Dänische Wirtschaft besorgt : Die Dänen wählen Deutsch ab

Syddansk Universitet in Sonderburg: Deutsch ist zum Leidwesen der Industrie  auf dem Rückzug. Foto: Ole Haupt/SDU
Syddansk Universitet in Sonderburg: Deutsch ist zum Leidwesen der Industrie auf dem Rückzug. Foto: Ole Haupt/SDU

Junge Dänen mögen kein Deutsch mehr lernen. In diesem Jahr haben nur 109 Studenten Deutsch als erstes Wunschfach gewählt.

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24. November 2012, 07:03 Uhr

Kiel/Vejle | Deutschland ist ein bedeutender Nachbar für Dänemark. Dänische Literatur, Theologie und Philosophie sind durch Jahrhunderte lange Wechselwirkung mit der deutschen Kulturgeschichte entstanden. Große Namen wie der Philosoph Søren Kierkegaard und der Aufklärer Georg Brandes haben in Berlin gelebt, während der Dichter Hans Christian Andersen das Deutsche als den guten Vetter der dänischen Sprache betrachtete. Zugleich ist Deutschland Dänemarks größter Handelspartner. Doch jetzt läuft die enge Nachbarschaft Gefahr, nur noch eine Legende zu werden: Die Deutschen sprechen kein Dänisch - und junge Dänen mögen kein Deutsch mehr lernen.
In diesem Jahr haben nur 109 von gut 80.000 Studenten Deutsch als erstes Wunschfach gewählt. Bereits über die letzten 20 Jahre hinweg ist die Zahl der Schüler, die Deutsch in der Schule lernen, kontinuierlich gefallen. Dieser Rückgang liegt vor allem daran, dass Deutsch in der Schule 1990 von einem obligatorischen mehr oder weniger zu einem Wahlfach geworden ist. Der erste Teil der Nahrungskette, die Lehrerseminare, berichten ebenfalls von einem Rückgang ausgebildeter Deutschlehrer.

Wirtschaft fürchtet Konsequenzen

Für das kleine Dänemark könnten die fehlenden dänischen Deutsch-Fertigkeiten katastrophal werden. "Für viele Unternehmen stellt Deutsch eine sehr wichtige Sprache dar, da Deutschland Dänemarks größter Handelspartner ist. Obwohl viele Deutsche ausgezeichnet Englisch sprechen, gibt es auch immer noch viele, die die Sprache nicht sonderlich gut beherrschen", sagt Charlotte Rønhof, forschungspolitische Leiterin bei Dansk Industri (DI), der Interessensorganisation der dänischen Wirtschaft.
Der Vorsitzende der deutschen Minderheit in Dänemark, Hinrich Jürgensen, teilt die Besorgnis. "In der engeren Grenzregion können die meisten Dänen immer noch Deutsch sprechen. Aber wenn es um die Zusammenarbeit zwischen Kiel und Vejle, dem Sitz der Region Süddänemark geht, dann geschieht dies plötzlich auf Englisch. Das schafft eine Menge Barrieren. Sprache ist essentiell für eine gute Zusammenarbeit. Ich sage gerne: "Mit Englisch kommt man an, mit Deutsch kommt man weiter in Deutschland", sagt Hinrichsen. Beruflich ist er Geschäftsführer der Ökolandbau-Firma Biotech. Aus diesem Bereich berichtet er von folgender Erfahrung: "Ich bin zum Beispiel mit meinem Unternehmen auf einer Messe in Nürnberg gewesen. Es war dort ganz deutlich zu spüren, dass man im Wirtschaftsleben den Fuß viel schneller in die Tür bekommt, wenn man Deutsch kann. Dänemark kann deshalb beträchtliche Marktanteile in der Bundesrepublik verlieren, wenn die Deutschkenntnisse der Bevölkerung sehr viel schlechter werden."

Unterricht nicht praxisnah

Obwohl ein Großteil der Dänen immer noch Deutsch auf Anfängerniveau in der Volksschule und auf dem Gymnasium lernt, reichen diese Fähigkeiten häufig nicht weit in den Arbeitsmarkt hinein. DI ist vor allem der Unterricht in den Gymnasien ein Dorn im Auge, wobei die Schüler angeblich mehr Zeit auf Textanalysen verwenden als darauf, praktische Sprachfertigkeiten zu erlangen. "In den Unternehmen gibt es keinen Bedarf für ein deutsches Literaturverständnis. Die Wirtschaft hat Bedarf an Menschen, die eine Sprache sprechen - und nicht an solchen, die Texte gut analysieren können."
Der Standpunkt von DI stößt bei Søren Fauth, Deutsch-Professor an der Universität Aarhus, nicht auf Begeisterung. "Wenn DI neue Generationen von Sprachanwendern haben möchte, die Deutsch beherrschen, ist das Lesen deutscher Texte und deutscher Literatur in hohem Maße ein Werzeug zum Erlernen einer Fremdsprache. Selbstverständlich müssen wir auch Fertigkeiten trainieren, uns mündlich äußern zu können. Aber man lernt richtig viel von einer Fremdsprache, indem man sich mit der Literatur dieser Sprache beschäftigt. Denn das ist genau die Stelle, an der die Sprache vielfältig ist."

Eins, zwei, drei

In einem sind sich Søren Fauth und Charlotte Rønhof jedoch einig: Wenn die knapp 5,5 Millionen Dänen wieder unbeschwert mit den cirka 98 Millionen Menschen deutscher Muttersprache kommunizieren sollen, müssen die dänischen Volksschüler viel früher damit beginnen Deutsch zu lernen. Bei DI sähe man es gern, dass Englisch schon von der ersten Klasse an im Stundenplan stünde und dass Deutsch in der fünften Klasse begänne. Søren Fauth wünscht sich Sprachunterricht auch von der ersten Klasse an. Aber im Gegensatz zu DI meint er, dass die jüngsten dänischen Schüler als erstes lernen sollten, eins, zwei drei zu sagen statt one, two, three. "So bekäme man eine Generation dänischer Studenten, die zwei Fremdsprachen könnte, und wir wären wieder starke Spieler auf dem deutschsprechenden Markt."
Der Deutsch-Professor sieht einen früheren Sprachunterricht als ein Mittel, die Zahl der Schüler zu minimieren, die Deutsch abwählen - aber auch als Instrument gegen den Ruf, den Deutsch bei dänischen Schülern bekommen hat. Nämlich, dass es langweilig ist und eine schwierige Grammatik besitzt. "Mit Deutsch von der ersten Klasse an würden sie es später nicht abwählen", meint er. "Dann hätten sie nämlich erlebt, dass sie es genauso gut können wie Englisch."

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