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Schleswig-Holstein

21. August 2017 | 05:27 Uhr

Der Fall Bachmeier : Die Tat einer Mutter

vom

Eine Mutter tötet im Gericht den Mörder ihrer Tochter: Marianne Bachmeier. Die damals einzig anwesende Gerichtsreporterin Barbara Kotte erinnert sich.

# | Heute vor 30 Jahren, am 6. März 1981, tötete Marianne Bachmeier in Saal 157 des Lübecker Schwurgerichts den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna. Mit gezielten Schüssen aus einer italienischen Beretta, Kaliber 22 Millimeter. Sechs Kugeln trafen den 35-jährigen Klaus Grabowski in den Rücken, ein Schuss ging in seinen Arm, einer in die Decke. Marianne Bachmeier schoss, bis das Magazin leer war. Grabowski war sofort tot. "Selten", so der Anwalt des Angeklagten damals, "habe ich eine so ruhige, gute Schützin gesehen".
Bis die tödlichen Schüsse fielen, war der Prozess von der Presse weitgehend ignoriert worden. Die Kieler Gerichtsreporterin Barbara Kotte erinnert sich: "Als Marianne Bachmeier schoss, war ich die einzige anwesende Journalistin. Ich hatte den Prozess zwar mehreren Zeitungen angeboten. Doch es hieß bloß: Das wollen wir nicht so groß machen - all diese pädophilen Details..." Nach den Schüssen änderte sich das sofort: "Da klingelten alle bei mir an. Ich arbeitete schließlich für neun Sender, mehrere Zeitungen und Agenturen."
Kotte fand Bachmeiers Verhalten vom Beginn des Prozesses an "befremdlich": "Ich habe viele Prozesse erlebt, bei denen es um die Tötung von Kindern ging. Die Eltern machten meist den Eindruck, als wären sie am liebsten gar nicht da. Sie waren verhärmt." Nebenklägerin Bachmeier dagegen sei auffallend aktiv gewesen: "Ich saß schräg hinter ihr und hörte, wie sie ihrem Anwalt Michael Kröger dauernd Anweisungen gab: ,Michael mach dies, Michael mach das. Den schweigsamen Angeklagten schrie sie immer wieder an: ,Jetzt sag endlich was, du Schwein! - wie in einer Inszenierung."

Entschlossen zur Tat
"Befremdlich" nennt Kotte auch die Worte Bachmeiers, als sie kurz nach Öffnung der Saaltüren hineingingen: "Gott, hier ist es ja noch ganz leer!" Annas Mutter ging in den Vorraum zurück. Dieser Satz sollte zu den Schlüsselindizien im Prozess gegen Marianne Bachmeier gehören. Ebenso wie der erfreut-überraschte Ausruf ihres langjährigen Lebensgefährten Christian Berthold: "Sie hats getan, hats tatsächlich getan!" War es Rache? War es Hass? Oder Verzweiflung? Das konnte nie geklärt werden.
Als Klaus Grabowski schließlich auf die Anklagebank geführt worden war, ging Marianne Bachmeier in den Saal zurück, holte die Pistole aus ihrer Hosentasche und schoss Grabowski aus vier Metern Entfernung in den Rücken. Barbara Kotte: "Ich sah ihre Hand, die Handfläche, auf der noch die Waffe lag, die sie mit lässiger Bewegung zu Boden schleuderte. Dann ging sie wie selbstverständlich mit den Gerichtsbeamten mit." Im späteren Prozess wegen heimtückischen Mordes gegen Marianne Bachmeier sollte Kotte, die heute 1. Vorsitzende der Kieler Tafel ist, eine wichtige Zeugin werden.

Nach der Tat
Nach den Schüssen rannte die Reporterin sofort in ein Café in der Nähe des Gerichts, um vom dortigen Thekentelefon aus live für den NDR zu berichten. Die Wirtin schenkte ihr erst einmal einen Cognac ein, "weil ich so stark zitterte. Denn natürlich war auch ich total schockiert. Ich musste mich sehr konzentrieren, hatte nicht einmal Zeit für Notizen, weil ich sofort auf Sendung war".
Das Medieninteresse war nun riesig: Reporter aus dem In- und Ausland reisten an. Wühlten nicht nur in der Vergangenheit von Klaus Grabowski, sondern unerbittlich auch im Leben Marianne Bachmeiers. "Mit den Schüssen brach eine Welle an Geschäftemacherei, Geltungssucht, Rummel und Hektik los, an Hass, Neugierde und Indiskretion", erinnert sich Kotte. Viele Anwälte, etwa der Münchner Promi-Anwalt Rolf Bossi, rissen sich darum, Bachmeier zu verteidigen. Ruhm zu ernten. Die hatte auch rasch 100 000 Mark auf dem Konto - Spenden für die hohen Gerichtskosten.

Öffentliche Wahrnehmung
Gespalten waren die Reaktionen in der Bevölkerung. Bejubelt von den einen - "Hut ab vor dieser Frau!" -, wurden rasch auch Gegenstimmen laut, die die Selbstjustiz der schönen Gastwirtin ablehnten: "Verständlich ja, tolerierbar nein." In unzähligen Zeitungsberichten, Rundfunk- und Fernsehsendungen, einer Exklusiv-Serie im "Stern", Büchern und mehreren Filmen wurde das Leben Marianne Bachmeiers und ihrer Familie bis ins kleinste Detail durchleuchtet und schonungslos vermarktet.
Im März 1983 wurde Marianne Bachmeier im Lübecker Amtsgericht wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Nach drei Jahren kam sie vorzeitig frei. Sie lebte mehrere Jahre in Afrika, ging schließlich nach Palermo und arbeitete dort als Sterbebegleiterin. 1996 erkrankte sie an Krebs. Zurück in Schleswig-Holstein starb sie am 17. September 1996 in Sierksdorf (Kreis Ostholstein). Beerdigt wurde sie auf dem Lübecker Burgtorfriedhof neben ihrer Tochter Anna. In einem weißen Sarg.

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erstellt am 07.Mär.2011 | 09:41 Uhr

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