300-Seelen-Gemeinde Tielen : Ein Dorf vor dem Neuanfang

Die Aktiven der Tielener Wählergruppe: Stefanie Holmsen, Kai Dunker, Johann Siemsen, Dennis Jacobs, Jan-Peter Rief und Thomas Claussen (v.l.) engagieren sich für ihr Heimatdorf. Foto: Ruff
Die Aktiven der Tielener Wählergruppe: Stefanie Holmsen, Kai Dunker, Johann Siemsen, Dennis Jacobs, Jan-Peter Rief und Thomas Claussen (v.l.) engagieren sich für ihr Heimatdorf. Foto: Ruff

Zunächst ging es um eine Biogas-Anlage, irgendwann nur noch ums Prinzip. Alle Gemeindevertreter traten zurück. Nun wollen sechs junge Leute Tielen retten.

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23. Juli 2012, 06:49 Uhr

Tielen | Es ist wohl einzigartig in der Geschichte Schleswig-Holsteins: eine Gemeinde ohne Führung. Ohne Gemeinderat. Und ohne Bürgermeister. Genau das gibt es seit April in dem 300-Seelen-Dorf Tielen im Kreis Schleswig-Flensburg. Dort war die gesamte Gemeindevertretung nach und nach zurückgetreten, weil sich das Dorf am Streit über eine Biogasanlage entzweit hatte. Nun regiert der erfahrene Lokalpolitiker Hans-Joachim Bellendorf als vom Kreis eingesetzter Bevollmächtigter das Dorf. Und wenn die Gemeinde bis morgen keine Kandidaten für die anstehende Neuwahl am 9. September findet, droht sogar die Zwangsfusion mit der Nachbar-Gemeinde Erfde.
Wunsch nach Normalität
Auch um das zu verhindern, wollen jetzt sechs junge Tielener den Neuanfang wagen. "Der Streit um die Biogasanlage ist aus unserer Sicht für die Gemeinde erledigt", sagt Jan-Peter Rief. Der 30-Jährige will vor allem, dass in Tielen wieder Normalität einkehrt. Denn in den vergangenen Jahren war in Tielen nichts normal. Alles beginnt damit, dass ein Bauer eine Biogas-Anlage bauen will. Das Projekt wird als privilegiert eingestuft, der Gemeindevertretung sind nahezu die Hände gebunden. Und doch bildet sich immer mehr Widerstand gegen das Projekt, die Bürgerinitiative "Pro Tielen" mobilisiert fast die Hälfte der Einwohner. Die Gemeindevertreter lehnen den Bau der Biogasanlage geschlossen ab. Am Ende werden sogar Gerichte bemüht - und der Landwirt bekommt die Baugenehmigung.
Doch zu diesem Zeitpunkt ist das Dorf schon tief gespalten. "Es gab da auch erhebliche Vorbelastungen", sagt Willi Jacobs, Vorsitzender der Kommunalen Wählergemeinschaft in Tielen, die seit Mitte der 70er Jahre die Mitglieder des Gemeinderates stellt. Der Streit um die Biogasanlage habe nur das Fass zum Überlaufen gebracht. Immer wieder habe es Konflikte gegeben, schildern einige Tielener. Dabei seien auch persönliche Feindschaften ausgefochten worden. Die Kritik, die es am langjährigen Bürgermeister gegeben habe, sei unter den Teppich gekehrt worden, der Frust habe sich immer mehr gesteigert. Dazu kämen verwandtschaftliche Verflechtungen, die sich um den Besitz des Grundstücks drehten, auf dem die Biogas-Anlage gebaut werden soll.
Gemeinderat am Ende
Immer mehr Gemeindevertreter reichen ihren Abschied ein, die Bürgermeister wechseln im Monatstakt. "Am Ende wurde in der Gemeindevertretung gar nicht mehr miteinander geredet", sagt ein Interimsbürgermeister, der entnervt das Handtuch warf, weil ihm der "Druck aus dem Dorf" zu groß geworden ist. Zuletzt stellen die verbliebenen drei Gemeinderatsmitglieder in einer Bürgerversammlung die Vertrauensfrage, die es laut Gesetz gar nicht gibt. 120 von 199 Tielenern, die zu der Versammlung kommen, sprechen den Kommunalpolitikern das Misstrauen aus. Der Gemeinderat ist am Ende.
"Die Lage ist eskaliert", gibt Jacobs zu. "Man hätte vielleicht etwas anders miteinander umgehen sollen." Mittlerweile sehen das viele Tielener so, vor allem die, die einen Neuanfang wagen. "Vielleicht hat es auch erst die Berufung von Hans-Joachim Bellendorf gebraucht, damit etwas Ruhe einkehrt", sagt Rief.
Schwere Bürde
Bellendorf regiert immer noch in Tielen - ohne Gemeinderat, nur mit dem Segen der Kommunalaufsicht versehen. "Kein einfaches Amt", sagt er. "Wenn man allein auf das Geld achten und entscheiden muss, was für die Gemeinde gut ist." Er habe den Eindruck, dass in der Vergangenheit in Tielen auch über alltägliche Dinge wie etwa die Verschönerung der Badestelle oder des Kinderspielplatzes gar nicht mehr geredet worden sei. "Ich wünsche den Tielenern, dass das jetzt anders wird", sagt Bellendorf.
Nun wird am 9. September aller Voraussicht nach eine neue Gemeindevertretung aus jungen Tielenern gewählt, die bis zur regulären Kommunalwahl im Mai 2013 im Amt bleiben könnte. "Für die älteren ist die Zeit abgelaufen", sagt Jacobs, der nicht mehr kandidiert. Stattdessen tritt sein Sohn zur Wahl für den Gemeinderat an. Die Konflikte jedenfalls sollen nun beigelegt werden. "Wir ziehen einen Schlussstrich", sagt Rief. Und: "Wir wollen bei strittigen Themen Bürgerversammlungen einführen."

Suche nach Bürgermeister

Doch bis dahin regiert erst einmal noch Hans-Joachim Bellendorf. Ob er jedoch nach dem 9. September seinen Job als Chef von Tielen aufgeben kann, ist noch unklar. Denn wenn sich aus den Reihen der neuen Kandidaten, zu denen sich bis morgen Abend noch Einzelbewerber gesellen könnten, kein Kandidat für das Amt des Bürgermeisters findet, könnte Bellendorf in die Verlängerung gehen. "Wir wissen noch nicht, ob wir einen Bürgermeister finden werden", sagt Rief. Das hängt wohl auch davon ab, ob sich anhand der Stimmenverteilung ein Kandidat herausstellt.
"Es wäre aber möglich, dass der Beauftragte als Bürgermeister weiter macht, er hätte allerdings im Gemeinderat kein Stimmrecht", sagt der Leitende Verwaltungsbeamte des Amtes Willi Hufe. "Ich würde das machen, wenn es nötig wird", sagt Bellendorf, der keine eigenen Weisungen mehr erteilen könnte. Kurios wäre das allemal, aber in Tielen ist in den letzten Jahren ja schon viel Kurioses passiert.
Die Biogasanlage ist jedenfalls bis heute nicht gebaut.

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