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Daten über Verkehrsunfälle für 2015 : Drei Viertel aller Unfälle in SH gehen in der Statistik verloren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwar wird jeder Unfall eingetragen, oft aber ohne Ursache. Die ist nur bei 20.000 von 85.000 Unfällen bekannt.

Kiel | „Die Bekämpfung von Unfallursachen findet in Schleswig-Holstein weitgehend im Blindflug statt.“ Davor warnt der Vorsitzende des CDU-Landesfachausschusses Innenpolitik, Sylvio Arnoldi. Denn aus dem gerade erschienenen Verkehrsunfallbericht des Innenministeriums für 2015 ergibt sich: 75 Prozent aller Unfälle stehen für eine detailliertere Auswertung nicht zur Verfügung.

Wären die genaueren Umstände von Verkehrsunfällen besser bekannt, könnte dies bei der Vermeidung weiterer Unfälle helfen. Gefahrenpunkte könnten durch Auswertung von Daten besser beobachtet oder überhaupt erst als solche identifiziert werden. Möglicherweise würde dies helfen, Leben zu schützen.

Von 85.220 von der Polizei registrierten Verkehrsunfällen hat sie nur 20.018 Unfälle aufgenommen. Alle anderen 63.202 wurden nur auf einer Strichliste erfasst nach dem Motto: hat stattgefunden. Bei dieser Masse aber fallen genauere Umstände unter den Tisch. Etwa, wo genau in einer Stadt oder Gemeinde sich das Geschehen ereignet hat. Das bestätigt das Landespolizeiamt.

„Damit gehen wertvolle Informationen über Gefahrenpunkte verloren“, kritisiert Arnoldi. Umso unklarer bleibe, wo man für mehr Sicherheit baulich etwas verändern müsse oder wo bestimmte Schilder helfen könnten. Befremden auch beim ADAC: „Für eine Auswertung der Unfallstatistik, für Verkehrsüberwachung und den verkehrssicheren Ausbau der Infrastruktur ist eine genaue Kenntnis der Unfallorte natürlich unabdingbar“, betont der Sprecher des Automobilclubs, Ulf Evert. „Wenn eine Regierung es ernst meint mit der Verkehrssicherheit, dann müssen solche Maßnahmen auf exakten Daten beruhen und nicht zu drei Vierteln auf Annahmen.“

„Theoretisch kann es passieren, dass immer an derselben Stelle 50 leichtere Unfälle passieren, aber diese Stelle statistisch nie als Unfallschwerpunkt auffällt“, sagt Torsten Jäger, stellvertretender Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Man verlässt sich darauf, dass die Dienststellen vor Ort aus eigenem Erleben Auffälligkeiten melden. Das passiert aber nur lückenhaft, da sich die Polizei an vielen Stellen aus der Fläche entfernt hat.“

Mit allen Details nehmen die Beamten die Unfälle auf, denen eine Straftat oder eine erhebliche Ordnungswidrigkeit wie etwa ein Tempoverstoß zugrundeliegt. Gleiches gilt, wenn Personen verletzt oder getötet worden sind. Schließlich geht es in diesen Konstellationen darum, den Fall der Staatsanwaltschaft oder der örtlichen Ordnungsbehörde anzuzeigen. Für alle anderen Unfälle registriert die Polizei nur Monat, Kreis und Kommune und die Kategorien innerorts, außerorts oder Autobahn. Es geht etwa um Auffahr- oder Wildunfälle. Im Auswertungssystem dann im Nachhinein konkreter nach Örtlichkeiten zu suchen, sei „nicht aussagekräftig genug“, heißt es aus dem Landespolizeiamt. Allerdings sind gerade die Unfälle nach leichten Ordnungswidrigkeiten besonders gestiegen: von 2014 auf 2015 um 7,7 Prozent.

Dass die teils auch Bagatellunfälle genannten leichteren Vorkommnisse nicht mehr aufgenommen werden, ist seit 1995 Praxis. Die damalige SPD-geführte Landesregierung verzichtete darauf, um Dienststellen „im unteren zweistelligen Bereich“ einzusparen, wie ein Sprecher der Landespolizei mitteilt.

Allerdings: „In letzter Zeit hat der Zeitaufwand zur Bearbeitung von Bagatellunfällen wieder zugenommen“, schildert GdP-Mann Jäger. Denn seit 2013 hält das elektronische Vorgangsbearbeitungssystem der Polizei ein Formular auch für diese nur von Sachschäden begleiteten Unfälle bereit. Es wird laut Jäger vor allem genutzt, um Anfragen von Rechtsanwälten von Unfallbeteiligten zu beantworten. Die Speicherfristen sind laut Landespolizeiamt aber nur kurz.

CDU-Mann Arnoldi stellt sich vor, dass in diesem neuen digitalen Bearbeitungsformular doch auch ohne allzu großen Zusatzaufwand die genaue Örtlichkeit eingetragen werden könnte. „Die IT-gestützten Verkehrslagebilder der Polizei müssen diese Lücke zukünftig schließen, um die Unfallursachen gemeinsam mit den Städten und Gemeinden wirkungsvoll zu bekämpfen.“

Im Landespolizeiamt hingegen hält man den Erfassungsaufwand für weitere Daten für „hoch“. „Im Ergebnis“, so heißt es dort auf Anfrage, „steht der Aufwand in keinem sinnvollen Verhältnis zu einem möglichen Nutzen“. Für Wildunfälle allerdings – so weit geht auch der Polizei-Sprecher – wären auch nach dortiger Auffassung genauere örtliche Erkenntnisse hilfreich. Es geht um immerhin 15.000 Fälle 2015 – doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Jedoch seien auf diesem Gebiet ohnehin die Beobachtungen der Jägerschaft verlässlicher als die der Polizei.

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