Serie "Mörderischer Norden" : Der Frauenmörder von St. Pauli

Die Opfer von Fritz Honka waren, bis auf eine Ausnahme, alle in die Jahre gekommene Huren. Fotos: dpa
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Die Opfer von Fritz Honka waren, bis auf eine Ausnahme, alle in die Jahre gekommene Huren. Fotos: dpa

Nach seinem Mord an vier Prostituierten in St. Pauli behauptet Fritz Honka, Jack the Ripper hätte ihn dazu beauftragt.

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20. Februar 2012, 01:08 Uhr

Hamburg | Hamburg ist in dichten Nebel getaucht. Auf einem Schrottplatz in Altona verbrennt ein Arbeiter Gerümpel. Dabei findet er einige eng verschnürte Pakete. Als er sie öffnet, fallen ihm verweste Teile einer Frauenleiche entgegen: ein wüst entstellter Kopf, zwei Brüste, ein Bein, zwei Hände. Entsetzt weicht der Müllwerker zurück. Ekel überkommt ihn. Wegen des unbeschreiblichen Gestanks muss er sich übergeben. Als der Mann sich wieder einigermaßen gefasst hat, ruft er die Polizei.
Die jedoch steht an diesem 2. November 1971 mehr oder minder ratlos am Fundort der Leichenteile. Wer ist die Tote, wer der Täter, was das Motiv? Im Institut für Rechtsmedizin am Butenfeld lässt ein Gerichtsmediziner die Gesichtspartie mit einer neuartigen chemischen Lösung aufquellen. Überraschend werden die ursprünglichen Gesichtszüge der Toten erkennbar. Gemeinsam mit den Beamten der Mordkommission gelingt es, das Mordopfer als Gertraud Bräuer zu identifizieren, Gelegenheitsprostituierte aus St. Pauli. Spuren, die auf den Täter verweisen, gibt es indes keine.
Ein Feuer hilft bei der Aufklärung
Vier Jahre später: Am 17. Juli 1975 bricht im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses ein Feuer aus. Nur 300 Meter von besagtem Schrottplatz entfernt. Zwar kann der Brand schnell gelöscht werden und kommen auch keine Menschen zu Schaden, doch als die Feuerwehr am nächsten Morgen den Dachboden des Hauses nach Schwelbränden absucht, stößt sie auf Leichenteile: die verwesenden Leichenteile dreier Frauen. Auch aus der angrenzenden Mansardenwohnung dringt starker Verwesungsgeruch.
Die Polizei wird eingeschaltet. Intensiv durchsucht sie die Wohnung und den Dachboden, findet weitere Leichenteile von nunmehr insgesamt vier Frauen. Darunter: der Torso von Gertraud Bräuer.
Von Jack the Ripper beauftragt
Als der Mieter der Mansardenwohnung, ein gewisser Fritz Honka, nach der Arbeit nach Hause kommt, wird er von der Polizei erwartet. Fritz Honka ist der Polizei bislang kaum aufgefallen. Nun wird er zusammen mit den anderen Hausbewohnern als Zeuge gehört.
Honka, geboren am 31. Juli 1935 in Leipzig, ist in Kinderheimen aufgewachsen. Sein Vater saß in einem NS-Konzentrationslager und starb 1946 an den Folgen seines Alkoholismus. Seine Mutter war mit insgesamt neun Kindern überfordert. 1951 ging Fritz Honka nach Westdeutschland und verdingte sich als Hilfsarbeiter auf Bauernhöfen. 1956 kam er nach Hamburg, um bei den Howaldtswerken eine Stelle als Werftarbeiter anzutreten. Er heiratete, doch die Ehe der beiden Trinker zerbrach.
Nun gesteht er nach stundenlanger Vernehmung den Mord an vier Frauen. Er sei, erklärt Honka, von Jack the Ripper zum Morden beauftragt worden. Die 42-jährige Friseurin Gertraud Bräuer habe er 1970 in seiner Wohnung erdrosselt, als sie ihm, dem kleinen, schielenden Nachtwächter, den Geschlechtsverkehr verweigert hatte. Im Anschluss zersägte er die Leiche und versteckte die Körperteile an verschiedenen Orten in Hamburg-Altona; die meisten auf dem Schrottplatz. Honkas erster Mord.
Mordmotiv: Lustlosigkeit beim Sex
Im August 1974 schlägt Fritz Honka das zweite Mal zu. Wiederum in seiner Wohnung. Diesmal trifft es die 54-jährige Prostituierte Anna Beuschel. Der Grund: Beim Geschlechtsverkehr sei sie zu lustlos gewesen, erklärt Honka später. Frieda Roblick (57) trifft es ein Vierteljahr später, einen Monat darauf Ruth Schult (52). Alle drei Leichen zerstückelt Honka nach der Tat. Anders als bei Gertraud Bräuer, schafft er diese aber im Anschluss nicht fort. Stattdessen verstaut er die zerkleinerten Toten im Bereich seiner Mansardenwohnung. Der Gestank, der mit der Zeit von ihnen ausgeht, fällt den anderen Bewohnern des Hauses zwar auf - ihren Beschwerden wird jedoch nicht nachgegangen.
Die Opfer
Nachdem seine Ehe aufgrund der Alkoholabhängigkeit zerbrochen ist, gelingt es Honka nicht mehr, Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Seine Sexualkontakte sucht er ausschließlich bei Prostituierten, denen er meist in schäbigen Kneipen im Umfeld der Reeperbahn begegnete. Seine Opfer hat Honka im "Goldenen Handschuh", einer düsteren Kneipe abseits der Reeperbahn, aufgelesen. Fast alle gealterte Huren, die bereit waren, für ein paar Gläser Schnaps und ein Dach über dem Kopf eine Nacht mit dem mickrigen, stark schielenden Mann zu verbringen. Entsprechend fiel ihr Verschwinden auch jahrelang nicht auf. Die Frauen waren schon so tief gefallen, dass niemand sie mehr vermisste.
Ein überraschendes Urteil
Über Wochen bestimmt der Fall Honka bundesweit die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Vor Gericht übernimmt der Münchner Staranwalt Rolf Bossi die Verteidigung des Frauenmörders. In seinem Plädoyer merkt der Anwalt fragend an: "Es könnte jedoch sein, dass Fritz Honka kein Triebtäter ist. Dass er vielmehr als ein biografischer Krüppel an Alkohol, in Lebensumstände geriet und Situationen, in denen er allein aus der Situation heraus getötet hat; in Situationen, in denen er aus keinem anderen Grund als dem getötet hat, dass er seelisch verkrüppelt, verwahrlost und unglücklich bis zur Katastrophe war." Bossi schafft es, dass Honka statt lebenslänglicher Haft zunächst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Anschließend wird er nochmals 15 Jahre eingesperrt.
Von Wahnvorstellungen verfolgt
Nach seiner Freilassung 1993 verbringt Fritz Honka seine letzten Lebensjahre unter dem Namen Peter Jensen in einem Altenheim in Scharbeutz. Niemand kennt dort seine wahre Identität. Zunehmend leidet der einstige Frauenmörder an Wahnvorstellungen: Honka alias Jensen beklagt sich beim Pflegepersonal über Leichengeruch in seinem Zimmer. Am 19. Oktober 1998 stirbt er im Hamburger Krankenhaus Ochsenzoll.

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