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Deutsches Rotes Kreuz : DRK-Suchdienst: Hinter jeder Karteikarte steckt ein Schicksal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie rekonstruieren Geschichten von Suchenden und Gesuchten: Wie die Suchdienst-Mitarbeiter des DRK Vermisste aus aller Welt wiederfinden.

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erstellt am 02.Aug.2015 | 16:36 Uhr

Einst war es der Zweite Weltkrieg, der Familien auseinanderriss, heute sind es die Bürgerkriege in Vorderasien und Afrika, die Unheil über Menschen bringen. Für den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hat sich daher in den vergangenen 70 Jahren seines Bestehens nicht viel verändert: Heute wie damals suchen die Menschen nach vermissten Angehörigen. Heute wie damals rekonstruieren die Suchdienst-Mitarbeiter Geschichten von Suchenden und Gesuchten. Dank eines internationalen Netzwerkes gelingt es dem DRK auch unter den schwierigsten Umständen, Menschen wieder zusammenzuführen – ganz gleich, ob im Trubel des Wacken Open Airs oder nach humanitären Katastrophen wie dem Erdbeben in Nepal im April dieses Jahres.

Den Grundstein für den Suchdienst in seiner heutigen Form legten 1945 die beiden Wehrmachtsoffiziere, Helmut Schelsky und Kurt Wagner in Flensburg. Im Nachkriegs-Chaos kamen täglich Massen von Flüchtlingen und überlebende deutsche Soldaten in der Förde-Stadt an. Die Hauswände und Litfaßsäulen waren voll mit handgeschriebenen Zetteln von Menschen, die nach vermissten Angehörigen suchten. „Nach dem Zusammenbruch der staatlichen Strukturen, begannen Schelsky und Wagner damit, die Suchmeldungen nach Vermissten zu sammeln. Und das unter einfachsten Bedingungen“, erklärt Ronald Reimann, stellvertretender Leiter der Suchdienst-Leitstelle in Berlin.

„Eigentlich sind Karteikarten das wichtigste Instrument der Suchdienst-Arbeit, aber es gab kein Papier.“ So hätten sie zunächst die Reste von alten Kartons für ihre Aufzeichnungen genutzt, bis eine Flensburger Firma schließlich fünf Tonnen Karteikarten zur Verfügung stellte. Nach einigen Wochen wurde die Suchdienst-Zentrale nach Hamburg verlagert, wo sich bereits eine ähnliche Einrichtung in den Strukturen des DRK gebildet hatte.

Das Prinzip der Suchdienst-Arbeit ist heute wie damals dasselbe: Tauchen auf zwei Karten die gleichen Namen auf, können Menschen zusammengeführt werden. „Karteikarten-Hochzeit“ nennt Ronald Reimann das. Mittlerweile findet die Vermählung nicht mehr auf dem Papier, sondern auf Festplatten und Servern statt: Im vergangenen Jahr schloss der DRK-Suchdienst die Digitalisierung von 20 Millionen Karteikarten ab. Weggeworfen wurde das gute alte Papier aber nicht: Die Karten lagern im Keller der Hamburger Zentrale und sind weiterhin für Suchende zugänglich.

Aktuell sind es vor allem die Flüchtlinge aus aller Welt, die auf der Suche nach ihren Familien sind. Fast täglich würden Menschen mit neuen Anfragen an ihre Tür klopfen, berichtet Anna Diekmann vom Suchdienst in Kiel. Dort betreut sie eine von drei Beratungsstellen in Schleswig-Holstein. Mit Abstand die meisten Suchenden und Gesuchten kämen im Moment aus Syrien, vereinzelt auch aus dem Irak und Afghanistan. „Auf dem Weg nach Europa verlieren ganz viele Familien den Kontakt“, sagt Diekmann. Die Schicksale, von denen sie erfährt, machen sie sprachlos. Teilweise würden Familien zum Beispiel durch Schlepper getrennt, wenn das Boot voll sei.

Wenn ein Suchender zu ihr kommt, dann lässt sich Diekmann seine Geschichte im Detail erzählen und versucht den Hergang zu rekonstruieren. „Das kann sehr schwierig sein, weil die Menschen emotional sehr stark involviert sind.“ Oft würden sie vor Verzweiflung in Tränen ausbrechen. „Als Suchdienst-Mitarbeiterin muss ich Seelsorger und Jurist in einem sein.“ Alle wichtigen Informationen samt persönlicher Daten und – wenn vorhanden – ein Foto des Vermissten, sammelt sie auf einer digitalen Karteikarte, die in das zentrale Register in München aufgenommen wird.

An dieser Stelle ist die offizielle Arbeit Diekmanns beendet: Wie groß dann die Chancen auf ein Wiedersehen stehen, kann sie nicht sagen. Oft erfährt sie gar nicht davon, wenn die Betroffenen von der Zentrale benachrichtigt werden und es zu einem Wiedersehen kommt.

Nach offiziellen Angaben des Suchdienstes, können etwa zwei Drittel der Anfragen positiv beantwortet werden. In vielen Fällen zieht sich die Suche allerdings jahrelang hin, und die ersten Hinweise auf den Vermissten treffen erst ein, wenn die Suchenden die Hoffnung schon längst aufgegeben hatten.

So sei auch die Phase der Schicksalsklärungen nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht abgeschlossen. Bis heute ist der Verbleib von 1,3 Millionen Menschen, die in den Kriegsjahren verschwanden, noch nicht geklärt. Erst in den 90er-Jahren gewährten die Russen Einblick in zahlreiche Kriegsgefangenenakten, die viele neue Hinweise brachten.

Und teilweise tauchen auch noch neue Fälle aus jener Zeit auf: Erst neulich habe eine ältere Dame in Kiel Unterlagen auf ihrem Dachboden gefunden, die darauf hindeuteten, dass Verwandte im zweite Weltkrieg verschollen seien. Auch diesen Fall nahm Diekmann in die Namenskartei auf. Selbst nach 70 Jahren ist eine „Karteikarten-Hochzeit“ nicht ausgeschlossen.

Der DRK-Suchdienst ist in Schleswig-Holstein mit Beratungsstellen in Kiel, Eutin und Schleswig vertreten. Die Mitarbeiter helfen nicht nur bei der internationalen Suche nach Vermissten, sondern beraten auch bei der Zusammenführung getrennter Familien. Kontakt: 0431 / 57 07-0.

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