zur Navigation springen

Rost-Probleme : Der Fehmarnsund-Brücke droht die Totalsperrung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Bundesrechnungshof warnt vor der Abkopplung der Insel – und plädiert für den Erhalt des Wahrzeichens.

Fehmarn | Der Bundesrechnungshof schlägt Alarm: Weil Bahn, Bund und Straßenbauverwaltung des Landes die Fehmarnsundbrücke „seit Jahrzehnten vernachlässigen“ und nur noch „unbedingt notwendige Arbeiten durchführen“ würden, drohe der Brücke noch vor dem Bau der geplanten neuen Sundquerung die Stilllegung. „Wird der Instandhaltungsstau nicht kurzfristig beseitigt, ist nicht auszuschließen, dass die Brücke wegen Baumängeln gesperrt werden muss“, schreiben die Prüfer in einem geheimen Bericht an den Bundestag – und warnen: „Fehmarn hätte dann keine Verbindung mehr zum Festland.“

Marode Straßen, marode Brücken: In Schleswig-Holstein nimmt der Sanierungsstau kein Ende. Es gibt einen hohen Bedarf an der Instandsetzung der Infrastruktur.

Hauptproblem an Schleswig-Holsteins 53 Jahre altem Wahrzeichen ist das Rosten der Stahlseile: Bereits 2000 wurden erste Schäden entdeckt, die sich immer mehr ausweiteten. 2014 war ein Seil so stark verrostet, dass es ausgetauscht werden sollte. Weitere Fälle sind hinzugekommen – doch passiert ist bis heute laut Rechnungshof nichts. Selbst der Rostschutz an der Sundbrücke soll erst ab 2017 erneuert werden, obwohl er schon mehr als 30 Jahre alt ist. Denn weil Bahn und Bund die Brücke nach der für 2028 angepeilten Eröffnung einer neuen Sundquerung aufgeben wollen, möchte die Bahn bis dahin für Reparaturen an der alten nur noch 8 Millionen Euro ausgeben. Dabei hat sie selbst schon vor vier Jahren einen Sanierungsbedarf von 21 Millionen ermittelt, davon allein 17 Millionen für den Rostschutz.

Der Rechnungshof hält sogar diesen Betrag für zu niedrig. Vielmehr müssten „über 21 Millionen Euro“ investiert werden, „um die Brücke betriebs-, verkehrs- und standsicher zu halten“, stellen die Kontrolleure fest. Zudem kritisieren sie den Beschluss, die alte Brücke aufzugeben: Unter den acht ursprünglich diskutierten Varianten für eine neue Sundquerung könne „insbesondere“ ein Konzept mit einer Weiternutzung der alten Brücke für den Autoverkehr und dem Bau einer neuen Brücke für den Schienenverkehr „eine wirtschaftliche Lösung darstellen“, schreiben die Rechnungsprüfer. Dass Bund und Bahn diese Variante verworfen haben und stattdessen zwei neue Brücken oder eine neue kombinierte favorisiere, sei „methodisch angreifbar“ und liege an monetären Interessen der Bahn: Einen Neubau bezahlt der Bund, die Instandhaltung der alten Brücke die Bahn.

Tatsächlich rechtfertigt die Bahn ihr Zögern bei der Sanierung gegenüber dem Rechnungshof mit den Plänen für eine neue Sundquerung: Es sei daher Verschwendung, noch viel Geld in die alte Brücke zu stecken. Dagegen forderte Ostholsteins SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn die Bahn zum Handeln auf: „Es wäre fahrlässig, wenn die Bahn die 21 Millionen Euro jetzt nicht umgehend investiert.“

Der Kieler Verkehrsminister Reinhard Meyer wies jede Verantwortung für den Zustand der Brücke von sich: Zwar zahlt das Land die Hälfte der Instandhaltung. „Doch für die Durchführung der Erhaltung ist die Deutsche Bahn zuständig.“ Gleichzeitig beruhigte Meyer Autofahrer: „Die Brücke befindet sich in einem verkehrs- und standsicheren Zustand.“ Lastwagen dürfen allerdings seit August aus Sicherheitsgründen nicht schneller als mit Tempo 50 fahren.


Rettet die Sundbrücke!

Ein Kommentar von Henning Baethge

Das ist eine Ohrfeige für Bund, Land und vor allem für die Deutsche Bahn: Der Bundesrechnungshof wirft allen drei Beteiligten vor, die Fehmarnsundbrücke so stark verfallen zu lassen, dass sie von einer baldigen Totalsperrung bedroht ist. Damit nicht genug – die Kontrolleure kritisieren außerdem die Berliner Pläne für die vorgesehene neue Sundquerung: Statt die alte Brücke aufzugeben, sollten Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und die Bahn sie lieber in die Pläne für die neue Sundquerung einbeziehen und den Autoverkehr auch in Zukunft über sie abwickeln, fordern die Zahlenprüfer. Nur für die Schiene wäre dann ein Neubau nötig.

Tatsächlich ist die Schelte des Rechnungshofs ein guter Anlass, die Pläne für die künftige Sundquerung zu ändern. Oder sie zumindest noch mal unbefangen zu überdenken. Zwar ist klar, dass der Schienenverkehr künftig nicht mehr über das 53 Jahre alte Bauwerk am Sund rollen kann. Denn nach der Eröffnung des benachbarten Fehmarnbelt-Tunnels in voraussichtlich zwölf Jahren werden täglich achtzig bis zu 835 Meter lange Güterzüge pro Tag auf der Vogelfluglinie rollen – eine viel zu große Last für die denkmalgeschützte Brücke. Doch anders als von Bund und Bahn geplant müsste es möglich sein, die Brücke so umzubauen und zu modernisieren, dass sie den Autoverkehr weiterhin aufnehmen kann.

Das hätte gleich drei Vorteile: Die Variante wäre billiger als die meisten anderen, Schleswig-Holsteins Wahrzeichen wäre vor dem drohenden Abriss gerettet – und Bund und Bahn hätten keinen Vorwand und keinen Grund mehr, das Bauwerk schon heute weiter zu vernachlässigen. Denn der vom Rechnungshof kritisierte Verfall der Sundbrücke liegt ja vor allem daran, dass die Bahn nicht mehr viel davon zu haben glaubt, wenn sie jetzt Geld in den ein Kilometer langen „Kleiderbügel“ steckt. Schließlich sollen die Züge nach ihren Plänen ab 2028 entweder über eine neue Brücke oder durch einen neuen Tunnel zwischen Fehmarn und dem ostholsteinischen Festland verkehren. Das neue Bauwerk aber müsste nicht die Bahn bezahlen, sondern der Bund.

zur Startseite

von
erstellt am 15.Apr.2016 | 15:54 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen