Gewalt an Grundschulen : Ein halbes Jahr Brennpunktschule: So lief die Recherche

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Sechs Monate drückte shz.de-Reporterin Dana Ruhnke die Schulbank. Wie kam es dazu? Wo lagen Hürden? Ihre Antworten.

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05. August 2019, 12:49 Uhr

Kiel | Wie kam der Kontakt zu der Schule zustande?

Als die Idee aufkam, so tief in diese Thematik einzusteigen, war genau das die größte Frage: Würde es überhaupt eine Schule geben, die ihre Türen öffnet, mir das nötige Vertrauen entgegenbringt? Es ist eine sehr sensible Angelegenheit für alle Beteiligten. Ich bekam dann einen Tipp von einer Kollegin, die den Schulleiter näher kannte. Ihm schrieb ich eine lange E-Mail, in der ich von meinem Vorhaben berichtete. Zum Glück stieß ich auf offene Türen.

sh:z-Reporterin Dana Ruhnke hat von Oktober 2018 bis April 2019 in der Klasse 3c einmal wöchentlich die Schulbank gedrückt. Die Grundschule steht in Schleswig-Holstein und gilt als Brennpunktschule, ihr Name soll auch deshalb in dieser Reportage nicht genannt werden. Sie steht beispielhaft für die Herausforderungen und Chancen im Mikrokosmos Schule, für die kleinen und großen Rückschläge und Erfolge. Alle Protagonisten dieser Reportage haben eigentlich andere Namen. Der Name von Schulleiter Detlef V. wurde auf seinen Wunsch gekürzt.

Das ist die 3c:
Der 38-jährige Klassenlehrer Michael Schiffer unterrichtet 21 Kinder. Sieben sind mit ihren Familien aus Syrien geflohen, drei weitere haben große Probleme mit der deutschen Sprache. Vier Kinder haben einen speziellen Lernplan für Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE): Sie müssen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, sondern die Grundlagen des Zusammenlebens. All das hat Folgen für den Unterricht.


Es gab ein erstes persönliches Gespräch in der Schule, in dem wir beide gemerkt haben, dass das sehr gut passen könnte. Ich, weil mich sein Engagement, seine Offenheit und Hilfsbereitschaft beeindruckt haben, und er, so glaube ich zumindest, weil er merkte, dass er mir vertrauen kann.

Dann mussten wir grünes Licht vom Bildungsministerium einholen, und natürlich auch vom Kollegium der Schule.

Auch in einer Sitzung der Elternvertretung habe ich mein Vorhaben noch einmal detailliert vorgestellt. Auch hier waren alle dafür. Also konnte es losgehen.

Warum werden der Name der Schule und der Lehrer und Schüler nicht genannt?

Für beide Seiten war von Beginn an klar, dass die Privatsphäre der Kinder unbedingt zu schützen ist. Hier mit echten Namen zu arbeiten, stand deshalb überhaupt nicht zur Diskussion. 

Lehrer und Mitarbeiter waren angetan von dem Projekt, hatten aber auch Bedenken, gerade was den Ruf der Schule, aber auch was die eigene Angreifbarkeit angeht. Darüber haben wir offen gesprochen. Alle Protagonisten wünschten sich dann eine gewisse Anonymität.

Es kommt selten vor, dass Lehrer offen über Probleme an Schulen und auch über ganz persönliche Sorgen und Nöte sprechen. Dahinter stecken, vermute ich, zwei Dinge: Sie wollen sich nicht angreifbar gegenüber Schülern oder Eltern machen. Hinzu kommt, dass viele der Lehrer ja auch Beamte sind. Möglicherweise befürchten einige auch berufliche Konsequenzen. Auch für das Projekt ist diese Lösung deshalb die beste, weil so eine größtmögliche Offenheit und Ehrlichkeit erreicht werden konnte.

Eine Bedingung der Schulleitung war es zudem, den Namen der Schule nicht zu nennen, damit es nicht zu einer Stigmatisierung kommt. Diese Schule steht letztlich nur stellvertretend für vergleichbare Brennpunktschulen in Schleswig-Holstein und anderswo in Deutschland.

Wie lange und wie oft waren Sie als Reporterin an der Schule?

Meinen ersten Schultag hatte ich nach den Herbstferien 2018. Der letzte Schultag vor den Osterferien war auch mein letzter Schultag. Zieht man die Ferien ab, war ich also etwas mehr als 21 Wochen an dieser Schule, meistens einmal pro Woche an unterschiedlichen Tagen.

Wie lief die Recherche ab?

Pünktlich um 7:40 morgens saß ich im Unterricht, in den Pausen hielt ich mich auf den Schulhof auf, sprach mit Lehrern, Schulsozialarbeiter, Schulassistent, den Sonderpädagogen und anderen Ansprechpartnern. Wenn ich nicht noch bei einem Nachmittagsangebot dabei war, hatte ich nach der fünften Stunde frei. Hinzu kamen ein Besuch im Förderzentrum und Lehrerkonferenzen.

In der Klasse sowie auf dem Schulgelände war ich Beobachter, aber natürlich beginnt man schnell mit den Kindern und auch mit Lehrern zu interagieren. Die Kinder ziehen einen da ganz selbstverständlich mit rein. Ich gehörte einfach dazu.

So kam es, dass ich im Unterricht geholfen, Arbeitsanweisungen erklärt, den einen oder anderen Tipp gegeben habe.

Was auch nicht ausblieb: Ich entwickelte eine Art Beziehung zu Kindern. Man schließt einige ins Herz, mehr als andere. Man fiebert auch mal ein bisschen bei einem Test mit. Und zum Teil merkte ich auch, wie in bestimmten Momenten ein Gefühl von Enttäuschung oder Traurigkeit in mir hochkam, wenn einer dieser Schüler sich dann doch wieder richtigen Mist erlaubte.

In manchen Fällen habe ich erfahren oder erlebt, welche Schicksale und Geschichten dahinter stehen. Sie haben mich zum Teil stark berührt. Das alles passiert – und zugleich ist es dann meine Aufgabe, mit journalistischer Distanz auf die Ereignisse und Erlebnisse zu blicken. Daran musste ich mich manchmal erinnern.

Wie wurde die Beispielklasse ausgewählt?

Diese dritte Klasse habe ich durch einen Zufall kennengelernt. Ich war zunächst in einer Vierten. Nach zwei, drei Wochen begleitete ich die Klassenlehrerin einmal zu einer Vertretungsstunde in die 3c.

Die Stunde hatte es in sich. Es war extrem unruhig, es gab körperliche und verbale Auseinandersetzungen zwischen den Kindern, es wurde geflucht. Die Probleme waren einfach so offensichtlich - und erschienen mir größer als in der Klasse, die ich bisher begleitet hatte. So viele verhaltensauffällige Kinder, bei denen sich direkt zeigte, dass sie unglaublich viel Aufmerksamkeit brauchen. Dazu der große Anteil an Kindern mit Fluchthintergrund, mit Sprachschwierigkeiten.

Also habe ich in Absprache mit dem Rektor und dem neuen Klassenlehrer dort die Klasse gewechselt - und blieb bis zum Schluss der Recherche in der 3c.

Wer an der Schule wusste, dass Sie Journalistin sind?

In der vierten Klasse hatte ich mich als Journalistin vorgestellt. Das war auf Wunsch des Lehrers in der Dritten Klasse anders. Diese Kinder wussten nur, dass ich jetzt regelmäßig die Klasse besuche, mir anschaue, wie ihr Alltag an der Schule läuft. Ich war dann einfach Frau Dana, die man auch mal gut um Hilfe bitten kann.

Die Erwachsenen wussten natürlich alle Bescheid.

Darüber hinaus habe ich mich darum bemüht, mit Eltern jener Kinder, die ich näher beobachtet habe, zu sprechen. Eine Vermittlung kam letztlich leider nicht zustande.

Wie war der Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern?

Die meisten brauchten zwar ein, zwei Wochen, um mit mir warm zu werden, aber dann begannen einige, mich im Unterricht mit einzubeziehen, mich in Gespräche zu verwickeln und vor allem um Hilfe zu bitten, wenn der Lehrer oder die Lehrerin gerade mit jemand anderem beschäftigt waren.

Mit den Kindern, die ich intensiver beobachtete, hatte ich natürlich mehr Kontakt, mehr Gespräche. Ahmed hat mich morgens immer in den Arm genommen und auch von mir ganz viel Hilfe eingefordert - so wie von allen.

Umarmungen gab es von Maja nicht, anfangs hat sie mich immer nur richtig böse angeguckt, wenn ich reinkam, sie anlächelte. Aber das hat sich dann geändert. Ich hatte richtig nette und schöne Momente mit ihr. Sie hat mir mal ein Bild geschenkt, sie wollte immer, dass ich mit zum Schwimmunterricht komme. Ich musste auch lernen, sie in bestimmten Momenten mal zu ignorieren. Das war manchmal gar nicht so leicht, wenn ich etwa gerade mit jemanden spreche und sie sich einfach dazwischen schiebt und losquasselt – und auch nicht aufhört.

Es gab noch zwei, drei andere Kinder, die nach einer Weile morgens fröhlich auf mich zu kamen, mich mit einem „Hallo Frau Dana“ umarmten. Auch als ich mich von ihnen verabschiedete. Das war schon schön.

Wie lief die begleitende Facebook-Gruppe?

Ich wollte die Mitglieder der Gruppe schon während der Recherche mit einbeziehen, Impulse einholen, aber auch von meinen Erlebnissen berichten. Deshalb habe ich nach jedem Schultag kurze Videobotschaften gepostet, oder auch mal Fotos, Situationen, die mich beschäftigten oder die mir besonders aufgefallen waren.

Was war die Motivation des Rektors der Schule?

Der Rektor ist sehr engagiert und setzt sich stark für seine Schule und seine Schüler ein. Er ist auch einer, der immer mal auf Missstände aufmerksam gemacht hat, damit sich die Situation zukünftig verbessert. Genau diese Aufmerksamkeit schafft auch dieses Projekt.

Wie es in solchen Schulen wirklich aussieht, weiß ja kaum ein Außenstehender. Es gibt pauschale Aussagen von „überforderten Lehrern“. Es scheint eine riesige Kluft zwischen Eltern und Lehrern zu geben.

Aber ich denke, um sich wirklich ein Urteil zu erlauben, muss man erfahren oder erleben, wie die Situation sich im Alltag darstellt. Wie ist der Alltag für Lehrer, Rektor, Sozialarbeiter – wie ist er für die Kinder in einem solchen Umfeld? Für die Schule ist dieses Projekt auch eine Gelegenheit zu zeigen, was für eine wichtige Arbeit an diesen Schulen tagtäglich getan wird.

Wie viel Kontrolle hatten die Protagonisten über die Veröffentlichung? Warum?

Es ist schon deutlich geworden, wie sensibel das Thema ist. Und auch wenn alle Beteiligten angetan von der Idee waren, gab es Bedenken, eine Berichterstattung könne sich negativ auf die Schule oder auf einzelne Lehrer auswirken.

Deshalb habe ich zu Beginn der Recherche zugesichert, dass jeder Protagonist die für ihn relevanten Kapitel lesen kann. Gleiches gilt für die Audio- und Videoaufnahmen.

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Lesen Sie alle Teile unserer Reportage auf schule.shz.de.

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