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Schleswig-Holstein

22. Oktober 2017 | 16:30 Uhr

Der Mann hinter dem Sensationsfund

vom

Morgen vor 150 Jahren entdeckte Conrad Engelhardt das Nydamboot / Gottorfer Archäologe würdigt den fast vergessenen Pionier seiner Zunft

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erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

schleswig/sonderburg | An diesem Sonnabend ist es auf den Tag genau 150 Jahre her: Der Ausgräber Conrad Engelhardt entdeckte in einem Moor nordwestlich von Sonderburg das Nydam-Boot - das älteste erhaltene hochseetaugliche Schiff im nördlichen Europa und heute die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Landesmuseen in Schleswig. In der Wahrnehmung hinter dem Exponat fast verschwunden ist der Mann, der die archäologische Pionier-Tat zu einer Zeit vollbracht hat, in der es diese Wissenschaft noch gar nicht so richtig gab. Zu Unrecht, findet Dr. Andreas Rau vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) auf der Gottorfer Schlossinsel. Der Nydam-Experte der Schleswiger Archäologen hat sich über Jahre mit der Person Engelhardt beschäftigt und kommt zu dem Ergebnis: "Gemessen mit den Maßstäben seiner Zeit, war er Vorreiter."

Die unmittelbarste Möglichkeit, sich heute noch an den 17. August 1863 heranzutasten, ist das Blättern in den Grabungstagebüchern. Sie lagern in einem Archiv in einem Seitengebäude von Schloss Gottorf - Kopien der Originale, die das Kopenhagener Nationalmuseum aufbewahrt. Erst in den 1980er Jahren wurden sie dort per Zufall in einem Regal wiederentdeckt. Engelhardts älteste Tochter hatte die Aufzeichnungen dem Museum in den 30er Jahren geschenkt mit der Maßgabe, sie erst nach ihrem Tod zu öffnen. Daraufhin waren die Dokumente in Vergessenheit geraten. Etwa 600 Seiten, verteilt auf fünf Bände, umfasst der Fundus, verfasst in der akkuraten Handschrift des Lehrers für Latein, Englisch und Französisch, der Conrad Engelhardt im Hauptberuf war. Deutlich wird aus den Papieren, dass ihm der Sensationsfund gleich am ersten Tag seiner Grabungs-Kampagne im August gelang. Zunächst ist unter dem 17.8. für "Grube 1" noch unspektakulär verzeichnet: "erst ein Schildbrett, einzelne Pfähle, sonst nichts". Über "Grube 2" heißt es schlichtweg: "seltsame Teile" (wie die Forscher heute wissen: Gestänge für zeltartige Aufbauten an Deck.). Und dann eben über "Grube 3" - die erste Erwähnung des Nydamboots überhaupt: "In der Mitte stießen wir auf das Mittelteil des großen Ruderboots aus Eichenholz." Wie viele tausend kleinere versenkte Gegenstände war es nach Deutung der Wissenschaft den Göttern nach einer Schlacht um 320 nach Christus geopfert worden.

Trotz des Höhepunkts verliert der Entdecker nicht seinen Blick für Beigaben. Weiter geht es mit der Feststellung: "eine Menge Pfähle mit Bohrungen an beiden Enden, deren ganze Länge beträgt etwa drei Fuß, von unbekannter Bestimmung, die hier Gefundenen lagen in einem Bund." Heute weiß Rau: Ohne dass es Engelhardt bewusst war, ist dies die einzige Beschreibung der Rollmatten, die eine Art Deck des Schiffes bildeten. Am 22. August, also nach gerade mal fünf Tagen, hat der Archäologe mit zehn Helfern das Boot an Land geholt.

Dass das Moor sich als Wundertüte entpuppen könnte, war den Altertumskundlern erstmals 1858 aufgegangen. Da hatten zwei Torfstecher aus dem benachbarten Dörfchen Ostersottrup mehrere Schwerter gefunden. Als die Entdecker zu einer Familienfeier nach Kopenhagen reisten, zeigten sie die Stücke im dortigen Museum für Altnordische Altertümer vor. Das Haus gab Conrad Engelhardt den Tipp, in Nydam einmal genauer nachzugucken. Engelhardt war bereits seit 1851 von eben jenem Kopenhagener Museum in Flensburg mit dem Aufbau einer Sammlung aus Altertumsfunden beauftragt worden. "Sie sollte zu einer eigenen Identität des Herzogtums Schleswig beitragen", sagt Rau. Nach dem Sieg der Dänen über die schleswig-holsteinische Erhebung wollte ihre Politik die nordischen Wurzeln des Grenz-Territoriums betonen.

Aus Briefen Engelhardts liest Rau eine "Konkurrenz" heraus, in der er die neue Flensburger Sammlung zum Altertumsmuseum in Kopenhagen sah. Zwar hatte er in der dänischen Hauptstadt mehrere gleichaltrige Kollegen, mit denen er ausgebildet worden war. "Es ist spürbar, dass er der beste der jungen Garde sein wollte, er war extrem ehrgeizig", charakterisiert Rau Engelhardt. Umgekehrt spreche aus Notizen seines Ausbilders mancher Seufzer, dass er sein größtes Talent gen Süden habe ziehen lassen.

Engelhardts Ehrgeiz äußerte sich in einer bemerkenswerten Akribie. "Ein Glücksfall", urteilt Rau. "Die meisten Ausgräber waren in erster Linie Schatzsucher", sagt Rau. "Den Wert einer Dokumentation der Funde verstanden sie nicht." Anders Engelhardt. "Er hatte ein Gespür dafür, dass der Fundkontext eine große Bedeutung haben würde, um geschichtliche Vorgänge rekonstruieren zu können."

Das erschöpft sich nicht allein in den Tagebuch-Aufzeichnungen. Von einem befreundeten Zeichner aus dem Kopenhagener Museum ließ er die Nydam-Funde naturalistisch illustrieren, mit genauer Oberflächengestalt und im Fall des Falles fragmentarischem Charakter. Andere Zeitgenossen pflegten weniger aussagekräftig schematisch zu zeichnen - oder sogar fehlende Teile aus der Phantasie zu ergänzen. Und schon drei Jahre nach der Bergung des Nydam-Boots sorgte dessen Entdecker für eine internationale Verbreitung der Kunde: Er veröffentlichte seine schleswigschen Moorfunde auf englisch. Und wenn er nicht schon bei früheren Grabungen in Nydam 1859, 1862 und im Thorsberger Moor bei Süderbrarup 1858, 1860 und 1861 mit Konservierungsmethoden getüftelt hätte - "dann wären die ausgegrabenen Teile des Nydam-Boots längst nicht so gut erhalten", sagt sein Gottorfer Nachfahre. "Auf vielfache Weise ein weitsichtiger Mensch", resümiert Rau.

Umso tiefer fiel der ambitionierte Einzelkämpfer, als ihm sein Revier verloren ging: Der dänische Staatsbürger ging zurück nach Kopenhagen, nachdem Preußen und Österreicher 1864 das Herzogtum Schleswig erobert hatten. Nydam und Thorsberg lagen fortan außer Reichweite. Seine Flensburger Sammlung wurde, obwohl von ihm selbst zunächst auf die Insel Seeland geschmuggelt, gemäß dem Wiener Friedensvertrag an Preußen ausgeliefert. Zwar fand der extrem nationalbewusste Engelhardt am Altertumsmuseum in der Hauptstadt eine Beschäftigung. "Doch dort war er nur ein Rad von vielen", sagt Rau. Eine Ehrendoktorwürde der Universität Kopenhagen erhielt Engelhardt, gesundheitlich schon spürbar angeschlagen, erst zwei Jahre vor seinem Tod. Erst 56 Jahre alt, starb er 1881 an Tuberkulose.

Außer einem Porträt-Gemälde im heutigen Nationalmuseum auf dem Flur zur Bibliothek erinnert nichts an den Mann, der die Sehenswürdigkeit Nydamboot erst möglich machte.

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