Test : Die Bahn - besser als ihr Ruf?

Das Beweisfoto, aufgenommen von einem Reisenden: Johanna Tyrell hat es geschafft.
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Das Beweisfoto, aufgenommen von einem Reisenden: Johanna Tyrell hat es geschafft.

Verspätungen, überfüllte Züge, unfreundliches Personal - der Ruf der Bahn ist ruiniert. Aber ist sie wirklich so schlimm? Eine Testfahrt durch Schleswig-Holstein.

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16. Juli 2012, 09:19 Uhr

Leck/Mölln | Sonderhalt in Mölln? "Gar kein Problem. Ich gehe zum Zugführer und sag ihm, dass er auf Sie warten soll. Dann springen Sie schnell raus." Ungläubig starre ich die Schaffnerin an. "Wie... einfach so?" Das sei gar kein Problem, sagt sie im Fortgehen.
Leck, 10:34 Uhr
Knapp fünf Stunden zuvor: "Einmal Niebüll - dann bekomme ich 2,70 Euro", der Busfahrer der Linie 1013 sieht mich abwartend an. Ich zahle, los geht’s. Vorbei an Schafen, Windrädern und Maisfeldern. Es ist still. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Kurz hinter Klixbüll biegt der Bus auf einen einspurigen Wirtschaftsweg ab. Zwischen Getreidefeldern geht es weiter. Hoffentlich kommt uns jetzt kein anderes Fahrzeug entgegen. Ausweichen ist hier nicht möglich.
Im Bus sitzt auch Robert Stinchcomb. Er arbeitet auf dem Sylter Flughafen. Jeden Tag fährt der 30-Jährige von Leck auf die Insel. "Morgens ist das kein Problem, aber abends fährt der Bus teilweise nur alle drei Stunden", sagt er. Es gäbe Schlimmeres. "Mir ist es einfach zu teuer auf Sylt zu wohnen." So gibt er lieber 180 Euro monatlich für seine Fahrkarte aus. Eine Menge Geld. Doch Robert Stinchcomb denkt positiv: "Ich wohne noch nicht lange hier und durch die Fahrten lerne ich die Gegend richtig gut kennen."
10:51 Uhr: Ankunft in Niebüll.
Das passt. Um 11.01 Uhr soll die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) in Niebüll Richtung Hamburg-Altona abfahren, jetzt ist es 10:51 Uhr. Doch die Anzeigetafel auf dem Bahnsteig vertröstet mich auf "wenige Minuten später". Zeit also, sich an der Information zu erkundigen, wie ich am besten nach Mölln komme. Ein bisschen verwundert ob meiner Strecke ist der Herr am Schalter schon. Er gibt mir den Rat, doch aufzupassen, dass ich nicht die Verbindung über Lüneburg fahre. "Da gilt dann ihr Schleswig-Holstein-Ticket nicht mehr und sie müssten draufzahlen." Wie? Mein Ziel liegt innerhalb Schleswig-Holsteins, aber ich komme nicht mit dem Schleswig-Holstein-Ticket dort hin?
Doch erst einmal eine positive Überraschung: Trotz der angekündigten Verspätung kommt die NOB pünktlich. Über Langenhorn, Bredstedt und Husum geht es Richtung Süden. Viele Urlauber mit großen Rucksäcken und Fahrrädern fahren mit. In der Luft liegt eine Mischung aus Sonnencreme und Frikadellen.
11:36 Uhr, unplanmäßiger Halt
Zwei Mal ist der Getränkewagen bereits vorbeigekommen, als wir auf weiter Strecke zwischen einer Kuhkoppel und einem Maisfeld um 11.36 Uhr halten. Der Grund dafür ist nicht erkennbar. Inzwischen peitscht der Regen an die Zugfenster. Drei Minuten später geht es im Schritttempo weiter. Die Kühe starren uns mit großen Augen hinterher. Mit zehn Minuten Verspätung erreichen wir um 11:49 Uhr Friedrichstadt. Von dort aus geht es an Deichen, Schafen und plattem Land über Lunden und Heide weiter gen Süden.
In Heide dringt lautes Lachen durch den Zug. "Lass uns weiter nach hinten gehen." Zwei junge Mädchen kommen vorbei. Laura Loose (17) und Carina Theden (16). Sie sind auf dem Weg nach Hamburg "meine Schwester besuchen und shoppen", erklärt Carina. "Wir haben ja schließlich Ferien. Sonst ist das zu weit und dauert zu lange." Mit der NOB sei das aber kein Problem. Dann ziehen die beiden sich in den hinteren Teil des Zuges zurück.
13:09 Uhr, Umsteigen in Elmshorn
Itzehoe, Glückstadt, Elmshorn - hier muss ich raus. Mit dem Regionalexpress geht es weiter zum Hamburger Hauptbahnhof. "Entschuldigung. Macht es ihnen was aus, mit mir den Platz zu tauschen? Ich fahre so ungern mit dem Rücken zur Fahrtrichtung." Eine ältere Frau sieht mich fragend an. Kein Problem. Wir tauschen und sie beginnt zu erzählen. Von ihren Kindern, ihrer Jugend in Meldorf und von ihrem Häuschen in Elmshorn. "Schon als wir vor 31 Jahren gebaut haben, wurde uns gesagt, dass bald eine S-Bahnstation nur fünf Minuten von unserem Haus entfernt gebaut werden würde - bis heute ist da aber nichts passiert." Doch das sei eigentlich gar nicht schlimm, sagt Inge Obermayer weiter. "Die Anbindung zwischen Elmshorn und Hamburg ist auch so gut. Und so oft fahre ich auch gar nicht mit der Bahn. Da ist das immer aufregend." Sie lacht. "Ich bin extra früher aufgestanden und mein Sohn hat mir den Automaten erklärt." Ein Abenteuer. Aber dafür zahle sie, um nach Rahlstedt zu kommen, für eine Tageskarte nur knapp zehn Euro. "Mit dem Auto würde ich genauso lange brauchen, aber es wäre teurer."
13:37 Uhr, Ankunft in Hamburg
Nach meiner Ankunft um 13:37 Uhr in Hamburg muss ich nun dringend das Lüneburg-Problem lösen. An der Information fragt mich die jungen Frau am Schalter: "Ist das denn noch in Schleswig-Holstein?", als ich ihr sage, dass ich über Büchen fahren möchte. Sie käme aus Bayern, entschuldigt sie sich. Auch ihr Kollege weiß nicht so genau wo Büchen liegt, aber wo man suchen muss. Das Ergebnis: Büchen liegt in Schleswig-Holstein.
14:38 Uhr, Abfahrt nach Büchen
Mit fünf Minuten Verspätung fährt die Regionalbahn um 14.38 Uhr Richtung Schwerin ab. Inzwischen bin ich vier Stunden und vier Minuten unterwegs. Der Zug ist voll. Eine Mutter diskutiert mit ihrer kleinen Tochter darüber, ob ein dritter Lolly heute nicht einer zu viel sei. Drei Teenager kommen in den Wagen und spielen sich lautstark Musik auf ihren Handys vor.
In Bergedorf sind es schon neun Minuten Verspätung. Die Erklärung kommt per Lautsprecher: Vor uns fährt ein langsamer Zug. Voraussichtliche Ankunftszeit: 15.10 Uhr in Büchen - genau dann sollte die Bahn nach Mölln abfahren. Ich werde nervös.
Kurz bevor wir in Büchen ankommen - die erlösende Nachricht: Der Zug nach Mölln wird warten. Glück gehabt. Das Lolly-Mädchen hat derweil weniger Erfolg. Immer noch schluchtzend gibt sie auf und beißt unglücklich in eine von der Mutter angebotene Gurkenscheibe. Angespornt von ihrem erzieherischen Erfolg wendet sich die Mutter nun den musikhörenden Jugendlichen zu. Herausfordernd lehnen die sich in ihren Sitzen zurück, um schließlich doch, nicht ohne auf die "spießige Alte" zu schimpfen, in einen andern Wagen umziehen.
15:10 Uhr, Abfahrt nach Mölln
Ein kurzer Sprint - geschafft. Ich sitze im Zug nach Mölln. Doch wie schaffe ich es, ein Beweisfoto zu schießen und doch mit demselben Zug weiter zu fahren? Ich frage die Schaffnerin.
15:21 Uhr, Ankunft in Mölln
Ein Sonderhalt? "Gar kein Problem."

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