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Tess-Relay aus Rendsburg : Ein Callcenter für Gehörlose

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein ungewöhnliches Angebot: Der Telefondienst Tess-Relay aus Rendsburg lässt Gehörlose mit Hörenden telefonieren.

von
erstellt am 29.Mär.2015 | 10:10 Uhr

Rendsburg | Wer mit Orkan Kubus am Telefon spricht, hört erst einmal – nichts. Auch wenn der 32-Jährige engagiert spricht. Sein Gesprächspartner bekommt davon am Telefon zunächst jedoch nichts mit. Außer vielleicht ein leises Schnalzen oder das Klatschen einer Hand auf Haut. Bis irgendwann eine Stimme zu hören ist.

In diesem Fall ist es die Stimme von Susanne Dürkop. Die 48-Jährige dolmetscht das Gespräch mit Orkan Kubus für den Angerufenen. Denn der ist gehörlos. Seine Sprache ist die Gebärdensprache – die wiederum von den wenigsten Hörenden verstanden wird, weshalb Kubus einen Dienst nutzt, der es ihm via Video-Telefonie ermöglicht, eine Gebärdendolmetscherin, Susanne Dürkop, dazwischenzuschalten.

Die Gebärdendolmetscherin Susanne Dürkop spricht in Gebärde mit Kubus – und übersetzt seine Worte in Lautsprache an den hörenden Gesprächsteilnehmer.
Die Gebärdendolmetscherin Susanne Dürkop spricht in Gebärde mit Kubus – und übersetzt seine Worte in Lautsprache an den hörenden Gesprächsteilnehmer. Foto: Ruff

Für Hörende ein gewöhnungsbedürftiges Prozedere. Wenn Kubus einen Teilnehmer anruft, hört dieser zunächst die Stimme von Dürkop. „Guten Tag. Sie sind verbunden mit Orkan Kubus über den telefonischen Dolmetscherdienst für Hörgeschädigte, die Firma Tess.“ Im Anschluss erklärt die Dolmetscherin das Vorgehen. Kubus wird via Webcam in Gebärde mit ihr sprechen, und sie wird dies für den Hörenden in Lautsprache übersetzen. Eine lange Vorrede, die dem Angerufenen ein wenig Geduld abverlangt, denn eigentlich sind Hörende am Telefon zum Auftakt des Gesprächs gar nicht gewohnt, so lange zuzuhören. Der Impuls, Dürkop ins Wort zu fallen, ist stark. Doch das kennt sie – und setzt zur Not auch gerne nochmals an.

Zugleich ist diese lange Vorrede für den Hörenden aber auch eine gute Vorbereitung auf das, was dann folgt; denn ein Telefonat mit einem Gehörlosen erfordert ein wenig Geduld, schließlich muss das Gesprochene beziehungsweise Gebärdete stets von der Dolmetscherin übersetzt werden. Und da die deutsche Gebärdensprache eine andere Syntax hat als die deutsche Lautsprache, geht das nicht Wort für Wort und von Anfang bis Ende simultan.

Doch auch für Gehörlose ist das Telefonieren gewöhnungsbedürftig. „Anders als Hörende wachsen sie ohne das Telefon auf“, erläutert Sabine Broweleit, Geschäftsführerin der Tess-Relay-Dienste, mit denen Gehörlose und Hörende telefonisch in Kontakt treten können. Hörende würden die gängigen Kommunikationsregeln am Telefon von Klein auf lernen und üben – Gehörlosen hingegen sind diese komplett unbekannt und sie müssen sich mit ihnen erst einmal vertraut machen. „Darum hatten wir auch bevor wir mit dem Programm an den Start gegangen sind ein Projekt, in dem wir gemeinsam mit Hörgeschädigten die deutsche Telefonkultur erforscht haben,“ berichtet Broweleit. Orkan Kubus war einer der Teilnehmer.

Zunächst einmal habe ein Telefonat verschiedene Gesprächsphasen, erläutert er: die Begrüßung, der Beziehungsaufbau, das eigentliche Gespräch – welches sich wiederum in mehrere Phasen und auch Themen unterteilen kann – und schließlich die Verabschiedung. Hinzukommen die sogenannten Gliederungssignale, ein kurzes „Ja“ etwa, mit dem der Zuhörer dem Sprecher signalisiert, dass er soweit verstanden hat. Ähnliche Signale gibt es, um zu zeigen, dass ein Gespräch beendet oder das Thema gewechselt werden soll. Diese sprachlichen Zeichen werden zwar zumeist unbewusst gesetzt, halten aber das Gespräch am Laufen. Fehlen sie, kann es passieren, dass der Sprecher sich nicht mehr sicher ist, ob er weiterreden soll, ob das Thema den Zuhörer überhaupt interessiert oder er verstanden wurde.

Beim Telefonieren zwischen Hörenden und Gehörlosen fehlen diese Signale logischerweise beziehungsweise können sie nicht direkt und nahezu unbewusst zwischen den eigentlich miteinander Kommunizierenden ausgetauscht werden – weil ein Dolmetscher zwischen ihnen vermitteln muss und weil das, was in der Kommunikation des einen erforderlich ist, in der des anderen kaum eine Rolle spielt. So kann es für ungeübte Hörende anfangs schwierig sein, Gesprächspausen von Übersetzungspausen zu unterscheiden. Das allerdings verliert sich schnell.

Orkan Kubus gewinnt durch den Tel-Sign-Dienst die Möglichkeit, auch mit Hörenden schnell Dinge zu klären. „Denn wie bei Hörenden auch gibt es Situationen, in denen es schlicht einfacher ist, zum Hörer zu greifen“, sagt Broweleit. Bis hin zu Notlagen. Bisher waren Gehörlose in solchen Situationen auf das Fax angewiesen, um etwa einen Rettungswagen oder die Feuerwehr zu alarmieren. Heute können sie das über eine spezielle Notruffunktion auch über die Tess-Dienste.

Entstanden ist das Angebot übrigens 2005 in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Telekom, 2009 ging das Projekt an den Start. Ausgangspunkt war der Arbeitsmarkt. „Wenn Gehörlose sich auf eine Stelle bewerben, galt es lange als Ausschlusskriterium, dass sie nicht telefonieren können. Das ist heute nicht mehr so“, sagt Broweleit. Damit sei der Dienst eine weitere Brücke zur Kommunikation mit Hörenden. Doch vor allem, betont Broweleit, „haben Gehörlose ein Recht darauf zu telefonieren“. Das sichere ihnen nicht zuletzt das Gleichstellungsgesetz zu. Und darum gebe es den Dienst eben nicht nur fürs Berufliche, sondern auch für private Gespräche.

Rund 1000 Kunden hat Tess-Relay mittlerweile deutschlandweit. 48 Gebärdendolmetscher und acht Schriftdolmetscher arbeiten für ihn – und sind täglich zwischen 8 und 23 Uhr erreichbar. Dabei sind sie übrigens – ähnlich wie Pastoren, Ärzte oder Anwälte als Dolmetscher zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet, weshalb das Arzt- oder Bankgeheimnis in der Kommunikation zwischen einem hörenden Arzt oder Bankangestellten und dem Gehörlosen auch kein Problem darstellt. „Wir sind in so einer Situation eher mit einem Medium als mit einer realen Person vergleichbar“, sagt Gebärdendolmetscherin Dürkop. Dennoch müsse immer wieder Aufklärungsarbeit geleistet werden. Aber zur Not sei es dem Gehörlosen auch möglich, via Tess eine Vollmacht für das Gespräch mit dem Dolmetscher auszustellen.

Kubus schätzt den Dienst und nutzt ihn viel – um mit hörenden Freunden, Ärzten, Versicherungsangestellten zu telefonieren – oder sich eine Pizza zu bestellen. Er ist es gewohnt, wenn es bei seinen Gesprächspartnern dann zunächst stockt, weil der, mit dem Orkan Kubus dann spricht, erst einmal nichts hört.

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