zur Navigation springen
Schleswig-Holstein

11. Dezember 2017 | 07:40 Uhr

Polizei : Die „Spätkriminellen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie werden als „Gangster-Rentner“ oder „Senioren-Räuber“ bezeichnet. Und es werden immer mehr: Durch den demografischen Wandel steigt die Zahl der älteren Kriminellen – mit völlig neuen Anforderungen an Polizei und Justiz.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2013 | 13:17 Uhr

Alter schützt vor Torheit nicht – und auch nicht vor Straftaten. In Schleswig-Holstein werden immer mehr Senioren als Tatverdächtige ermittelt. Im vergangenen Jahr waren bereits 5299 Täter über 60 Jahre alt, so die Polizeiliche Kriminalstatistik des Landes. Das waren 8,7 Prozent aller Tatverdächtigen. Im Jahr 2009 waren es noch „nur“ 7,8 Prozent.

Bundesweit stieg die Zahl der registrierten Tatverdächtigen ab 60 plus nach Angaben des Bundeskriminalamtes zwischen 2002 und 2012 sogar um etwa acht Prozent auf rund 152 000. Für die Polizei ist der demografische Faktor die Hauptursache. „Es gibt eben immer mehr ältere Menschen“, sagt Sprecher Michael Schuldt. Darum würde sich auch ihr prozentualer Anteil am Kriminalitätsgeschehen vergrößern. Zudem ist die Lebenserwartung auf mittlerweile über 80 Jahre angestiegen. Erst im Juli dieses Jahres war vor dem Rostocker Landgericht ein Verfahren gegen eine 75-jährige Rostockerin wegen banden- und gewerbsmäßiger Erpressung gegen eine Geldauflage von 20 000 Euro eingestellt worden. Die Frau ist die Mutter des verurteilten Erpressers der Liechtensteinischen Landesbank (LLB).

„Schwere Straftaten kommen bei Senioren allerdings selten vor“, sagte der Greifswalder Kriminologe Professor Frieder Dünkel. Nach einer aktuellen Studie der kriminologischen Abteilung des Max-Planck-Instituts in Freiburg nimmt Trunkenheit am Steuer den ersten Platz in der Rangfolge der Straftaten ein. Häufige Delikte sind nach anderen Studien auch Fahrerflucht nach einem Verkehrsunfall, Schwarzfahren und Ladendiebstahl. Auch Altersarmut sei für manche ein wichtiges Tatmotiv.

Das bestätigt Marina Breuer von der Polizeidirektion Flensburg, Abteilung Kriminalitätsbekämpfung und -prävention. „Im Bereich der Ladendiebstähle ist festzustellen, dass überwiegend Dinge gestohlen werden, die für den täglichen Lebensbedarf benötigt werden. Von den ertappten Senioren wird auch immer wieder ausgesagt, dass sie nicht mehr genug Geld zum Leben haben und daher gestohlen haben.“

Aber auch auf dem Betrugssektor seien die Senioren aktiv. Insbesondere beim Erschleichen von Leistungen („Schwarzfahren“) und beim Tankbetrug geben die Ermittler finanzielle Probleme, aber auch Vergesslichkeit (z. B. Fahrschein vorhanden, aber nicht abgestempelt) an. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) nehmen auch einfache Körperverletzungsdelikte, Beleidigung und Nötigung bei der Generation Ü 60 zu. „Sehr hoch ist die Bedeutung von Senioren außerdem bei Straftaten wie etwa der Umweltkriminalität mit einem Anteil von 14 Prozent, der fahrlässigen Brandstiftung mit 25 Prozent, aber auch der Körperverletzung mit Todesfolge, wo ihr Anteil bei 24 Prozent aller Tatverdächtigen liegt“, sagte BKA-Chef Jörg Ziercke in einem Interview mit der Zeitschrift „Die Polizei“. „Bemerkenswert ist, dass ältere Tatverdächtige meistens erstmals polizeilich in Erscheinung treten, man spricht hier von Spätkriminalität.“

Die Ursache dafür sei häufig eine misslungene Bewältigung der sozialen Begleiterscheinungen des Älterwerdens wie das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und der damit verbundene Verlust etwa von Verantwortung und sozialen Kontakten.

Und die Seniorenkriminalität wird weiter steigen. Allein durch das Altern der Bevölkerung dürfte sich die Zahl der straffälligen Rentner in den nächsten zwei Jahrzehnten fast verdoppeln. „Die Hoffnung vieler Politiker, dass die Kriminalität schon deshalb sinken wird, weil unsere Gesellschaft älter wird, wird sich nicht erfüllen”, warnt Wolfgang Spies vor falschem Optimismus. Der Polizeigewerkschafter hält die Zunahme bei den älteren Straftätern für besorgniserregend. Sozialwissenschaftler Alexander Gluba von der Kriminologischen Forschungsstelle in Hannover geht davon aus, dass um das Jahr 2030 herum die Zahl der Gesetzesbrecher über 60 Jahre die Zahl der straffälligen Heranwachsenden erstmals übertreffen wird. Der Landeschef des Bundes der Kriminalbeamten in Hamburg, Andre Schulz, fordert inzwischen sogar ein eigenes Strafrecht für Ältere. Im Jugendstrafrecht wirke die mangelnde Reife von Minderjährigen strafmildernd – ganz ähnlich könne im Seniorenstrafrecht die nachlassenden Fähigkeiten in einer späten Lebensphase berücksichtigt werden. Zudem stoße der Grundsatz der Resozialisierung „bei einem 80-Jährigen ohnehin an Grenzen“.

Aufsehen erregte 2012 ein Prozess vor dem Landgericht Mannheim. Ein selbst gesundheitlich angeschlagener 82-Jähriger, der seine schwerkranke Frau angeblich auf deren eigenen Wunsch hin erstickt hatte, wanderte wegen Totschlags hinter Gitter. Offiziell lautete das Urteil auf zweieinhalb Jahre Haft. „Taten wie diese wird es in Zukunft öfter geben”, kommentierte der in Mannheim zuständige Oberstaatsanwalt Stephan Ullrich das spektakuläre Totschlag-Verfahren.

Seine Prognose wird gestützt durch Erfahrungen, die exemplarisch in Japan gemacht wurden – einer Gesellschaft, die weltweit zu den am stärksten überalterten gehört. Die Zahl der Menschen über 65 Jahre hat sich dort im letzten Vierteljahrhundert verdoppelt; die Zahl der straffälligen Rentner stieg im gleichen Zeitraum um das Fünffache. Sollten also künftig auch in Deutschland häufiger 70- oder 80-Jährige verurteilt und gar inhaftiert werden, wirft das neuartige Probleme im Strafvollzug auf. Die heutigen Gefängnisse sind in der Regel nicht auf die Bedürfnisse von eingesperrten Senioren eingestellt. Das fängt bei der Rollstuhltauglichkeit der Gebäude an und hört bei zusätzlichen Sicherheitsgriffen an Duschen und Toiletten auf.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen