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Schleswig-Holstein

13. Dezember 2017 | 14:28 Uhr

Klimawandel : Die Marschen saufen ab

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Problem liegt hinter den Deichen - in absinkenden Böden und steigendem Regenwasser.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2017 | 18:54 Uhr

Hillgroven | Es regnet. Soweit das Auge schauen kann – nur grünes Land und grauer Himmel. Und das Auge kann weit schauen, hier, am Rande von Dithmarschen. Rechts sind Wiesen, links sind Wiesen. Nur eine schmale, vom Marschenboden etwas buckelig gewordene Straße führt zum Schöpfwerk Hillgroven. Vor dem roten Backsteinbau, der sich hier in den Außendeich duckt, stehen Hans-Rudolf Heinsohn und Matthias Reimers. Als Vorsitzender und als Geschäftsführer des Marschenverbandes Schleswig-Holstein sorgen sie dafür, dass die weiten, flachen Marschen nicht ertrinken. Oder wie Heinsohn es nennt: „dass wir hier nicht absaufen.“

Eine Aufgabe, die immer aufwendiger wird. Denn das Meer steigt – langsam, aber stetig. Das liegt auch am Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel. Aber hier in Hillgroven liegt es bisher vor allem daran, dass der Meeresboden anwächst. Während die See in Nordfriesland an den Küsten nagt, schwemmt sie in Dithmarschen immer mehr Sedimente an und lagert sie auf dem Wattenboden ab. Gleichzeitig sinkt das Land hinter dem Deich immer mehr ab. Denn der ehemalige Meeresboden, der hier 1970 eingedeicht und zu Marschenland wurde, trocknet mit der Zeit aus und fällt quasi in sich zusammen. Das Ergebnis: Das Meer jenseits des Deiches ist selbst bei Ebbe höher als die davor liegenden Marschen.

Umbau vom Siel zum Schöpfwerk

Zwar sind die Deiche mittlerweile so großzügig bemessen, dass ihnen selbst größere Sturmfluten nichts anhaben dürften. Aber dafür tut sich ein ganz anderes Problem auf: Wohin soll all das Regenwasser ablaufen, wenn schon der Meeresboden höher steht als die Marsch auf der anderen Seite des Deiches? Früher öffneten sich bei Ebbe einfach die Sieltore, und das Wasser floss von alleine ab. Aber heute fließt nichts mehr. Vor gut 15 Jahren wurde das Siel in Hillgroven daher zum Schöpfwerk umgebaut. Nach starken Regengüssen befördert seitdem eine leistungsstarke Pumpe 1200 Liter in der Sekunde vom Land ins höher gelegene Meer. In Brunsbüttel, wo wesentlich größere Flächen entwässert werden müssen, sind es sogar 18.000 Liter in der Sekunde – das entspricht etwa dem Volumen von 90 Badewannen.

Sorgen dafür, dass die Marschen nicht ertrinken: Hans-Rudolf Heinsohn und Matthias Reimers vom Marschenverband Schleswig-Holstein.
Sorgen dafür, dass die Marschen nicht ertrinken: Hans-Rudolf Heinsohn und Matthias Reimers vom Marschenverband Schleswig-Holstein. Foto: Tomma Schröder
 

Auch an vielen anderen Stellen Schleswig-Holsteins wird schon kräftig geschöpft: Ein Fünftel der Landesfläche zählt mit höchstens zweieinhalb Metern über Normalnull zu den Niederungsgebieten und wird entwässert. Ein kleiner Teil dieser Gebiete liegt im Osten, der Hauptteil jedoch im Westen des Landes. Weil dem Meer an der Westküste durch Eindeichungen immer mehr Flächen abgerungen wurde, habe man zudem teilweise ein Gefälle ins Binnenland hinein, sagt Hermann Sterr, emeritierter Professor für Küstengeografie und Klimafolgenforschung der Universität Kiel. Denn je früher die Landesteile eingedeicht wurden, desto stärker sind sie bereits zusammengesackt. Aus diesen tiefen, weiter im Binnenland gelegenen Landesteilen, muss das Wasser also über höher liegende Landesteile abgeleitet werden.

Dafür braucht es Flüsse, Gräben, sogenannte Vorfluter, die große Niederschlagsmengen schnell ableiten können, vielleicht auch Becken, die im Notfall eine bestimmte Wassermenge zwischenspeichern können. Die Instandhaltung dieser Gewässer, die allein in Dithmarschen auf eine Länge von etwa 2000 Kilometern kommen, kostet viel Geld. Hinzu kommen die Kosten für die immensen Strommengen, die von den Pumpen der Schöpfwerke verbraucht werden. „Sie sehen ja, wo wir hier stehen“, sagt Reimers und weist ins endlose Grün. „Wir sind irgendwo fernab von jeglicher Zivilisation, das heißt hier müssen erstmal große Stromleitungen hingelegt werden.“ Auch das treibt die Stromrechnung für die Wasser- und Sielverbände kräftig in die Höhe.

Doch eine Alternative zur Entwässerung gibt es nicht. Wird der Regen nicht abgeleitet, sammelt sich nach starken Niederschlägen Oberflächenwasser. Das hört sich zwar weit weniger dramatisch an als ein Deichbruch bei Sturmflut. Doch im Prinzip bedeutet es gleichfalls, dass das Binnenland allmählich ertrinkt – oder um es mit Heinsohn zu sagen: absäuft. Zwar ungleich gemächlicher als bei einer Sturmflut. Aber auch durch solche Überschwemmungen werden viele Ernten zunichte gemacht und Wohnzimmer geflutet. Dass die Menschen das gerne mal vergessen, wenn ein, zwei Jahrzehnte lang nichts passiert ist, sei verständlich, meint Heinsohn. Aber diese Vergesslichkeit – auch das zeigte die Vergangenheit nur zu oft – kann teuer werden.

Mehr Regen durch Klimawandel

Zumal die Zukunft nicht rosig aussieht: Aufgrund des Klimawandels rechnen Experten nicht nur mit einem steigenden Meeresspiegel, sondern auch mit verstärktem Niederschlag. Beides erschwert die Entwässerungen der Niederungen und hat den Marschenverband dazu bewegt, ein Strategiepapier zu entwerfen. Werden derzeit nur gut die Hälfte der Niederungen über Schöpfwerke entwässert, so schätzt der Marschenverband in seiner Studie „Niederungen 2050“, dass in vierzig Jahren bereits knapp 70 Prozent, im Jahr 2070 sogar fast achtzig Prozent der Fläche nur mit technischer Hilfe entwässert werden können. Die Kosten werden sich im gleichen Zeitraum mehr als verdreifachen: Heute werden vier Millionen Euro pro Jahr für Schöpfwerke ausgegeben, im Jahr 2050 werden es fast zehn und 2070 ungefähr 15 Millionen Euro sein, wenn die derzeitigen Prognosen zur Entwicklung des Meeresspiegels zutreffen. Getragen werden diese Kosten größtenteils von den Grundstückseignern der zu entwässernden Gebiete.

Doch die Schöpfwerke kosten nicht nur Geld, sie bieten auch ganz neue Möglichkeiten. Denn der Wasserhaushalt der verschiedenen Regionen kann viel stärker als zuvor gesteuert werden. Das wirft letztendlich viele Fragen auf, die Kommunen, Landbesitzer, Einwohner und der Naturschutz untereinander verhandeln müssen.

Wo sollen landwirtschaftliche Flächen, wo kommunale Infrastruktur erhalten werden? Wo sind Baugrundstücke sinnvoll, wo werden Freiflächen für die Natur gelassen? Sollen Moore künstlich erhalten werden, oder lassen wir sie ertrinken? Dass es bei solchen Diskussionen nicht immer konfliktfrei zugeht, lassen Heinsohn und Reimers ab und zu durchblicken. Der Mensch kann gestalten – mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben.

Damit diese Gestaltung des Landes nicht allzu teuer wird, will der Marschenverband vor allem bei dem größten Kostentreiber, den Stromkosten, ansetzen. Denn die Preise für den Strom sind durchaus sehr unterschiedlich. Herrscht ein Überangebot durch besonders viel Solar- oder Windstrom, sausen die Preise an der Strombörse nach unten. Wenn immer möglich, will der Marschenverband solche Zeiten ausnutzen und die Betriebszeit der Schöpfwerke darauf abstimmen. Natürlich immer so, dass der richtige Wasserpegel im Binnenland gehalten wird, betont Reimers. Auch sechs Windenergieanlagen wurden angeschafft, um mit der gewonnenen Energie die Stromkosten der Schöpfwerke zu reduzieren. „Wind für Wasser“, das sei ein altes und bewährtes Prinzip, das heute in modernem Gewand wieder aufgegriffen wird, erklären Reimers und Heinsohn. Schließlich gilt noch immer die alte Faustregel: Wenn von oben viel Wasser kommt, dann ist meistens auch Wind dabei.

Veränderungen nicht immer vorhersehbar

Das ist auch heute so. Heinsohn und Reimers haben sich auf den Außendeich gewagt, über den der Regen fast waagerecht hinwegfegt. Heinsohn stellt sich dem Wind entgegen und zeigt auf das Wattenmeer. Ein Priel schlängelt sich vom Schöpfwerk aus in die Nordsee. Früher habe der nur eine Länge von 600 Metern gehabt und sei dann in die tiefere Nordsee geflossen, nun muss das Wasser aus dem Schöpfwerk einen gut 4000 Meter weiten Weg weit ins Meer hinaus zurücklegen. „Jeder kennt Rungholt, jeder kennt die großen Mandränken, jeder kennt den Meeresspiegelanstieg. Die Küste hat sich ständig mit Veränderungen auseinandersetzen müssen“, sagt Heinsohn.

Und wie zum Beleg hebt der böige Westwind sein Käppi vom Kopf und lässt es den Deich herunterpurzeln. Heinsohn blickt ihr kurz nach und redet dann unbeirrt weiter. Wichtig sei, dass man keine Scheu habe, diese Veränderungen anzusprechen. Dass sie sich nicht immer genau vorhersagen lassen und die Prognose in der Studie zu den Niederungen 2050 auch schnell von der Realität überholt werden kann, weiß er nur zu genau. Dann müsse man eben neu nachdenken und reagieren, sagt Heinsohn, steigt den Deich hinunter und holt sein Käppi zurück. Hier unten nimmt der Wind gleich merklich ab. Heinsohn und Reimers steigen in ihr Auto und fahren durch die Wiesen zurück, bis sie hinter der zweiten Deichlinie verschwinden. Was bleibt, sind grüne Wiesen, ein grauer Himmel – und der Regen.

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