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Sauf-Tourismus in Prag : Die Wikinger kommen – auf  Beutezug nach billigem Bier

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Dänemark beginnen die Ferien und Prag wappnet sich gegen den Ansturm Tausender betrunkener dänischer Jugendlicher. Der Grund: Die Busfahrt ist billig, und das Bier ist es auch. Seit dem vergangenen Jahr steht die „Goldene Stadt“ ganz oben auf der Wunschliste trinkfreudiger Wikinger.

Kopenhagen/Prag | Die Prager Burg hat in ihrer über 1000 Jahre langen Geschichte viele Eroberer kommen und gehen sehen. Die Hussitenkriege verwüsteten den einstigen Kaisersitz, doch weder Dreißigjähriger noch Siebenjähriger Krieg konnten der „Goldenen Stadt“ wirklich etwas anhaben. Doch nun zittern die Prager vor einer völlig neuen Invasion: den Wikingern! Ab heute werden über 10.000 jungen Dänen erwartet, die ihre Schulferien für einen Ausflug in die Kulturstadt an der Moldau nutzen. Doch im Gegensatz zu Millionen Touristen werden die Jugendlichen nicht von der reichen Geschichte und Kultur der Universitätsstadt, in der Literaten wie Franz Kafka oder Rainer Maria Rilke ihre Verse schmiedeten, angelockt, sondern vom billigen böhmischen Bier. Bereits das vergangene Jahr hat gezeigt: Schulferien in Dänemark sind gefährlich für die tschechische Hauptstadt.

„Das Bier ist total billig.“ „Hier ist es einfach cool.“ „Die Stadt ist schön, vor allem die blonden Tschechinnen.“ – fassten 2013 junge Dänen ihre Eindrücke vom Ausflug in die Goldene Stadt zusammen. Damals bot erstmals ein dänisches Busunternehmen günstige Fahrten in die Moldaustadt an, die durch den Bau der Autobahn Dresden–Prag deutlich näher an Mitteleuropa gerückt ist. Während die Sachsen nun eben mal kurz „zum Frühstück nach Prag“ fahren – wie die Staatsregierung für den lange umstrittenen BAB-Bau warb – ist die Goldene Stadt nun eben auch für Bustouristen aus dem Norden gut und bequem zu erreichen.

Ergebnis: Die Dänen entdeckten ein neues Partyziel: günstiges Bier, günstiges Essen, und auch eine günstige Anreise – was will man mehr? 2013 trafen täglich bis zu 500 Schüler aus unserem Nachbarland in Prag ein und hinterließen im Suff eine Spur der Verwüstung in Hotels und Kneipen der Touristenhochburg, wegen Schlägereien und Trinkleichen hatten Rettungskräfte alle Hände voll zu tun. Insgesamt kamen geschätzt achttausend Schüler aus Dänemark nach Prag und einige von ihnen schlugen unter erheblichem Alkoholeinfluss heftig über die Stränge. Sie zerlegten Hotelzimmer, randalierten auf Straßen und in Kneipen. Die darauf nicht vorbereitete Prager Polizei sah dem Treiben zunächst fassungslos zu. Dann beschwerte sie sich massiv bei der dänischen Botschaft. Als die Invasion mit dem Ende der Ferien vorbei war, atmete man an beiden Ufern der Moldau auf.

Das soll sich in diesem Jahr nicht wiederholen. „Die Prager Polizei ist bereit einzugreifen, falls es wieder zur Verwüstung von Eigentum und Ausschreitungen kommt“, warnte Bürgermeister Tomas Hudecek die Besucher im Vorfeld zu den dänischen Winterferien 2014. Und auch der Bürgermeister des Prager Altstadtbezirks, Oldrich Lomecky, appellierte an die dänische Botschaft, dafür zu sorgen, dass die dänischen Zeitungen klare Warnungen ausgeben. „Wer unsere Gesetze verletzt, muss mit harten Strafen rechnen.“ Schließlich soll alles anders werden, obwohl noch mehr junge Dänen erwartet werden als im Vorjahr. Doch beide Seiten zeigen sich gewappnet: Die Polizei hat deutlich gemacht, dass sie sich nicht wieder auf der Nase herumtanzen lasse, sondern notfalls kräftig zulangen werde. Und Dänemarks Botschafter in Tschechien, Christian Hoppe, will in den kommenden Tagen in seinem Heimatland Aufklärungsarbeit leisten. „Das Geschehen im vergangenen Jahr war für alle Beteiligten unerfreulich“, sagte der Diplomat der Prager Zeitung „Hospodarske noviny“ diese Woche. Hoppe will in der kommenden Woche an einem Seminar an einem Gymnasium in Kopenhagen teilnehmen. Diese Veranstaltung bekommt zusätzliches Gewicht durch die Anwesenheit der dänischen Gesundheitsministerin Astrid Krag (SF).

Angesagt dort hat sich auch der Chef des Reisebüros „Rejsemaegleren“, Kristian Aksel Nielsen. Dieses Reisebüro hatte im vergangenen Jahr die Schülerreisen organisiert und dabei keine gute Figur gemacht. Zeugen sprachen seinerzeit davon, dass die Vertreter des Reiseunternehmens ihren halbwüchsigen Klienten den Zugang zu Bier verschafften, ungeachtet des Alkoholverbots für Jugendliche unter 18 Jahren in Tschechien. In diesem Jahr will „Rejsemaegleren“ keine Schüler nach Prag entsenden. Nielsen verteidigt dennoch die Aktion aus dem vergangenen Jahr. Es sei gerade mal ein Prozent der Schüler gewesen, das Probleme bereitet hätte.

Die Geschehnisse von 2013 waren auch deshalb ein Kulturschock, weil der normale Tscheche nicht so wahnsinnig viel über Dänemark weiß. „Prima, prima Käse aus Dänemark“ kennt er von früher aus der Bandenwerbung bei Eiskunstlauf-Europa- oder Welt-Meisterschaften. Fußballer von Klubs beider Länder haben sich in der Champions League oder in der Euro-Liga gegenübergestanden. Kopenhagen ist ein Reiseziel im Westen unter vielen, das tschechische Touristen an Wochenenden aufsuchen. Aber damit erschöpft sich der Kenntnisstand über das Volk in Skandinavien, das eigentlich gar nicht so weit entfernt lebt. Generell sind die Dänen den Tschechen nahe, weil es sich ebenfalls um ein kleines Volk in Europa handelt, mit dem man sich wegen dieses Umstands per se solidarisch fühlt.

Nun die Invasion der Wikinger, die den Wenzelsplatz – die Prager Prachtmeile – hoch und runter grölten und vor denen schlichtweg nichts sicher zu sein scheint. Da die Dänen in Massen anreisen, dauert das Einchecken in den Hotels schon einmal etwas länger. Die, die warten müssen, machen es sich sitzend auf der Straße vor dem Hotel gemütlich und bremsen damit auch schon mal den Autoverkehr selbst auf Hauptstraßen aus. Weshalb sollte man auch aufstehen und sich gesittet anstellen, wie sie das in Dänemark gewöhnt sind? Nein, hier ist man im Ausland, das auch noch billig zu „erobern“ ist. Hier ist man wer. Zumal in einer größeren Gruppe. Die verleiht zusätzlich Kraft und Übermut. Die meisten jungen Dänen, die in Prag einfallen, sind nicht älter als 18 Jahre. Kaum eingecheckt, ziehen die jungen Leute los, gehen auf die „Piste“, kommen selten an der ersten Kneipe vorbei. Dort wird sich abgefüllt, bis das Bier bis zum Kragen steht. Danach werden junge Tschechinnen belästigt, egal, ob die erkennbar dem „horizontalen Gewerbe“ nachgehen oder nicht. Zurück im Hotel, wird dann richtig Spektakel veranstaltet. Die einzigen Tschechen, die davon profitieren, sind Schreiner, Tischler oder Glaser. Sind die Dänen abgezogen nach durchschnittlich drei oder vier Tagen, haben sie alle Hände voll zu tun, um die teilweise schweren Schäden in Hotels und Restaurants zu beseitigen. Bis zur Ankunft des nächsten Schwungs aus Skandinavien. Ein schlechtes Gewissen hat niemand von den Gästen. Die Dänen zahlen mittlerweile bei der Ankunft eine Kaution, die deutlich über dem Hotelpreis liegt. Davon werden danach die Schäden beglichen.

Folge der Wikinger-Invasion: Bei den Tschechen sind die jungen Dänen erst einmal „unten durch“. Bislang kannten die Prager ähnliche Auswüchse nur von jungen Briten, die sich an der Moldau volllaufen ließen und danach randalierten, was das Zeug hielt. Englische Reiseanbieter haben die Konsequenz gezogen und die Billig-Flüge in die tschechische Hauptstadt ausgesetzt.

Im Kampf „Bier- und Randale-Tourismus“ hat die tschechische Polizei mittlerweile aufgerüstet und Hunderte Einsatzkräfte zusätzlich in Bereitschaft gesetzt. Inzwischen werden minderjährige Touristen aus Dänemark von den Reiseveranstaltern mit rosa Plastikbändchen am Handgelenk gekennzeichnet. Damit darf ihnen in den Prager Kneipen kein Alkohol mehr verkauft werden.

Doch ob sich die geschäftstüchtigen Kneiper daran halten werden, ist ungewiss, zu sehr lockt das schnelle Geld. Damit hat die Prager Polizei ein weiteres Problem und muss neben den Dänen nun auch die Schankwirte kontrollieren.

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erstellt am 09.Feb.2014 | 09:13 Uhr

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