Kristina Kühnbaum-Schmidt im Interview : Die Landesbischöfin über das Pfingstfest, den Heiligen Geist und wie Corona die Kirche verändert

Beeindruckt von der Kreativität der Kirchengemeinden in Corona-Zeiten: Kristina Kühnbaum-Schmidt
Beeindruckt von der Kreativität der Kirchengemeinden in Corona-Zeiten: Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Corona-Krise hinterlässt positive aber auch negative Spuren bei der Nordkirche.

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31. Mai 2020, 12:18 Uhr

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Und für die Kirche war auch die Corona-Krise eine geistvolle Zeit. Doch so wie alle Institutionen wird auch die Nordkirche an den Folgen der Krise noch lange tragen, sagte Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Stefan Hans Kläsener und Benjamin Lassiwe haben mit ihr gesprochen.

Frau Kühnbaum-Schmidt, was bedeutet Ihnen das Pfingstfest?

Pfingsten erzählt davon, wie gut verschiedene Traditionen des Glaubens zusammen unterwegs sein können. Wie sich Einheit in gestalteter Vielfalt zeigt. Deshalb ist Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes. Ich will es mal so sagen: Im Vertrauen auf Gott als Schöpfer kann ich mich ihm wie ein Kind in die Arme werfen. Der versöhnende Christus inspiriert, aus Nächstenliebe und Barmherzigkeit geschwisterlich miteinander verbunden zu sein.

Und der Heilige Geist tröstet, stärkt und ermutigt uns, miteinander unseren Glauben zu gestalten. Deswegen macht das Pfingstfest deutlich: Als Christenmenschen tragen wir Verantwortung dafür, das Evangelium in Wort und Tat Wirklichkeit werden zu lassen.

Wie muss ich mir den Heiligen Geist vorstellen?

Als eine Kraft, die Menschen befähigt, sich für Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen und deshalb dafür sorgt, dass wir miteinander verbunden sind.

Hat man denn den Heiligen Geist in der Corona-Zeit gespürt?

Für mich war und ist auch diese Zeit eine geistvolle Zeit. Der Geist wehte vielleicht etwas anders als sonst: Wir konnten nicht zu Gottesdiensten in Kirchen mit persönlicher Anwesenheit zusammenkommen. Wir waren aber auf andere Weise verbunden. Die inspirierende Kraft des Heiligen Geistes haben viele sowohl in digitalen wie in analogen Angeboten gespürt – vom Streaming von Gottesdiensten bis zu Youtube-Filmen, von täglichen Andachten, die in Hausbriefkästen gesteckt wurden bis hin zu Mutmachpaketen, die man sich in Gemeindehäusern abholen konnte.

Hier in Flensburg hängt an einer Kirche ganz groß ein Transparent: „Bleib behütet!“. Als Kirche waren wir also vielfältig sichtbar, hörbar und für die Menschen da, wo immer das möglich war.

Sicher gab es auch Grenzen: Für die Seelsorge in Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen haben wir leider nicht rechtzeitig Schutzkleidung bekommen. Aber insgesamt hat sich für mich auch während des Lockdowns eine große Fülle des kirchlichen Lebens gezeigt. Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt


Würden Sie auch sagen, dass es – gut katholisch gesprochen – eine „Laienertüchtigung“ gab? Auf einmal war ja der einzelne Christ gefordert...

Als einzelne Christenmenschen sind wir immer gefordert. In der evangelischen Kirche beschreiben wir das als allgemeines Priestertum, unabhängig davon, ob wir ordiniert und nicht-ordiniert sind. Wir konnten sehen, dass sich wirklich viele Menschen daran beteiligt haben, das Evangelium weiterzutragen und für andere da zu sein.

Was bleibt denn künftig von dieser Zeit in der Kirche übrig?

Corona hat ein reiches digitales kirchliches Leben nach vorn gebracht, das bislang noch nicht so stark wahrgenommen wurde. Wir werden künftig mehr „hybride“ Formen von Kirche kennenlernen: Gemeinden werden also weiter Gottesdienste leibhaft in Kirchen feiern und sie werden sie künftig auch öfter streamen. Denn die Erfahrung ist ja – und nicht erst durch Corona –, dass manche Menschen gar nicht in den Gottesdienst kommen können – weil sie krank sind oder weil es aus familiären Gründen am Sonntagvormittag vielleicht gar nicht geht.

Deswegen sollten wir von der Kreativität, die sich in den letzten Monaten gezeigt hat, möglichst viel in die nächsten Jahre mit hinübernehmen. Wir sind während des Lockdowns noch einmal mit ganz anderen Menschengruppen in Kontakt gekommen. Gleichzeitig hat uns die öffentliche Diskussion um die analogen Gottesdienste gezeigt, dass sie vielen Menschen wichtiger sind, als viele es gedacht haben. Es ging ja irgendwann – quer durch alle politischen Lager – um die Frage: Wann gibt es endlich wieder Gottesdienste in den Kirchen?

Gibt es denn schon Zahlen darüber, wie groß der Andrang auf die ersten, wieder stattfindenden Gottesdienste in Schleswig-Holstein war?

Statistische Zahlen haben wir noch nicht parat – aber wir beteiligen uns an Studien der EKD zur Nutzung der digitalen Gottesdienstangebote. Auf jeden Fall muss man sagen: Es gibt keine Rückkehr zu einer Normalität vor Corona. Es hat sich etwas verändert, durchaus auch in positiver Hinsicht, und das soll bitte auch so bleiben. So startet die eine Gemeinde wieder mit ganz normalen analogen Gottesdiensten. Die nächste Gemeinde macht das ebenfalls, streamt den Gottesdienst aber auch im Internet. Und es gibt Gemeinden, die sagen: Wir warten noch eine Weile mit analogen Gottesdiensten. Diese Suchbewegung und Abwägung finde ich wichtig.

Wie sieht es nach der Krise denn mit den kirchlichen Ressourcen aus, Stichwort: Kirchensteuern?

Wir können im Moment noch nicht genau beziffern, welche finanziellen Auswirkungen diese Krise für uns hat. Was die aktuellen Entwicklungen betrifft, werden wir Anfang Juni genaue Zahlen haben. Aber allein durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit werden uns Kirchensteuern wegbrechen. Auf EKD-Ebene kursieren Schätzungen von bis zu 25 Prozent Mindereinnahmen. Schon im vergangenen Jahr gab es ja die Freiburger Studie, die den Kirchen erhebliche Einnahmeverluste prognostiziert hat.

Deswegen müssen wir langfristig über die momentane Krise hinausdenken und uns fragen, welche Kirche wir in zehn Jahren sein wollen. Dazu kommt: Wir werden im Jahr 2022 auf zehn Jahre Nordkirche zurückblicken. Da ist eine wichtige Frage: Was hat sich in dieser Zeit bewährt, und was müssen wir noch mal angucken?

Ganz wichtig ist mir: Alle Dinge, die wir jetzt anpacken, dürfen nicht auf Kosten des Nachwuchses gehen – sowohl bei den Theologen als auch bei den anderen Mitarbeitenden. Denn wir gehen in der Kirche auf einen Generationenwechsel zu, den wir gestalten müssen. Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt


Was ist denn in der Krise aus Ihrer Sicht gesellschaftlich passiert? Was hat sich da verändert?

Wir haben als Menschen noch einmal neu wahrgenommen, wie verletzlich wir sind. In den vergangenen Jahren hielten wir uns doch eher für unverwundbar: Wir können alles, machen alles, schaffen alles. Corona zwingt uns einschneidend andere Erfahrungen auf. Wir erleben Unsicherheit. Damit treten dann auch Reaktionen ein, wie wir sie zum Beispiel auf den Hygienedemonstrationen erleben. Das sind aus meiner Sicht vielfach Reaktionen auf das Erleben von Unsicherheit. Dieser Verunsicherung will man dann mit einer einfachen, klaren Antwort begegnen: „Schuld daran ist...“.

Als Kirche haben wir eine deutlich andere Perspektive: Es geht nicht um Sicherheit, die wir gerade nicht gewinnen können. Sondern es geht darum, mit Unsicherheiten zu leben – aber aus der Gewissheit heraus, dass Gott an unserer Seite ist. Dass er für uns Möglichkeiten bereithält, die wir uns erst einmal nicht unbedingt vorstellen können.

Sollte die Kirche das Gespräch mit den Corona-Demonstranten suchen?

Die Kirche sollte grundsätzlich das Gespräch mit allen Menschen suchen. Wie sich solche Dialoge gestalten lassen, muss man natürlich gut überlegen. Auf jeden Fall ist es wichtig, Ängste anzusprechen. Wir Menschen reagieren ja auf Situationen wie die Corona-Krise unterschiedlich: Die einen machen einen Plan, die anderen sorgen liebevoll und aufmerksam für ihre Nachbarschaft und die nächsten achten besonders darauf, wie sie selbst gut durch diese Zeit kommen.

Jeder von uns kennt wohl diese verschiedenen Reaktionsweisen bei sich selbst. Und auch, dass sie sich je nach Situation verändern. Wir müssen aufpassen, dass wir diese verschiedenen Aspekte nicht auf einzelne Gruppen verteilen und einander in Schubladen packen. Wir müssen sie vielmehr zusammenhalten. Das ist eine Integrationsleistung, um die es jetzt geht.

Sehen Sie eine neue Ernsthaftigkeit? Dass die Leute auf einmal sagen: Diese Konferenz ist jetzt wirklich nicht nötig – weil das existenzielle Risiko dahintersteht?

Bei analogen Begegnungen wird es sicher bleiben, wenn es um Gemeinschaftsgefühl und Zusammengehörigkeit geht. Andere Arbeitszusammenhänge kann man auch per Videokonferenz besprechen. Natürlich, eine Videokonferenz ersetzt nicht alles – das gilt etwa für die informellen Kontakte bei der Tasse Kaffee am Buffet. Aber mit Hilfe der Videokonferenzen haben wir Gremiensitzungen erlebt, die erstmals überhaupt vollzählig getagt haben. Das ist die Chance von Digitalität: Mehr Beteiligung über große Entfernungen und Flächen hinweg.

Apropos große Flächen: Wie haben denn die Partnerkirchen der Nordkirche die Krise erlebt? Was machen die Kontakte nach Tansania oder Papua Neuguinea?

Es gibt auch während der Krise laufend Kontakte in die Partnerkirchen über unser Zentrum für Mission und Ökumene. Wir haben einen Nothilfefonds eingerichtet, der weiterhin Spenden gebrauchen kann. An Ostern haben uns Videogrüße unserer Partnerkirchen erreicht. Da wurde sehr ausführlich aus den einzelnen Ländern berichtet, beispielsweise aus Indien, wo der Lockdown besonders hart ist und eine Hungersnot droht. Dort unterstützen wir einerseits direkt, andererseits mit Hilfe des Lutherischen Weltbunds. Und dann möchte ich auch erwähnen, dass wir als Nordkirche Mitglied im Seenotrettungsbündnis „United4Rescue“ sind, das die Rettung von Flüchtlingen weiter unterstützt.

Diese verschiedenen Formen unserer internationalen Verantwortung nehmen wir auch weiterhin wahr. Denn die Not unserer Partner ist wirklich gravierend. Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt


Zu jedem Interview gehört ja immer auch die Frage nach Personen und Ämtern: Würden Sie eine Kandidatur von Bischöfin Fehrs für den Ratsvorsitz der EKD unterstützen?

Die bischöflichen Personen der Nordkirche arbeiten vertrauensvoll zusammen. Und es wird Aufgabe des Rates beziehungsweise der Synode und der Kirchenkonferenz der EKD sein, zu gegebener Zeit einen Wahlvorschlag für den Ratsvorsitz zu unterbreiten.

Und wie ist es mit dem lutherischen Weltbund? Haben Sie da Ambitionen oder Pläne?

Die Nordkirche hat in Gegenwart und Zukunft so viele Aufgaben vor sich, dass ich hier ganz klar das Zentrum meiner Arbeit sehe. Das ist meine Aufgabe, für die ich gewählt worden bin und für die ich da bin – und dafür brauche ich auch wirklich Zeit und Kraft. Die Verantwortung, die ich für die Nordkirche schon heute in der VELKD, im Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes und in der Kirchenkonferenz der EKD wahrnehme – all das sind viele Zusammenhänge, bei denen viel Abstimmung nötig ist, und all dem möchte ich weiter konzentriert und verantwortungsvoll nachgehen.

Vielleicht noch eine ökumenische Frage zum Schluss, vielleicht auch im Blick auf den Ökumenischen Kirchentag 2021: Gibt es eigentlich irgendetwas, das Sie sich von der katholischen Kirche besonders wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir in unseren gemeinsamen ökumenischen Kontakten mit der katholischen Kirche hier bei uns im Norden immer weiter aufeinander zugehen. Und dass wir auch beim Thema Mahlgemeinschaft weiter Schritt für Schritt vorankommen. Denn mir ist ganz wichtig: Nicht wir laden zum Abendmahl ein, sondern wir sind Eingeladene. Jesus Christus lädt uns ein. Uns als Gäste an seinem Tisch zu sehen, gehört für mich zum Kernverständnis vom Abendmahl. Und das könnte uns auch helfen, noch schneller aufeinander zuzugehen.

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