Labinot S. : Der Tod eines Räubers

Labinot S. (16) starb, als er mit seinen Komplizen den Rentner Ernst B. überfiel. Dieser steigt kurz nach dem Überfall auf Krücken in einen Polizeibus. Fotos: TVR/privat
Labinot S. (16) starb, als er mit seinen Komplizen den Rentner Ernst B. überfiel. Dieser steigt kurz nach dem Überfall auf Krücken in einen Polizeibus. Fotos: TVR/privat

Ein junger Mann zahlt für einen Überfall mit seinem Leben. Er ist ein Intensivtäter, der Schütze ein Millionär. Der Fall polarisiert, ist jedoch vielschichtiger als vermutet.

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20. Dezember 2010, 10:02 Uhr

Neumünster/Sittensen | Herausfordernd richtet ein junger Mann seinen Blick in die Kamera. Er hat kurz geschorene Haare und trägt einen Ohrring. Sein Name ist Labinot S., und mit seinen 16 Jahren hatte er bereits eine dicke Akte bei der Polizei. Die Beamten stuften ihn als gewalttätig und bewaffnet ein, er galt als Intensivtäter.
Mit vier Komplizen hat Labinot S. einen Millionär in seiner Villa in Sittensen (Niedersachsen) überfallen. Der Raub endete für den jungen Täter aus Neumünster tödlich. Das Opfer der Bande, Rentner Ernst B. (77), schoss ihm mit einer Pistole in den Rücken.
Beziehungen ins Rotlichtmilieu
Zunächst war die Staatsanwaltschaft von Notwehr ausgegangen, doch mittlerweile wird wegen des Verdachts des Totschlags gegen Ernst B. ermittelt. Dabei spielt eine wichtige Rolle, warum sich die fünf Kriminellen die Villa am Waldrand ausgesucht hatten: Es gibt eine Verbindung zwischen den jungen Männern, die alle aus Neumünster stammen, und ihrem Opfer. Nach Informationen von Schleswig-Holstein am Sonntag soll der wohlhabende Senior die Liebesdienste von zwei jungen Prostituierten (21 und 22) in Anspruch genommen haben. Beide hatte er im Internet kontaktiert - und beide wohnen in Neumünster.
Die ältere der Prostituierten ging mit dem Rentner eine engere Beziehung ein. Er machte ihr teure Geschenke, darunter ein Auto, und lud sie offenbar in seine Villa ein. Sie soll sich dort gut ausgekannt haben - und behielt dieses Wissen wohl nicht für sich. Angeblich ist Ernst B. bereits vor dem Überfall von Leuten aus dem Rotlichtmilieu bedroht und erpresst worden. Der passionierte Jäger soll Anzeige erstattet und aus Furcht vor den Erpressern eine Pistole griffbereit deponiert haben. Das verschwiegen die Ermittler. Ihre offizielle Erklärung: Die Pistole habe im Wohnzimmer gelegen, weil der Rentner in der Zeitung vom Raubmord auf einen Unternehmer in der Nähe gelesen hätte.
"Jeder von uns war schon zwei Jahre im Knast"
Wollte die Prostituierte ihren betagten Freund ausnehmen? Einer der beiden Brüder (22) des Getöteten sagt: "Lena war mit dem Millionär zusammen, hat die vier zu dem Überfall aufgestachelt. Das sind die Schlimmsten aus Neumünster. Jeder von denen war schon zwei Jahre im Knast." Warum Labinot S. mitgefahren ist, kann sich die Familie nicht erklären. Ein Cousin meint: "Er war ein lieber Mensch, hatte ein großes Herz und ist wohl an die falschen Freunde geraten. Aber wir wissen nicht, wie die ihn dazu überreden konnten."
Der albanischstämmige Labinot kam als Einjähriger nach Deutschland, lebte mit seinen Eltern und den Brüdern in Neumünster. Er machte einen guten Hauptschulabschluss und wollte Kfz-Mechaniker werden. Doch schon im Kindesalter wurde er straffällig: Raub, gefährliche Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl stehen in seiner Akte. Laut seiner Angehörigen soll er vor Gericht aber immer mit Sozialstunden davongekommen sein.
Für seine nächste Straftat bezahlte er mit dem Leben
Die Bande zerrte den Rentner, der nach einer Operation auf Krücken angewiesen ist, am Montagabend vom Hundezwinger in die Villa. Die teilweise maskierten Räuber rissen Ernst B. das Portemonnaie mit fast 1000 Euro aus der Hose und durchsuchten alle Zimmer, während die Mündung einer Pistole auf seinen Kopf gerichtet war. "Ich dachte, die bringen mich um", sagte Ernst B. später zu Reportern. Beim Versuch, den Tresor zu öffnen, lösten die Täter allerdings den Alarm aus.
Sie flüchteten in Panik, und Millionär Ernst B. griff zur Pistole. Labinot S. soll als Letzter aus der Villa gerannt und bereits zehn Meter entfernt gewesen sein, als ihn die Pistolenkugel in den Rücken traf. Trotz seiner Schreie ließen ihn seine Komplizen zurück, angeblich weil der Rentner wie wild auf sie feuerte. Labinot S. starb auf der Veranda.
Die Mittäter stellten sich am Mittwoch
Sie alle sind polizeibekannt, es handelt sich um den kurdischstämmigen Iraker Sian K. (23), den Kongolesen Gracia K. (22) und die beiden Deutsch-Türken Hakan und Burhan K. (22 und 24). "Der Fahndungsdruck war zu hoch", erklärte Polizeisprecher Detlev Kaldinski. Die Beamten hatten eine auf der Flucht weggeworfene Tüte mit einer Softair-Pistole und den Masken gefunden. Daran DNA-Spuren und Fingerabdrücke. Tatsächlich aber soll die Familie von Labinot S. die vier Komplizen unter Todesdrohungen dazu genötigt haben, sich zu stellen und zu gestehen. Auch der Rentner wurde im Internet bedroht, ebenso wie Kommentatoren, die geschrieben hatten: "Wer einen auf Krücken gehenden Rentner überfällt, verdient kein Mitleid." Die Polizei nahm die Drohungen so ernst, dass Beamte zu einer sogenannten Gefährderansprache bei der Familie des Getöteten anrückten und sie vor Vergeltungstaten warnten.
Labinot S. ist am Samstag in Drencia (Kosovo) beerdigt worden, seine Komplizen sitzen in Untersuchungshaft, die Prostituierte Lena P. wurde vorläufig festgenommen. Neben den Tatverdächtigen haben die Ermittler aber auch das Überfall-Opfer im Visier, da die Räuber schon auf der Flucht waren, als geschossen wurde. Ist das noch Notwehr? Staatsanwalt Kai Thomas Breas erklärt: "Werden die Grenzen der Notwehr nicht aus Wut, Zorn oder Kampfeseifer überschritten, sondern aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, kann man straflos bleiben." Dies werde geprüft. "Außerdem hatten die Tatverdächtigen das Portemonnaie mit einer erheblichen Geldsumme geraubt - und sein Eigentum darf man verteidigen."

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