FKK-Strände in SH : Die nackten Jahre sind (fast) vorbei

1954 hatte in Westerland der erste offizielle FKK-Strand eröffnet. Ein Hinweisschild signalisierte den Strandurlaubern: Ab hier fallen alle Hüllen.
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1954 hatte in Westerland der erste offizielle FKK-Strand eröffnet. Ein Hinweisschild signalisierte den Strandurlaubern: Ab hier fallen alle Hüllen.

FKK im Abwärtstrend – vor allem jüngere Menschen mögen sich an den Stränden von Nord- und Ostsee nicht mehr nackt zeigen.

shz.de von
10. August 2017, 20:11 Uhr

Sylt/Klingberg | Gregor Gysi beklagt den Rückgang der FKK-Kultur. Ob dies wirklich so beklagenswert ist – Geschmackssache. Die Schauspielerin Romy Schneider, die in Norddeutschland das wahrscheinlich bekannteste Zitat zum Thema hinterlassen hat, konnte mit dem Nacktbaden zumindest wenig anfangen: „In jeder Welle hängt ein nackter Arsch...“ soll sie 1968 nach einem Sylt-Besuch geklagt haben. Dieser Anblick bliebe ihr erspart, würde sie heute an der schleswig-holsteinischen Westküste Urlaub machen.

15 FKK-Strände gibt es in SH, doch der Trend ist rückläufig. Vom Verband für Familiensport und Naturismus Nord hieß es sogar, dass sich die Zahl der Nacktbader und Naturisten in den vergangenen 15 Jahren halbiert habe.

Eine, die das schade findet, ist Petra Reiber. Von 1991 bis 2015 war sie Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt – sie ist von Anfang an nackt ins Wasser gegangen. „Wir lagen alle so am Strand, die Mitarbeiter, die Politiker – das war ganz normal. Ich fand das schöner, als im klitschnassen Badeanzug rumzulaufen. Und es hat keiner komisch geguckt.“ Obwohl: „Klar, da stand auch mal ein Spanner in den Dünen. Ich weiß noch, so einer wurde dann von meinen Mann und den anderen verjagt“, erinnert sich die heute 60-Jährige. Und als sie – „da war ich noch jünger“– einmal ein Tourist anbaggern wollte, als sie allein und nackt am Strand lag, da sei sie auch irritiert gewesen: „So etwas gehört sich nicht.“ Aber in der Regel wüssten sich gerade die FKK-Anhänger zu benehmen. Das Anliegen von Herrn Gysi jedenfalls kann Reiber nur unterstützen: „FKK ist eine besondere Kultur, die nicht verloren gehen sollte.“

Und auch wenn an den Sylter Stränden immer weniger Menschen ihrem Beispiel folgen: Einen gewissen Kult-Faktor hat das Nacktbaden dort immer noch. Der legendäre Strandabschnitt Buhne 16 wurde im vergangenen Jahr von den Nutzern eines Reiseportals sogar unter die Top-Ten der weltweit besten FKK-Destinationen gewählt. Birgit Friese, Tourismus-Chefin in Kampen, bedauert es, dass immer weniger Gäste nackt baden wollen: „Ich finde es gut, was Herr Gysi gesagt hat.“ In Kampen werde man die Freikörper-Kultur weiter hoch halten, wenngleich es passieren könnte, dass reine Nacktbade-Strandabschnitte mangels Nachfrage künftig als FKK- und Textilstrände ausgewiesen werden.

Auf der Nachbarinsel Amrum sieht man das Nacktbaden nicht als Politikum. Wer so, wie Gott ihn schuf, ins Wasser gehen möchte, fände auf dem zwölf Kilometer langen Kniepsand immer eine einsame Stelle, sagt Tourismusdirektor Frank Timpe. Und natürlich gäbe es auch auf Amrum einen offiziellen FKK-Strand - und sogar einen FKK-Campingplatz. Der erfreue sich großer Beliebtheit, so Timpe, deshalb könne er auch nicht sagen, dass die Freikörper-Kultur auf seiner Insel eines besonderen Schutzes bedürfe.

Nur mit Hut am Strand – das trauen sich junge Leute heute eher seltener.
Foto: Archiv Sylter Geschichten
Nur mit Hut am Strand – das trauen sich junge Leute heute eher seltener.

Doch Nacktbaden ist eine Frage des Alters: Die Badegäste, die heute noch die Hüllen fallen lassen, sind größtenteils ältere Leute. Das zeigt sich beispielsweise in St. Peter-Ording. „Die Menschen sind zwar immer aufgeklärter. Aber der Trend geht dazu über, sich wieder anzuziehen“, sagt Jan Lorenzen, Badestellen-Leiter in St. Peter-Ording. Und: „Die jungen Leute werden prüder.“ An sonnigen Sommertagen ist der FKK-Strand zwar noch gut besucht, allerdings lange nicht mehr so gut wie in den 80er oder 90er Jahren. Die Zeiten, in denen bekleidete Gäste noch beworfen wurden, wenn sie den FKK-Bereich betreten, sind allerdings auch vorbei. Da sind die Nacktbader toleranter geworden.

Auch an der Ostseeküste werden die FKK-Anhänger weniger. „Ich habe das Gefühl, dass die Bekleideten den Nacktbadern eher aus dem Weg gehen“, berichtet eine Mitarbeiterin der Surfschule Timmendorfer Strand, die an einen FKK-Strand grenzt. Und sie bestätigt: „Früher war da am Strand mehr los.“

Herrenkränzchen (fast) hüllenlos: eine Sylter Strandszene aus den 1970ern.
Foto: Archiv Sylter Geschichten
Herrenkränzchen (fast) hüllenlos: eine Sylter Strandszene aus den 1970ern.
 

Gut 20 FKK-Strände gibt es an der schleswig-holsteinischen Ostsee. Der große Boom scheint aber auch hier vorbei zu sein. Dabei liegt nur einige Kilometer von Scharbeutz entfernt die Wiege der deutschen FKK-Kultur. Im September 1903 gründete der sächsische „Lebensreformer“ Paul Zimmermann den Ort Klingberg am Ufer des Großen Pönitzer Sees. Obstbauern, Künstler und Freigeister schlossen sich ihm an. 1926 öffnete offiziell der „Freilichtpark Klingberg“, das vermutlich weltweit erste Gelände für Anhänger der „Nacktkultur“. Das ehemalige Nudisten-Mekka ist in den 1980er Jahren einer Ferienhaussiedlung gewichen. In Scharbeutz gibt es aber einen Strandabschnitt, an dem hüllenloses Baden erlaubt ist. „Früher waren hier mehr Besucher, das ist schon weniger geworden“, sagt auch Strandkorbvermieter Ralf Plate. „Der FKK-Abschnitt war auch mal deutlich größer.“ Meist sei er ganz gut besucht, aber auch nicht besser als der Textilstrand. Es gebe aber verhältnismäßig viele Stammgäste.

Ein bisschen wie Klingberg früher ist es noch auf dem Campingplatz Rosenfelder Strand bei Grube, der einzige FKK-Campingplatz an der Ostseeküste. Auf gut 30 Hektar können die Gäste hüllenlos leben, auch surfen, segeln oder Volleyball spielen. Gut frequentiert werden auch der FKK-Strand in Schönhagen sowie der (inoffizielle) Strandabschnitt für Nudisten in Hohenhain (Schwedeneck). Doch auch hier ist offensichtlich: Es sind eher die älteren Menschen, die gerne blank ziehen.

Nackt macht nicht frei, aber Spaß - ein Kommentar von Michael Stitz

Gregor Gysi hat es drauf. Kaum gehen ihm die politischen Themen langsam aus, baut er seinen Status als launiger Zwischenrufer geschickt aus, um sich weiter im Gespräch zu halten. Nicht selten zum Verdruss seiner ihm in herzlicher Ablehnung verbundenen Kollegen von den Linken. Und da er Witz hat und blitzgescheit ist, weiß er, welche Töne er anschlagen muss, damit die Linken und die Medienwelt aufhorchen. Zudem kennt er offensichtlich die Grenze zwischen Forderung und Zumutbarkeit. Nur so lässt sich erklären, dass sich Gysi zum Anwalt der Nacktbadenden erklärt und sich gleichzeitig als Textiler outet.

Er selbst würde sich nicht nackt machen, denn es gäbe ja Grenzen, aber die Freikörperkultur sollte nicht untergehen, fordert der in der DDR groß gewordene Jurist und Politiker. Überhaupt sei die DDR in diesem Punkt weniger prüde gewesen als die damalige Bundesrepublik. Diese Feststellung darf man wohl getrost ins Reich der Mythen und Sagen verweisen. Denn nackt  baden zu gehen, dürfte im Arbeiter- und Bauernstaat weniger mit der Überwindung von Prüderie zu tun gehabt haben als mit staatlich genehmigter Unbefangenheit. In einem Land, in dem das Leben der Anderen gern beäugt wurde, ein ansonsten wohl nicht unbedingt weit verbreiteter Zustand. FKK war da eher ein kontrollierbares Ventil.

Im Westen Deutschlands galt Nacktbaden dann schon eher als Statement gegen die bürgerlichen Normen, aber auch als Ausdruck von und Sehnsucht nach Naturverbundenheit. Doch hier wie dort hatte Nacktbaden noch einen ganz anderen Effekt: Den puren Spaß. Jeder ideologische Überbau, die Stilisierung als Kultur und der Blick auf die guten alten Zeiten sind beim Nacktbaden unangebracht. Die Freiheit liegt darin zu entscheiden, wann und wo man am Strand die Klamotten fallen lassen will und nicht darin, dass es an bestimmten Strandabschnitten zum Muss wird.

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