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Düppeler Schanzen : Die letzte Schlacht mit bunten Farben

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Christopher Lehmpfuhl wirft einen künstlerischen Blick auf die Düppeler Schanzen - wo vor 149 Jahren Deutsche gegen Dänen kämpften.

shz.de von
erstellt am 28.Jul.2013 | 04:54 Uhr

Sonderburg | Die Kriege zwischen Deutschen und Dänen im 19. Jahrhundert haben immer wieder Künstler angezogen. 1862, zwölf Jahre nach dem Sieg der königlich-dänischen Truppen in der Schlacht von Idstedt am 25. Juli 1850, schuf der dänische Bildhauer Herman Wilhelm Bissen den berühmten Idstedt-Löwen. Im September 2011 kehrte das Monument des Sieges an seinen ursprünglichen Standort Flensburg zurück. Der große Dichter Theodor Fontane begleitete 1864 als Kriegsberichterstatter die blutigen militärischen Auseinandersetzungen in der Grenzregion. Und als schließlich am 18. April 1864 die Entscheidungsschlacht begann, marschierte der preußische Musikdirektor Gottfried Piefke mit dem Taktstock voran. Marschmusik begleitete den Sturm der 37.000 preußischen Soldaten auf die Düppeler Schanzen. Fast 2000 Tote beider Nationen blieben auf den Schlachtfeld zurück.

149 Jahre später. Jetzt steht der Berliner Künstler Christopher Lehmpfuhl auf den Schanzen, wo neben der weißen Mühle ein Museum über das Geschehen von einst informiert. Die Zeit des Kanonendonners und Säbelrasselns ist vorbei; der Maler sucht eine neue Perspektive für den historischen Ort. Lehmpfuhl, ein Meisterschüler von Prof. Klaus Fußmann, gehört zu den Lieblingen der Berliner Kunstszene. Er konnte für ein einmaliges Medienprojekt gewonnen werden. 150 Jahre nach der blutigen Schlacht werden die vier deutschen und dänischen Tageszeitungen des Grenzlandes - Jydske Vestkysten, Der Nordschleswiger, Flensborg Avis und die Zeitungen des sh:z - zum 18. April 2014 eine gemeinsame Beilage herausbringen. Lehmpfuhl trägt ein Kunstwerk zu diesem Medienereignis bei.

Eimer voller Künstlerfarben

Der Lieferwagen des 41-jährigen Berliner Künstlers rollt an. Auf der Ladefläche sind nicht die üblichen Maltuben, sondern ganze Eimer voller Künstlerfarben. Wenn Lehmpfuhl malt, gehen auf eine Leinwand schon mal 40 Kilogramm drauf. Allein die Farben stellen ein kleines Vermögen dar; die Spezial-Leinwand besorgt sich der Maler aus Belgien.
Während ein Helfer eine Sackkarre aus dem Wagen holt und darauf die Farbeimer verstaut, inspiziert Lehmpfuhl das Gelände. Er arbeitet grundsätzlich nur im Freien, malt "nach Sicht", nicht im Atelier. Wenn ein Werk von ihm entsteht, ist er im wahrsten Sinne mit Leib und Seele dabei. Er muss das Motiv sehen und riechen, er muss den Wind hören, die Sonne spüren, das Spiel von Licht und Schatten verfolgen und die Farbe fühlen. So malt er nicht mit einem Pinsel, sondern greift mit der Hand in die verschiedenen Farben und streicht sie auf die Leinwand. Schnell hat er das Motiv gefunden. Am Himmel über den Düppeler Schanzen kommt Blau hindurch, ein leichter Wind weht. Ähnlich muss es am 18. April 1864 gewesen sein. Teilnehmer der Schlacht haben in Tagebüchern und späteren Erinnerungen geschrieben, dass ein sonniger Frühlingstag mit einem wolkenlosen Himmel sie erwartete, bis explodierende Granaten und Gewehrsalven das erste Zwitschern der Vögel verstummen ließ.

"Ein kleiner, wütender Vincent van Gogh"

Lehmpfuhl hat sich für einen Ort auf der Anhöhe entschieden, von dem der Blick über die Förde schweift. Auf der einen Seite wächst ein großer Baum heran, während im Vordergrund eine Ansammlung von klobigen Betonklötzen Patina ansetzt. Die Quader sind Fremdkörper in der Landschaft. Flechten und Moose machen sich auf ihnen breit, so als wollten sie den Platz zurückerobern.
Der Helfer hat die Leinwand aufgestellt, der Künstler Arbeitszeug angezogen. Ein Blick in die Landschaft, dann schließt er die Augen, konzentriert sich. Die Soldaten von 1864 hörten nicht den Gesang der Vögel, sahen nicht die Schönheit der Landschaft. "Der 18. April 1864 war kein himmlischer Tag. Es war ein höllischer Tag", schreibt Tom Buk-Swienty in seinem Buch "Schlachtbank Düppel" (Osburg Verlag). Es scheint, als wolle Christopher Lehmpfuhl dies für die Toten und Verwundeten nachholen. Er malt mit seinen Fingern und Händen wie ein Besessener. Besucher der Gedenkstätte kommen näher, bleiben fasziniert stehen. Der Künstler ist jetzt in seinem Metier. Kein abstraktes Werk entsteht, sondern ein figürliches. Dick ist der Farbauftrag, so als müsse Vergeltung für das verflossene Blut geübt werden. "Wenn man genau hinschaut, steckt in Lehmpfuhl ein kleiner, wütender Vincent van Gogh", hat die Kunstkritikerin Gabriela Walde in der "Berliner Morgenpost" geschrieben.

Ein Jahr trocknen

Die Schlacht ist nach mehreren Stunden geschlagen. Das 180 mal 240 Zentimeter große Gemälde wird auf die Ladefläche des Lieferwagens gebracht, senkrecht gestellt und mit Schrauben und Akkubohrer fixiert. Bis die Farbe getrocknet ist, werden Monate vergehen. Erst im nächsten Jahr, wenn die Sonderveröffentlichung zum 150. Jahrestag der Schlacht auf den Düppeler Schanzen auch in der Zeitung erscheint, wird das Werk zu sehen sein. Gedruckt, und im Original.
Das Gemälde ist etwas Besonderes - nicht nur wegen des künstlerischen Ausdrucks. Die verwitterten Betonklötze, die Lehmpfuhl ins Motiv einbezog, gehörten zu einem Siegesdenkmal, das die Deutschen nach der Eroberung der dänischen Insel durch preußische Truppen erbauten. Architekt war derselbe Baumeister, der auch die Berliner Siegessäule errichtete, die an die drei Siege erinnert, die am Ende des 19. Jahrhunderts zur deutschen Reichsgründung 1871 führten: Düppel 1864, Königsgrätz 1866 und Sedan 1870.

Blick auf den Horizont

Am 13. Mai 1945 - fünf Tage nach der deutschen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkrieges - sprengten Unbekannte das Denkmal. Ein Großteil der Trümmer verschwand in einer Kiesgrube; zurück blieben die Reste aus Beton.
Lehmpfuhl schaut über die Hügellandschaft, blickt aufs Wasser. Diesmal kam kein Berliner Baumeister, um mit einem Monument an eine blutige Schlacht zu erinnern, sondern es kam ein Maler aus der Bundeshauptstadt, der 149 Jahre später die Hügellandschaft mit neuen Augen sieht. Sein Werk öffnet den Blick weg von der blutgetränkten Erde hin zum Horizont, wo es keinen falschen Patriotismus, keinen militanten Nationalstolz, keine fanatischen Grenzkrieger mehr gibt. "Wo liegt denn nun die Grenze?", fragt Lehmpfuhl am Schluss. Man sieht sie nicht.

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