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30 Jahre Seehundstation Friedrichskoog : Die Seehund-Flüsterin

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Tanja Rosenberger leitet die Seehundstation Friedrichskoog - seit 18 Jahren. Ein Knochenjob.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2015 | 15:58 Uhr

Friedrichskoog | Wenn man die zahlreichen Narben auf Tanja Rosenbergers Händen und Armen sieht, ahnt man schon: Der Job mit Heulern und Seehunden ist kein Kuschelkurs. „Handmodel werde ich sicher nicht mehr“, lacht die 43-Jährige. Die Narben, die beim Füttern und Verarzten der Tiere entstanden sind, zeugen von der nicht ungefährlichen Arbeit mit den Sympathieträgern des Wattenmeeres, die trotz ihrer großen Kulleraugen und der possierlichen Gesichter eben Raubtiere sind. In Friedrichskoog hat die Heuler-Aufzucht Tradition: Schon vor der Gründung der Station zog der Krabbenfischer und Seehundjäger Werner „Polli“ Rohwedder auf seinem Kutter und in seinem Garten verwaiste Heuler groß. 1985 wurde er der erste Leiter der Seehundstation.

Seit 1997 übernahm die damals erst 25-jährige Tanja Rosenberger die Leitung der Seehundstation. „Ich wurde quasi von der Universität weg engagiert, das hat mich schon überrascht“, sagt die gebürtige Hamburgerin schmunzelnd. Neu war ihr die Arbeit mit den Tieren indes nicht: Das Wattenmeer und dessen Bewohner spielten schon in Rosenbergers Biologie-Studium eine große Rolle. „Ich habe einige Praktika auf Sylt gemacht und für mich war immer klar, dass ich draußen arbeiten will. Ich bin kein Labormensch“, sagt die quirlige Stationsleiterin. Durch einen Kommilitonen erfuhr Rosenberger 1995 von der Seehundstation in Friedrichskoog. Ein Jahr späterer schrieb sie hier ihre Diplomarbeit. Seitdem ist sie mit den Tieren und ihrer Arbeit fest verwurzelt.

Im Mittelpunkt steht natürlich die Aufzucht der schwachen Heuler. Unser Video aus dem Juni zeigt, wie, die Baby-Seehunde aufgepäppelt werden.

Neben der Heuleraufzucht ist Tanja Rosenberger auch für vier Seehunde und zwei Kegelrobben verantwortlich, die dauerhaft in der Station ihre Runden drehen. Einmalig in Deutschland leben diese beiden heimischen Robbenarten hier in einem Becken zusammen. Die Betreuung der Tiere ist eine Lebensaufgabe. „In Gefangenschaft kann ein Seehund bis zu 40 Jahre alt werden“, so Rosenberger.

Zu den sogenannten Dauerhaltungstieren baue man schon einen besonderen Kontakt auf, erzählt die Stationsleiterin. So ging ihr auch der Tod des Seehundes „Lümmel“ vergangenes Jahr besonders zu Herzen. In seinem ersten Jahr in der Station kämpfte sie um das Leben des Tieres, nicht sicher, ob er es schaffen würde. Umso enger wurde der Kontakt zu dem komplett blinden Seehund. „Die ganze Station hing an ihm. Als er starb, hat uns das alle mitgenommen.“ Doch die schönen Momente in der Seehund-Station überwiegen. Tage etwa, an denen in Friedrichskoog neues Leben entsteht. So hat Tanja Rosenberger beispielsweise die Geburt der Seehund-Dame „Lilli“ begleitet.

Die Seehunde und Kegelrobben werden regelmäßig untersucht. Tanja Rosenberger zeigt an der Kegelrobbe Juris, wie es geht.
Die Seehunde und Kegelrobben werden regelmäßig untersucht. Tanja Rosenberger zeigt an der Kegelrobbe Juris, wie es geht. Foto: dpa

Bei allem Herzblut für den Job - zu den Heulern wahrt die Biologin Distanz. „Unser Ziel ist es, sie schnell groß und stark zu machen. Mit so wenig Menschenkontakt wie möglich, damit sie ihre natürliche Scheu nicht verlieren.“ 164 Tiere wurden diese Saison bislang in die Station gebracht - 18 von ihnen sind bereits schon wieder ausgewildert. Sechs der Jungtiere haben es nicht geschafft. „Wir können leider nicht jedes Tier retten“, bedauert Rosenberger.

140 Heuler werden derzeit in der Station aufgepäppelt. Mindestens 25 Kilogramm müssen die Tiere auf die Waage bringen, um in der Wildnis überleben zu können. Das Gelände ist groß - den jungen Seehunden stehen elf Aufzucht- und ein Auswilderungsbecken zur Verfügung. Kranke Tiere werden in insgesamt 15 Quarantänebecken untergebracht.

Für 32 Seehunde ist derzeit das Auswilderungsbecken die letzte Hürde vor der großen Freiheit. „Hier lernen die Tiere abschließend, sich gegen ihre Konkurrenten zu behaupten“, erklärt Tanja Rosenberger. Das heißt vor allem: Den Fisch fangen, bevor es ein anderer tut. Appetit haben sie alle. Fünf Tonnen Fisch verdrücken die Bewohner der Seehundstation in einer Woche. Vor allem Hering, manchmal auch Makrele. Allein ein etwa sechs Wochen alter Heuler verschlingt an die zwei Kilogramm Fisch am Tag.

Menschen und Seehunde - das Team der Seehundstation Friedrichskoog.
Alles für die Seehunde - das Team der Seehundstation Friedrichskoog. Foto: dpa

Für Tanja Rosenberger ist die Arbeit mit den Tieren auch ein Knochenjob. „Wir arbeiten in drei Schichten von 4.30 Uhr, wenn es blöd läuft, bis Mitternacht.“ Vergangenes Jahr hat die Biologin drei Tage Urlaub gemacht. An den letzten längeren Urlaub kann sie sich nicht erinnern. Das scheint ihr aber nicht viel auszumachen. Denn richtig Urlaub hat Tanja Rosenberger ohnehin nie: Wenn sie nicht in der Station arbeitet, kümmert sie sich um die Tiere auf ihrem Resthof. Doch die Biologin brennt für das, was sie macht. Menschen Wissen über die Seehunde und Kegelrobben und deren Verhaltensweisen zu vermitteln, gehört auch dazu. Die schönste Belohnung aber ist für sie, „ihre“ Seehunde in die Freiheit schwimmen zu sehen. Ob sie sich ein Leben ohne Seehunde vorstellen könnte? „Es würde schon gehen. Aber es wäre nicht so schön“.

Das 30-jährige Jubiläum der Station wird am Mittwoch, 5. August 2015 von 10 bis 18 Uhr mit einem bunten Rahmenprogramm gefeiert.

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