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Anlaufstelle für Betroffene : Die Aufarbeitung im Psychopharmaka-Skandal hat begonnen

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Zahlreiche Heiminsassen wurden Opfer von Medikamentenversuchen. 214 Betroffene in SH haben sich bisher gemeldet.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 06:36 Uhr

Kiel/Schleswig | Vor einem Jahr hat eine Pharmazeutin Psychopharmaka-Tests an Heiminsassen in den 1950er bis 1970er Jahren aufgedeckt. Inzwischen hat  Schleswig-Holsteins Sozialminister Heiner Garg an Betroffene von Jahrzehnte zurückliegenden Medikamentenversuchen appelliert, sich zu melden und Unterstützung einzufordern. „Jedem ist klar, dass das erlittene Unrecht nicht wieder gut zu machen ist“, sagte der FDP-Politiker. „Wir müssen Betroffenen sagen, ja, auch der Staat hat damals versagt und Kinder und Jugendliche in Psychiatrien und Heimen der Behindertenhilfe nicht angemessen schützen können. Das bedaure ich sehr und dafür bitte ich im Namen der Landesregierung um Entschuldigung.“

Im vergangenen Oktober hatte die Pharmazeutin Sylvia Wagner die Psychopharmakatests unter anderem an der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses aufgedeckt. Sie hat Archive und historische Fachzeitschriften ausgewertet und Belege für bundesweit etwa 50 Versuchsreihen gefunden, darunter auch zwei Fälle in Schleswig-Holstein. Hinweise auf Einwilligungen seien nicht gefunden worden.

Bund, Länder und Kirchen hatten daraufhin im Dezember 2016 die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ eingerichtet für Menschen, die Leid und Unrecht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in Heimen der Behindertenhilfe 1949 bis 1975 erfahren hatten. Hier können Betroffene finanzielle Anerkennung erhalten. Das Stiftungsvermögen beträgt nach Angaben des Sozialministeriums bundesweit 288 Millionen Euro. Schleswig-Holstein beteiligt sich mit rund 2,1 Millionen Euro. Zudem hat das Land im Frühjahr 2017 eine regionale Anlauf- und Beratungsstelle eröffnet.

Seitdem die Stiftung die Arbeit aufgenommen hat, haben sich in Schleswig-Holstein 214 Menschen gemeldet – und es seien 115 Beratungsgespräche geführt worden, wie das Sozialministerium mitteilte. Daraus resultierend wurden 98 Anträge auf Anerkennungsleistungen gestellt. Insgesamt wurde nach Angabe des Ministeriums über die Beratungsstelle bislang eine Summe von etwa 900.000 Euro für in Schleswig-Holstein lebende Betroffene ausgezahlt. „Die Rückmeldungen lassen erkennen, dass es für Betroffene auch nach 50 Jahren enorme Überwindung kostet, über die damalige Zeit und die Misshandlungen, zu denen auch Medikamentenversuche zählten, zu sprechen“, sagte Garg. „Ich möchte sie dennoch ermutigen, die Angebote der Beratungsstelle anzunehmen.“

Neben der individuellen Hilfe bemüht sich das Land auch um die wissenschaftliche Aufarbeitung in Schleswig-Holstein. „Wir haben im Einvernehmen mit Betroffenen im Regionalbeirat jetzt die Konzeption zur wissenschaftlichen Aufarbeitung zum Thema Medikamentenversuche in Schleswig-Holstein beschlossen“.

An der interdisziplinär angelegten Studie sollen Experten insbesondere aus den Fachrichtungen Medizin, Rechtswissenschaften, Geschichtswissenschaften und Philosophie mit forschungsethischer Ausrichtung teilnehmen. Die Untersuchung soll auf zwei Jahre angelegt sein. Der Minister erwartet, „dass sich Pharma-Unternehmen an der Aufklärung offensiv und umfassend beteiligen“.

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