Nebenjobs der Schornsteinfeger : Die Gefahr aus dem Ofen

Wohlige Wärme und Gemütlichkeit: Öfen sind beliebt in deutschen Wohnzimmern. Doch ohne regelmäßige Kontrolle können sie zur tödlichen Gefahr werden. Foto: dpa
Wohlige Wärme und Gemütlichkeit: Öfen sind beliebt in deutschen Wohnzimmern. Doch ohne regelmäßige Kontrolle können sie zur tödlichen Gefahr werden. Foto: dpa

Schornsteinfeger dürfen seit einigen Jahren auch Öfen verkaufen. Offenbar führt dies im Norden dazu, dass einige ihre eigentliche Kernaufgabe vernachlässigen.

shz.de von
16. Oktober 2012, 08:36 Uhr

Harrislee/Neumünster | Wenn Andreas Döring an die Situation zurückdenkt, muss er immer noch den Kopf schütteln. Der 44-jährige Ofenhändler aus Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) war zu einem Kunden gefahren, bei dem er ein Gerät ausliefern sollte. Der alte Ofen war bereits abgebaut worden, allein das Abgasrohr noch vorhanden. "Der Besitzer sagte mir, es habe Undichtigkeiten gegeben. Ich habe mir daraufhin die gesamte Abgasvorrichtung ganz genau angeschaut, sie hatte drei große Löcher. Das bedeutet eine stark erhöhte Feuergefahr bei entflammenden Rußablagerungen im Rohr und Lebensgefahr bei Rauchgasaustritt", so Döring. Auf Nachfrage gab ihm der Kunde schriftlich zu Protokoll, dass der Ofen zwar jährlich vom Schornsteinfeger gefegt wurde. Eine gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der Funktion des Ofens - die sogenannte Feuerstättenschau, durchzuführen alle fünf Jahre ausschließlich vom Bezirksschornsteinfegermeister - habe aber nie stattgefunden. Ähnliches bei einem anderen Kunden: Dort war der Rohranschluss nicht fachgerecht gebaut worden, folglich drohte Gefahr durch austretende Rauchgase. "Der Ofen hätte bei einer Feuerstättenschau sofort stillgelegt werden müssen, der Besitzer hätte durch Erstickung zu Tode kommen können", so Döring. Aber der Besitzer hatte das Haus samt Ofen vor 13 Jahren übernommen - und eine Schau hatte es laut dessen schriftlichen Angaben seitdem niemals gegeben.
Dies sind offenbar keine Einzelfälle. Nicht nur hat Ofenbauunternehmer Döring über die vergangenen Jahre eine ganze Reihe weiterer Vorgänge dieser Art sorgfältig in seinen Akten dokumentiert und von Kunden bestätigen lassen. Eine Nachfrage bei Berufskollegen in ganz Schleswig-Holstein ergibt Erschreckendes. So ist sich Thomas Leonhardt aus Hohenfelde (Kreis Steinburg) aus eigener Erfahrung sicher, dass bei rund 20 Prozent aller fälligen Feuerstättenschauen der Bezirksschornsteinfegermeister nicht kommt. Ein Kollege aus Neumünster, der sich namentlich nicht genannt wissen will, berichtet, dass er mehrere Immobilien in der Stadt besitze und von weiteren aus Bekanntenkreisen wisse, in denen die Feuerstättenschau "zum Teil über Jahrzehnte nicht vorgenommen worden" sei.
Gefahren durch nicht kontrollierte Öfen
"Die Bezirke werden vernachlässigt", sagt auch Volker Theden, der in Büdelsdorf ein Ofengeschäft betreibt. Ihm gegenüber soll sich ein Bezirksschornsteinfegermeister bei einer Anfrage zur Abnahme einer Feuerstätte diesbezüglich offen geäußert haben. "Der hat mir am Telefon direkt gesagt, er würde seinen Gesellen schicken, er selbst komme gar nicht mehr dazu, seinen Bezirk zu betreuen, da er im Verkauf von Öfen tätig sei und es dort so viel zu tun gebe."
Genau darin läge auch der eigentliche Kern des Problems, erklärt Volker Albers, Sprecher der Fachgruppe Kachelofen- und Luftheizungsbau in der Landesinnung. Denn im Rahmen eines neuen Schornsteinfegerrechts, das nach fünfjähriger Übergangsfrist in Gänze ab 2013 gilt, dürfen diese neben ihrer angestammten Tätigkeit ein eigenes Gewerbe führen. Das gilt auch für die rund 270 Bezirksschornsteinfegermeister im Norden, die eine Erstabnahme sowie die Feuerstättenschau vom Staat als hoheitliche Aufgabe übertragen bekommen haben. "Es fehlt vielen von ihnen einfach zunehmend an Zeit, sie kümmern sich um ihre zusätzlichen gewinnbringenden Geschäfte, die Pflichten bleiben oftmals auf der Strecke", so Albers. Da seien Gefahren durch langfristig nicht kontrollierte und in der Folge marode Öfen programmiert. Andreas Döring benutzt in diesem Zusammenhang wesentlich drastischere Worte, er spricht von "Zeitbomben, die in vielen Wohnzimmern im Norden ticken".
Massive Wettbewerbsverzerrung
Als weiteren Punkt bemängelt Albers eine seiner Meinung nach per Gesetz verordnete massive Wettbewerbsverzerrung. "Durch die hoheitliche Aufgabe der ersten Bauabnahme und der Feuerstättenschau haben die Bezirksschornsteinfegermeister eine finanzielle Grundabsicherung, die sie im Unterschied zu den Ofenbauern ein Stück weit vom unternehmerischen Risiko befreit", so Albers. "Durch das Kehrbuch, das sie über die in ihrem Bezirk betreuten Feuerstellen führen und die daraus resultierenden Kontakte zu allen Ofenbesitzern haben sie bei gewerblicher Nutzung dieser Kontakte einen unerlaubten Wettbewerbsvorteil. Sie wissen ja immer genau über den Stand der Dinge bescheid, können bei geplantem Ofenneubau oder Reparaturen Angebote machen, wir Ofenbauer kommen da gar nicht erst zum Zuge. Das passiert sehr häufig." Albers fordert deshalb eine politische Entscheidung: "Entweder macht der Bezirksschorn steinfegermeister seinen Job - oder er gibt seinen Bezirk ab und verkauft Öfen. Beides in einer Person lässt sich aus Gründen der Sicherheit und des lauteren Wettbewerbs nicht vereinbaren."
Natürlich gebe es sowohl bei der Pflichterfüllung als auch im Wettbewerb hin und wieder schwarze Schafe, sagt Hans-Jörg Borgwardt, Meister der Landesinnung der Schornsteinfeger. Er warnt jedoch vor Pauschalverurteilungen: "Wenn einem Ofenbauer ein Fall bekannt ist, wo eine Schau nicht vorgenommen oder unerlaubt Wettbewerbsvorteile erschlichen werden, dann soll er Ross und Reiter nennen und dies anzeigen." Borgwardt weist auf die schwierige Situation der Schornsteinfeger aufgrund der neuen Gesetzgebung hin. "Das Monopol für Fegen und Messen fällt mitsamt festen Preisen ab 2013 weg, das können dann auch Ofenbauer mit Zusatzqualifizierung machen, Schornsteinfegern fehlt somit ein Teil ihres Einkommens. Abnahmen und Feuerstättenschau machen bei Bezirksschornsteinfeger meistern nur 20 Prozent der heutigen Einnahmen aus, die restlichen 80 Prozent müssen am freien Markt erwirtschaftet werden."
Eine Verquickung von hoheitlichen Aufgaben mit privatwirtschaftlichen Interessen bei den Bezirksschorn stein fegermeistern hält Borgwardt für ausgeschlossen: "Laut Gesetzgeber muss der Bezirksschornsteinfegermeister ein neutraler Sachverständiger sein, das setzen wir voraus und gehen davon aus, dass er ehrlich und sauber ist. Wenn er das nicht macht und in dieser Tätigkeit hat er seine Berufspflicht verletzt." Doch direkt darauf angesprochen gibt Borgwardt zögerlich zu, dass es "schon verlockend" sei, als Sachverständiger für das eigene Geschäft Angebote zu machen.

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