Ich musste das irgendwie machen. Aber man guckt immer da rauf, automatisch.“ Genau so geht es Christian Krause. „Manchmal erschrecke ich mich noch, wenn irgendwo eine Tür knallt“, sagt der Itzehoer, während er mit seinem Hammer die Steine fixiert. „Aber ich habe auch viel verdrängt. Das muss wohl auch so sein, sonst kann das Leben ja nicht weitergehen.“

Für ihn und für Wolfgang Sauer wird der Jahrestag etwas Besonderes bleiben. Sauer sagt: „Ich feiere Dienstag meinen zweiten Geburtstag.“ Allerdings in aller Stille: „Dafür denke ich zu viel an den Kollegen, der gestorben ist.“

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erstellt am 08.Mär.2015 | 12:50 Uhr

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