zur Navigation springen

Reportage : Der Sache auf den Grund gehen: Unterwegs mit den Kieler Kanalarbeitern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alle drei Monate steigen sie in den Sandfang in einer der größten Pumpstationen Kiels. Wir haben sie begleitet.

shz.de von
erstellt am 04.Jun.2016 | 18:37 Uhr

Kiel | Mit seiner Schaufel hebt Peter Braatz einen faserigen Haufen in die Höhe und kippt ihn über einer gelben Kiste aus. Dann greift er zum Presslufthammer und rüttelt sachte die dunkle Masse unter sich auf. Drei Stöße reichen, um den Boden zu lockern und mit der Schaufel weiter abzutragen. Es ist fünf Uhr morgens und Braatz steht gemeinsam mit einem Kollegen in einem 7,5 Meter tiefen und 20 Quadratmeter großen Loch. Um ihn herum? Braune Pfützen und eine schwarze, zähe Masse.

Mit dem Abwasser gelangen allerhand Feststoffe in den Sandfang, die sich zu zähen Klumpen verbinden und die Pumpen verstopfen können.
Mit dem Abwasser gelangen allerhand Feststoffe in den Sandfang, die sich zu zähen Klumpen verbinden und die Pumpen verstopfen können. Foto: Marcus Dewanger
 

Peter Braatz ist Betriebsmeister beim Kieler Kanalbetrieb. Seit Mitternacht reinigt er mit elf Kollegen den Sandfang des Pumpwerks Haßstraße am Kleinen Kiel – Mitten in der Innenstadt 500 Meter vom Rathaus entfernt. Etwa einen halben Meter steht er über dem Boden des Absetzbeckens. Dazwischen eine Schicht aus „Sand, Baustellenschutt, Hygieneartikeln und Fäkalien natürlich“, zählt Braatz auf, als er wieder oben ist und am Rand der Grube steht. Dort unten landet, was Kieler ihre Abflüsse hinunterspülen – der Bodensatz der Stadt.

Zwei schwarze Schläuche stecken tief in dem Schlick und bahnen sich hungrig ihren Weg durch die Masse. Sie gehören zu den Pumpwagen, die vor der Grube stehen und Wasser und Sand daraus absaugen. Alle drei Monate steigen die Männer in das Loch in der Garage des Pumpwerks hinab und kehren die Feststoffe auf, die im Abwasser schwimmen und sich im Sandfang auf dem Boden absetzen. „Wir haben auch schon mal Besteck oder ein Gebiss darin gefunden“, brüllt Braatz gegen das Motorengeräusch der Pumpen an. Das Hauptproblem seien aber Hygieneartikel, die sich zu großen Paketen verbinden und die Pumpen verstopfen. Sie müssen die Männer herausschaufeln. „Das ist schwierig, weil die wie Pappmaschee sind“, sagt der Betriebsmeister und hält dabei kurz inne, um nach dem richtigen Wort zu suchen, das die Konsistenz der Bündel beschreibt. Aus dem Haufen, den Braatz eben auf der Schaufel hatte und der jetzt von seinen Kollegen in der Kiste nach oben gezogen wird, schimmern Tampons, Damenbinden, Plastikverpackungen von Schoko-Riegeln, Deo-Deckel und ein silberner Topfschwamm.

Wasser und Sand werden abgesaugt, Baustellenschutt, Hygieneartikel und Fäkalien müssen die Männer derweil aus dem Sandfang schaufeln.
Wasser und Sand werden abgesaugt, Baustellenschutt, Hygieneartikel und Fäkalien müssen die Männer derweil aus dem Sandfang schaufeln. Foto: Marcus Dewanger
 

Der Geruch? Eine Mixtur aus Fäkalien, Abfall und Verdorbenem. „Die ersten zehn Minuten riecht man den Gestank noch, dann ist er nicht mehr da – wie ausgeblendet“, weiß Christian Dreßler. Der Kanalarbeiter stützt sich auf ein Geländer und blickt in das Loch, in das sein Chef gerade wieder hinabgestiegen ist, um erneut den Boden mit dem Presslufthammer zu bearbeiten. Als Dreßler das sagt, ist es 5.30 Uhr und jeder Schwall aus dem Loch hat in der vergangenen halben Stunde hartnäckig seine Spur in der Luft hinterlassen. „Ein Maler, der jahrelang Farben und Lacke riecht, merkt das irgendwann auch nicht mehr“, ergänzt Dreßler zum Vergleich. Dagegen tun könne man ohnehin nichts. „Es dauert ein paar Tage, bis der Geruch aus der Nase ist.“ Seine Frau habe sich das letzte Mal noch nach drei Tagen darüber beschwert. Im Pausenraum nur wenige Meter vom Loch entfernt, wo die Zugluft den Gestank kontinuierlich hineinträgt, pflichtet ihm einer seiner Kollegen bei und sagt: „Gerichtsmediziner gehen auch zum Mittag“, zuckt die Schultern und nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.

In den 1970er Jahren wurde das Pumpwerk in der Haßstraße gebaut, in den 80ern ein Hochhaus draufgesetzt, wo zurzeit das Ministerium für Schule und Berufsbildung seine Büros bezogen hat. Seit 2013 betreibt die Stadt die regelmäßigen Reinigungen. „Über viele Jahre hinweg wurde der Sandfang nicht richtig gesäubert“, sagt Klaus Reichel, Chef des Klärwerks Bülk, das 15 Kilometer im Norden von Kiel liegt und die Endstation für das Schmutzwasser der Stadt ist (siehe Grafik). „Jetzt wird der Sache auf den Grund gegangen – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Die Pumpe ist die zweitgrößte der Stadt; ihr Einzugsgebiet ist der gesamte Kieler Süden und Teile des Ostufers. Acht Millionen Kubikmeter Abwasser werden hier jährlich gefördert. Und mit ihm allerhand Feststoffe, die in die Pumpen gelangen, wenn der Sandfang vollgelaufen ist. Als die Männer heute Nacht die Platten von dem Becken genommen haben, stand das Schmutzwasser etwa fünf Meter hoch. Eine weiße Fettkante an den Betonwänden markiert noch Stunden später den Pegel.

Ein Gaswarngerät, das gut sichtbar am Grubenrand steht, ermittelt den Gehalt an Sauerstoff, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Explosionsfähige Atmosphäre in dem Sandfang. Nur wenn diese vier Werte im Level sind, dürfen die Arbeiter in die Grube. „Es steigt nie jemand alleine hinunter. Wir sind immer mindestens zu zweit“, sagt Betriebsmeister Braatz, als er ein zweites Mal wieder nach oben gestiegen ist. Bei der Frage, ob es unten oder oben schlimmer ist, zögert er einen Moment, als müsse er sich erst den Geruch in Erinnerung rufen. „Hin und wieder kommt ein Schwall.“ Dann habe sich etwas eingekapselt und sei gegoren. „Wenn wir dann mit den Schaufeln hineinstechen, kommt alles raus.“ Dort unten merke er den Gestank aber nicht so sehr. Erst wenn er wieder oben ist und draußen frische Luft riecht, bemerkt er den Unterschied. Hinunter müsse jeder mal. „Bisher mussten wir aber noch nicht knobeln.“

Der Geruch ist Gewöhnungssache – darin sind sich die Männer hier einig. Nur wer meint, dass er eine Maske braucht, setzt sie auf. Oben trägt keiner eine. Unter Tage nur einer von zwei. Reichel sagt, es gebe hier zwei Typen von Menschen: Die einen, die sich daran gewöhnen, und die anderen, die sich anschließend erst mal erholen müssen. Christian Dreßler gehört zum ersten Typus. „Scheißlaune bringt hier auch nichts“, sagt er und senkt seinen Blick abermals in den Sandfang, die Ursache des Übels. „Wozu?“, fragt er und schaut nach vorn, über die Grube hinweg aus dem Garagentor, wo auf der anderen Straßenseite ein Schwan – unbehelligt vom Lärm und Geruch – Runde um Runde auf dem Kleinen Kiel schwimmt.

Der Arbeitsalltag der Männer sieht eigentlich anders aus. Mit Spülfahrzeugen reinigen sie routinemäßig die Schmutz- und Regenkanäle, legen die Schächte vom Gras frei oder kontrollieren die Ein- und Auslaufstellen in Gewässern. „Unter Tage sind wir kaum“, erklärt Braatz. Damit die Männer in dem Sandfang überhaupt arbeiten können, haben sie eine Art Bypass gelegt. Ein Luftkissen verschließt ein 1,70 Meter großes Rohr – den Eingang zum Sandfang. Das Abwasser, das sich davor staut, wird abgesaugt und ungefiltert in das Pumpwerk geleitet. Eine Stunde dauerte es heute Nacht, den Ballon so zu platzieren, dass er das Wasser zurückhält. Würde der Ballon platzen, müssten die Arbeiter sofort raus. Ein Seil sichert sie für diesen Fall. Bisher ist er noch nicht eingetroffen. Nichtsdestotrotz soll in Zukunft ein mechanischer Schieber das Kanalrohr versiegeln.

Wann das Luftkissen gelöst wird, hängt von den Wassermassen ab, die dagegen drücken. 300 Kubikmeter pro Stunde werden gegen 5.30 Uhr durch die Pumpen gefördert, 1500 Kubikmeter sind es tagsüber. Gegen sechs Uhr wollen die Männer fertig sein und den Ballon wieder rausziehen; dann erwacht die Stadt zum Leben und die ersten Bewohner gehen zur Toilette, putzen Zähne oder stehen unter der Dusche. „Es ist ungewöhnlich, dass wir heute so lange arbeiten können“, sagt Reichel um kurz nach sechs Uhr, als es draußen langsam zu dämmern beginnt und in der Garage die Motoren unermüdlich dröhnen. „Wir haben schon gescherzt, dass die Stadtwerke heute das Wasser abgestellt haben.“

Um 6.30 Uhr ruft einer der Arbeiter schließlich: „Und los. Blase raus.“ Die zwei Kanalarbeiter im Sandfang schicken die gelbe Kiste ein letztes Mal nach oben und steigen die Sprossen an der Betonwand hinauf. Die Pumpen werden abgestellt. Für einen Moment ist es jetzt ganz ruhig, bevor ein Kompressor die Luft aus dem Dichtkissen saugt und damit den Weg zum Sandfang wieder freigibt. Ein Fluss braunen Wassers schießt schäumend zurück – und mit ihm Plastik, Sand, Tampons und Damenbinden. Zwei Arbeiter ziehen den schlaffen Ballon heraus. Als der reißende Fluss an Kraft verliert und gemächlich in Richtung der Pumpen fließt, decken sie das Loch mit Stahlplatten zu. Keine Spur mehr vom Schmutz der Stadt. Was bleibt ist der Geruch – auf der Haut, in den Haaren und jeder Faser der Kleidung. Ob sie wütend über jene Menschen sind, die all das, was sie dort unten aufgekehrt haben, unachtsam in den Abfluss gespült haben? „Nein wütend sind wir nicht. Aber Unverständnis haben wir“, sagt Braatz, als er die letzte Platte auf das Loch gehoben hat.

Heute Mitternacht werden sie das Loch noch einmal öffnen, das Rohr versiegeln und das Becken auspumpen; dann werden sie wieder hinuntersteigen und den Schlick herausschaufeln. „Bis er besenrein ist“, sagt Braatz und deutet auf den Sandfang, bevor er in den Feierabend geht. Zwei Nächte werden sie dann hier gewesen sein und den Bodensatz der Stadt aufgekehrt haben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen