Bestattung : Der geplante Abschied

Thomas Rasmussen und sein Nachfolger Holger Hiebsch auf dem  Themengrabfeld „Wellenreich“.
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Thomas Rasmussen und sein Nachfolger Holger Hiebsch auf dem Themengrabfeld „Wellenreich“.

Von Online-Grabassistenten bis zu Themengräbern: Die Bestattungskultur im Norden befindet sich im Wandel. Eine Ortsbegehung.

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17. November 2013, 10:11 Uhr

Flensburg | Strandgräser wiegen sich im kalten Novemberwind. Beim Gehen knirschen Steine und Sand unter den Füßen. 832 Euro, und man kann rund einen Quadratmeter dieses maritim angelegten Urnenfeldes sein Eigen nennen – für 20 Jahre nach dem Tod.

Das „Wellenreich“ ist eines von fünf Themengrabstätten auf dem Flensburger Friedhof Friedenshügel. „Rosarium“, „Lavendelei“, „Baumfrieden“ und „Ginkgo-Garten“ heißen die weiteren. „Mehr als die Hälfte der Bestattungen finden mittlerweile in diesen Bereichen statt“, sagt Thomas Rasmussen, Geschäftsführer der Flensburger Friedhöfe. Ein Großteil bucht die Grabpflege gleich mit dazu – sozusagen im „All-Inclusive-Paket“ für rund 400 Euro mehr. „Immer häufiger organisieren die Leute schon zu Lebzeiten, wo sie ihre letzte Ruhe finden wollen“, berichtet Rasmussen. Die Friedhöfe haben sich diesem Trend angepasst. Auf der Website des größten Flensburger Friedhofs zum Beispiel hilft einem der „Ruhestättennavigator“ bei der Auswahl der Wunsch-Grabstätte. Mit Blumenablage oder ohne? Pflegelos oder mit eigener Pflege? Viele Menschen kommen mit einem Ausdruck davon ins Beratungszentrum und wollen ihr Grab direkt reservieren, erzählt der Geschäftsführer. „Sie gehen unbefangen und interessiert damit um und sind froh, die Entscheidung nicht erst im Ernstfall treffen zu müssen.“ Marketing spielt inzwischen eine bedeutende Rolle. Der Flensburger Friedhofs-Chef spricht von „Produktpaletten“, „Kunden“ und „Premium-Paketen“. Man biete sogar Führungen für Senioreneinrichtungen an und sei auf Senioren-Messen vertreten. Rasmussen erzählt, dass sein Stand einer der meistbesuchten sei.

Die Friedhöfe verändern sich. Große Familiengräber sind zur Seltenheit geworden, maximal zwei Plätze für ein Paar werden heute gewählt, wie Franz Helmut Pohlmann von der schleswig-holsteinischen Bestatter-Innung beobachtet hat. Vor allem die zunehmende Mobilität der Gesellschaft habe zu dieser Entwicklung geführt – man will die Kinder, die oft in der Ferne leben, entlasten. „Die Grabpflege wird meist direkt mitgebucht und alles im Voraus gezahlt“, berichtet er. Bei Friedhofsverwaltungen und Gärtnereien klingelt die Kasse.

Ob von Enkelkindern bemalte Särge, Segeljollen neben dem Grab oder Violinkonzerte in der Trauerkapelle: Immer wichtiger wird die individuelle Prägung der Bestattung. „Trauerfeiern sind heute gelöst vom klassischen Ritual“, sagt der Flensburger Bestatter Peter Berg. Es seien eher Abschieds- und Gedenkfeiern. „Die Menschen wollen mehr als den Psalm 23.“

Erde oder Feuer? In Schleswig-Holstein entscheidet sich der Großteil für die Kremation und die anschließende Urnenbeisetzung. „Die Anzahl der Feuerbestattungen im Land hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt“, sagt Franz Helmut Pohlmann von der Bestatter-Innung. Rund 60 Prozent der Verstorbenen werden in Krematorien eingeäschert – damit liegt Schleswig-Holstein über dem Bundesdurchschnitt von 54,6 Prozent. Flensburg ist mit rund 90 Prozent die Hochburg der Feuerbestattung, da es hier bereits seit 1938 ein Krematorium gegeben hat. Generell lasse sich der hohe Anteil an Urnenbestattungen mit dem niedrigen Anteil von Katholiken im Norden erklären, welche aus Glaubensgründen die Erdbestattung bevorzugen. Auferstehung und Verbrennung passen nicht recht zusammen. Den Trend verstärkt habe eine Gesetzesänderung im Jahr 2004: Seitdem sind Feuer- und Erdbestattung in Schleswig-Holstein rechtlich gleichgestellt. „Zuvor musste nachgewiesen werden, dass eine Feuerbestattung im Sinne des Verstorbenen war“, erklärt Pohlmann. Seitdem darf der Auftraggeber über die Bestattungsart bestimmen – und dabei werde immer häufiger die Einäscherung gewählt.

Für Naturliebhaber bietet sich als Begräbnisstätte auch der sogenannte Ruheforst an: speziell ausgewiesene Waldflächen. Hier sind nur Urnenbeisetzungen und keine Sargbestattungen erlaubt. „In Schleswig-Holstein ist dieser Trend aber nur schwach ausgeprägt“, sagt Pohlmann. Das grundsätzliche Problem: Auf dem unebenen Waldboden sind die Gräber speziell für ältere Menschen mit Gehbehinderung kaum erreichbar. „Mit einem Rollator haben Sie da keine Chance“. Deshalb greifen auch Friedhöfe die Kulisse auf. Verjährte Grabfelder mit hohen, alten Bäumen werden zu „Baumfrieden“ – so auf dem Flensburger Friedenshügel geschehen. Auf massiven Holzbänken im Baumstamm-Look können die Hinterbliebenen den Blick über die grüne Fläche schweifen lassen. Die Grabsteine sind hier in Form von kleinen Steinplatten in den Boden eingelassen. Für die einen ist das Grab-Gestaltung genug, andere stellen Laternen dazu, pflanzen Blumen und befestigen Bilderrahmen auf den Rasen.

Ausgerechnet die Seebestattung ist im Land zwischen den Meeren – zumindest von Schleswig-Holsteinern – mit laut Bestatter-Innung lediglich 0,2 Prozent der Urnenbeisetzungen kaum gefragt. „Die größte Nachfrage herrscht in Bayern und Baden-Württemberg“, so Pohlmann. Seine Erklärung: Urlaubserinnerungen der Verstorbenen an Nord- und Ostsee.

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