"Mörderischer Norden" : Der Lübecker Beilmord

Spurensuche: Ermittler untersuchen den Tatort auf einem Lübecker Radweg. Foto: Holger Kröger
1 von 2
Spurensuche: Ermittler untersuchen den Tatort auf einem Lübecker Radweg. Foto: Holger Kröger

Weil seine Frau ihn verlassen hat, erschlägt ein Lübecker sie mit einem Beil - vom Fahrrad aus. Teil 15 unserer Serie "Mörderischer Norden".

Avatar_shz von
16. April 2012, 02:14 Uhr

Lübeck | Die Einkäufe sind erledigt. Kalliopi T. verstaut alles auf ihrem Fahrrad und macht sich auf den Nachhauseweg. Das macht sie nur noch selten - aus Angst vor ihrem Ex-Ehemann, Efstratios K., der ihr gegenüber zu Gewaltausbrüchen neigt. Tatsächlich beobachtet der sie auch diesmal von einem Versteck aus. Auch er schwingt sich auf sein Fahrrad und folgt ihr. Auf dem Radweg der Lübecker Walderseestraße hat er sie eingeholt. Plötzlich holt der 37-Jährige aus und rammt seiner Ex ein Beil in den Nacken. Die Schläge sind tödlich, die Frau stirbt sofort und stürzt mit ihrem Rad zu Boden. Das Eingekaufte fliegt aus dem Lenkradkorb und verteilt sich auf dem Gehweg. Der blutende Körper, getroffen von insgesamt zwei Schlägen auf den Nacken und sechs weiteren auf den Oberkörper liegt zwischen Fahrrad und Lebensmitteln. Es ist der 28. Dezember 2007.
Polizeiobermeisterin Anja Sager vom 3. Polizeirevier Lübeck hat gerade frei. Als sie die Bluttat im Vorbeifahren von ihrem Auto aus sieht, zögert sie keinen Moment. Die 31-Jährige stoppt, springt aus dem Fahrzeug und hetzt dem flüchtenden Mörder hinterher. Nach einem kurzen Sprint wirft sie sich auf den Mann und überwältigt ihn. Alarmierte Streifenwagen eilen herbei und bringen den Festgenommenen zum 3. Polizeirevier.
Die Mordkommission übernimmt nun die Ermittlungen vor Ort; Kriminaltechniker sichern die Spuren. Auch Mitarbeiter der Gerichtsmedizin der Hansestadt erscheinen am Tatort und führen erste Untersuchungen durch. Die Tatwaffe wird sichergestellt. Der Tatort liegt an einer verkehrsreichen Straße, daher ist der Mord von vielen Passanten beobachtet worden, die nun als Zeugen befragt werden. Zeitgleich verhören Polizisten auf dem Revier den Festgenommenen.
Das gibt noch Ärger
Schnell ergibt sich für die Beamten ein klares Bild: Demnach ist es in der Vergangenheit mehrfach zwischen den Geschiedenen - beide sind griechischer Herkunft - zu tätlichen Auseinandersetzungen gekommen. Der Mann war bereits polizeibekannt. Er hatte seine Ex-Frau in der Vergangenheit immer wieder angegriffen. Vor drei Jahren hatte sich Kalliopi T. dann von ihm getrennt. Sie zog mit ihren Kindern in eine Zwei-Zimmer-Wohnung - 400 Meter vom Tatort entfernt. Anfang des Jahres reichte sie die Scheidung ein und prophezeite Bekannten: "Das gibt noch Ärger."
Am zweiten Weihnachtstag erschien ihr Mann nachts vor ihrem Haus und rief laut nach ihr. In der Hand hatte er ein Geschenk und Blumen. Ein letzter Versuch zur Versöhnung? Kalliopi T. aber war nicht zu Hause. Ihr Vater rief aus dem Fenster: "Verschwinde. Deine Frau ist bei ihrem neuen Freund." Drei Tage später war sie tot.
Der Bruder sah die Tat voraus
Dass der 37-Jährige auf seine geschiedene Frau losging, kommt für den Bruder des Opfers keineswegs überraschend. Die Behörden hätten es zugelassen, dass der Täter seine Ex-Frau monatelang terrorisiert habe, sagt er. "Seit Monaten hat meine Schwester in Angst vor ihrem Ex-Mann gelebt." Und: "Wir haben uns auf die Gerichte verlassen, dass sie meine Schwester vor ihm schützen würden und ihn wegsperren." Für den Bruder war die Tat voraussehbar.
Der Täter habe seine Ex-Frau schon früher mit einem Messer bedroht. Es folgten Gerichtsverhandlungen, die jedoch ausgingen wie das Hornberger Schießen: Nichts geschah zum Schutz der Frau und ihrer Kinder. Keine Polizei wachte, kein Staatsanwalt forderte Genugtuung, kein Richter half mit durchgreifenden Rechtsmitteln. Im Gegenteil. Eine Einstweilige Verfügung, die dem Täter den Kontakt mit seiner von ihm geschiedenen Frau untersagen sollte, wurde nach Aussagen des Bruders vom Gericht abgelehnt. Darauf stellte Kalliopi T. ihrem Bruder angstvoll die Frage: " Er wird mir doch nichts antun...?"
Tatsächlich war der Täter laut Akten der Staatsanwaltschaft zuletzt 2006 wegen Bedrohung und Körperverletzung gegen seine Frau in Erscheinung getreten. Ein Polizeipressesprecher bestätigt in diesem Zusammenhang "etliche Einsätze" im Jahr 2007: "Da war von Bedrohung über Nötigung bis Körperverletzung alles dabei." Warum vor diesem allen Beteiligten bekannten Hintergrund keine Behörde durchgreifend gehandelt hat, bleibt unklar.
Opa sorgt für die Kinder
Das Opfer hinterlässt zwei gemeinsame Kinder - ein siebenjähriges Mädchen und einen vierjährigen Jungen. Beide wurden in die Obhut des Großvaters mütterlicherseits gebracht. Die Hinterbliebenen erhielten psychologische und seelsorgerische Betreuung.
Vor Gericht sagt Efstratios K. später aus, er habe Angst gehabt, seine Frau könne Deutschland verlassen, vielleicht sogar mit einem neuen Partner. Trotzdem sei er in seiner "Ehre als griechischer Mann" nicht gekränkt gewesen. "Ich habe meine Frau geliebt", betont er immer wieder. "Die Trennung von meinen Kindern hat mich zerrissen."
Im Juli 2008 verurteilte das Lübercker Landgericht Efstratuis K. zu lebenslanger Haft. Er habe seine Ex-Frau aus Wut getötet, weil das Gericht ihr das alleinige Sorgerecht für die beiden gemeinsamen Kinder zugesprochen hatte, sagte die Vorsitzende der IX. Großen Strafkammer. Das habe sich mit seinem Machtanspruch nicht vereinbaren lassen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen