Von Schmidt bis Simonis : Die Ehrenbürger Schleswig-Holsteins

Heide Simonis ist die erste Ehrenbürgerin des Landes Schleswig-Holstein. Die Ex-Ministerpräsidentin gesellt sich damit zum bisher fünfköpfigen Kabinett der Würdenträger des nördlichsten Bundeslandes. Wer sind diese Menschen und was haben sie geleistet?

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30. Juni 2014, 13:56 Uhr

1. Helmut Schmidt  (Verleihung 1998)

Foto: dpa
 

Sein Wort ist auch im Alter von 95 Jahren gefragt:  Altbundeskanzler Helmut Schmidt (*1918) genießt laut einer Umfrage die größte Reputation aller ehemaligen deutschen Regierungschef der Nachkriegszeit. 1998 wird der pragmatische Intellektuelle der erste Ehrenbürger Schleswig-Holsteins. Die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis bezeichnet die Ikone der Sozialdemokraten in ihrer Laudatio als „Freund Schleswig-Holsteins“.

Unvergessen ist und bleibt die große Sturmflut von 1962, bei der sich der damalige Hamburger Innensenator in die Geschichtsbücher einträgt und um Norddeutschland verdient macht. Nach den verheerenden Deichschäden und -Brüchen gibt es viele Probleme zu lösen. Als Leiter des Krisenstabes setzt er sich ohne große Reden für alle Flutopfer ein. Der damals 43-jährige Senator überschreitet in der akuten Not allerdings seine Kompetenzen und setzt Kräfte der Bundeswehr im Inneren ein. Dadurch gelingt es jedoch, die Not für viele Einwohner Hamburgs und Schleswig-Holsteins zu lindern und zahlreiche Menschen aus den Flutgebieten vor dem Tod zu bewahren.

Über Schmidts Zweitwohnsitz am Brahmsee bei Kiel haben viele namhafte internationale Persönlichkeiten ihren Weg hierher gefunden. Ohne den parteiübergreifenden Einfluss des Pianisten Schmidt wäre das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF), das seit 1985 Klassik-Fans aus aller Welt ins Land lockt, wohl nur eine Idee geblieben.

2. Uwe Ronneburger  (2000)

Foto: Bundesarchiv

Zwei Jahre nach Schmidt wird ein Tetenbüller Landwirt zum zweiten Ehrenbürger des Landes ernannt. Wieder hält die Ministerpräsidentin Heide Simonis die Lobesrede für eines der wichtigsten politischen Gesichter der Landesgeschichte. Sie würdigt Uwe Ronneburgers (1920-2007) unermüdlichen Einsatz für Schleswig-Holstein, Deutschland und den europäischen Frieden. Sowohl als Mitglied des Landtags und Bundestags, in seiner Funktion beim Bauernverband und als Präsident des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes habe er sich für das Wohl der Menschen und für den Frieden eingesetzt.

Wie bei Helmut Schmidt sind es vor allem die Erinnerungen an die große Sturmflut von 1962, die die hohe Anerkennung des FDP-Politikers untermauern. Damals leistet er durch sein Engagement einen wesentlichen und konkreten Beitrag zur Bewältigung der Schäden in seiner Gemeinde Tetenbüll auf Eiderstedt.

Als Unterstützer der Ostpolitik Willy Brandts während der sozial-liberalen Koalition hinterlässt Uwe Ronneburger auch in der Außen- und Friedenspolitik Fußspuren. „Sie haben die Ostpolitik Willy Brandts unterstützt und damit den Weg zur deutschen Einheit und zum Fall des Eisernen Vorhangs geebnet. Diese politische Weitsicht hat unsere heutige Ostseekooperation vor allem mit den baltischen und östlichen Nachbarn erst möglich gemacht“, sagt Heide Simonis in ihrer Laudatio.

1982 tritt Ronneburger als schleswig-holsteinischer Landesvorsitzender gegen Hans-Dietrich Genscher bei der Wahl zum Bundesvorsitz der FDP an: Ronneburger scheitert nur knapp. Am 1. Oktober 2007 stirbt der gebürtige Kieler in Tetenbüll.

3. Gerhard Stoltenberg (2002)

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2002 zeichnet Ministerpräsidentin Heide Simonis erneut einen verdienten Politiker – diesmal von der CDU. Sie überreicht die Medaille Margot Stoltenberg, der Witwe des ehemaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Der ehemalige Bundesminister Gerhard Stoltenberg war ein halbes Jahr zuvor verstorben, hatte der Auszeichnung aber noch persönlich zustimmen können.

Der „Große Klare aus dem Norden“ erhält die Ehrenbürgerwürde für seine Verdienste um das Land. Insgesamt ein Jahrzehnt lang vertritt er das nördlichste Bundesland als Finanz- und Verteidigungsminister in Bonn und verschafft SH zuvor nicht gekanntes bundespolitisches Gewicht. „Stoltenberg gehört zu jener Gruppe deutscher Kriegsteilnehmer, die einen politischen und gesellschaftlichen Neubeginn nach der schrecklichen Nazidiktatur mit persönlichem Engagement unterstützten und aktiv mitgestalteten“, heißt es in der Laudatio.

Als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein legt Stoltenberg von 1971 bis 1982 den Grundstein für einen Strukturwandel. Obwohl er als messerscharfer Analytiker gilt, hat er hohe Sympthiewerte und genießt den Kosenamen „Stolti“.

4. Siegfried Lenz (2004)

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2004: Wieder sind zwei Jahre vergangen und wieder darf Heide Simonis als Ministerpräsidentin einen verdienten Schleswig-Holsteiner die Ehrenbürgerwürde zusprechen. Erstmals fällt die Wahl nicht auf einen Politiker, sondern auf einen Schriftsteller. „Siegfried Lenz ist mit unserem Land eng verbunden. Er hat mit seinen Werken die Landschaft Schleswig-Holsteins in aller Welt bekannt gemacht und seine Menschen einfühlsam porträtiert“ heißt es in der Festrede. Der 1926 in Lyck/Masuren geborene Autor, der unter anderem durch seinen Roman „Deutschstunde“ internationale Bekanntheit erlangte, zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur.

Lenz, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nach Dänemark desertiert, verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach britischer Gefangenschaft in die Stadt Hamburg. Während seines Literatur-Studiums arbeitet er für das Feuilleton der Zeitung „Die Welt“. Ab 1951 ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller aktiv. Wie Helmut Schmidt auch, findet der Freizeitangler über viele Jahre in der Natur Schleswig-Holsteins sein bevorzugtes Rückzugsdomizil.

5. Armin Mueller-Stahl (2010)

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2010 ist es der renommierte Schauspieler, Maler und Schriftsteller Armin Mueller-Stahl, der von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen ins Kabinett der Ehrenbürger berufen wird. Mueller-Stahl, der 1980 nach jahrelangem Berufsverbot in der DDR in den Westen ausreist, lebt heute die Hälfte des Jahres in Sierksdorf (Kreis Ostholstein), sowie in Los Angeles und Berlin. Er ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die sowohl im Osten und im Westen Deutschlands, als auch in Hollywood Fuß fassen konnten.

Das Land könne stolz darauf sein, dass der Weltstar auch die Kulturszene im Norden Deutschlands bereichere, heißt es in der Laudatio des damaligen Landeschefs. „Mueller-Stahl ist einer der renommiertesten und beliebtesten deutschen Schauspieler mit internationalen Erfolgen und ein Sympathieträger für unser Land“, sagt Carstensen bei der Festrede. Durch seine künstlerische Präsenz , sein Mitwirken in „Die Manns - ein Jahrhundertroman“ oder in der Neuverfilmung der „Buddenbrooks“ habe der Geehrte gezeigt, wie eng er mit Schleswig-Holstein verbunden sei.

Das Multitalent engagierte sich außerdem jahrelang für die Musikhochschule Lübeck und unterstützt mit der Strahlkraft seines Namens und der Ausstellung seiner Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken zahlreiche Kulturzentren des Landes. Seine Heimatstadt Tilsit hat dem 83-Jährigen ebenfalls die Ehrenbürgerschaft zugesprochen – damit ist er der erste Deutsche, dem eine solche Ehre in einer russischen Stadt zuteil ist.

6. Heide Simonis (2014)

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Heide Simonis hat als erste Ministerpräsidentin eines deutschen Bundeslandes Geschichte geschrieben. Auch wenn sie mit dem Bild der starken Frau in der Politik, das sie bestimmt hat, nicht bei allen auf Gegenliebe stößt, gelingt es der wortgewaltigen SPD-Frau, zwölf Jahre im Sessel zu bleiben.

Für ihre Verdienste in Amt und Ehrenamt wird sie nun zur Ehrenbürgerin Schleswig-Holsteins ernannt. In ihrer langjährigen Funktion als Regierungschefin hat sie die Würde bereits vier Mal auf andere übertragen – und zwar jedes Mal an einen Mann, denn auch unter den Ehrenbürgern ist sie die erste Frau.

„Heide Simonis hat sich nicht nur große Verdienste um Schleswig-Holstein erworben, sie verkörpert seit Jahrzehnten unser Land, deshalb ist es naheliegend, sie zur Ehrenbürgerin des Landes zu ernennen“, sagt Ministerpräsident Albig und hebt ihre Rolle bei der Modernisierung des Landes hervor. „Als aus­ge­wie­sene Finanz- und Wirtschaftsexpertin hat sie sich gro­ßen Respekt ver­dient und die Modernisierung des Landes vor­an­ge­trie­ben. Auch nach ihrem Ausscheiden aus der Politik enga­giert sie sich in viel­fäl­ti­ger Weise in der Gesellschaft“.

Geschichte geschrieben hat Simonis allerdings auch durch den für sie schmerzlichen Abschied aus der Politik. Im Frühjahr 2005 beendet ein als „Heide-Mörder“ bekannt gewordener Abweichler ihre Karriere abrupt. Ihr zuvor vehementes Streben, durch eine Tolerierungsstimme des SSW im Amt zu bleiben, bringt ihr den Beinamen „Pattex-Heide“ ein.

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