Mörderischer Norden : Der erste Mord der RAF

Die sich heftig wehrende Margrit Schiller wird von Polizeibeamten zur Vorführung ins Polizeipräsidium getragen.
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Die sich heftig wehrende Margrit Schiller wird von Polizeibeamten zur Vorführung ins Polizeipräsidium getragen.

Bei einer Routinefahndung wird ein Polizist erschossen. Dringend tatverdächtig ist der spätere RAF-Terrorist Gerhard Müller. Doch der Mord bleibt ungesühnt.

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27. März 2012, 08:41 Uhr

Hamburg | Hamburg im Herbst 1971: Für den Polizeimeister Norbert Schmid (32) ist es ein ganz normaler Arbeitstag. Er ist Zivilfahnder am Polizeirevier 53 im Stadtteil Poppenbüttel. Der Kollege mit dem Schmid normalerweise Streife fährt ist krank. Für ihn springt der 27 Jahre alte Heinz Lemke ein. Die Zivilfahnder nehmen irgendwann das Gebiet um den Poppenbüttler Bahnhof ins Visier. Regen peitscht auf den im Scheinwerferlicht glänzenden Asphalt. Der Zeiger der Uhr in dem alten Ford 17 M geht auf 1 Uhr nachts.
Wenige Minuten später fährt an diesem jungen 22. Oktober die letzte S-Bahn in den Endbahnhof in Hamburgs Nordosten ein. Die beiden Fahnder beobachten die Fahrgäste, die mit dem letzten Zug angekommen sind. Eine junge, dunkelhaarige Frau fällt ihnen auf, die in einer Kleingartenanlage am Heegbarg verschwindet. Wenig später taucht die Frau an anderer Stelle überraschend wieder auf: Sie verlässt eine Tiefgarage am Alstereinkaufszentrum und geht den Heegbarg in Richtung Saseler Damm herunter. Das macht die Fahnder stutzig. Wo war sie inzwischen? Was hat sie vor? Langsam fahren sie hinter ihr her.
Treffen mit einem Pärchen
Die Unbekannte, es handelt sich um die 23-jährige Margit Schiller, wie sich später herausstellt, ein Mitglied der Bader-Meinhof-Bande, bemerkt das und verschwindet im Garten eines gegenüberliegenden Behelfsheimes. In der Holzbaracke wohnt ein alter Mann. Sollte sie zu ihm gegangen sein? Warum dann aber nicht gleich vom Bahnhof aus? Es geht auch kein Licht an in der Bude. Irgendwas ist hier faul, sind sich die Beamten einig. Sie glauben, die Frau habe sich versteckt, aber warum?
Die beiden Zivilfahnder fahren zurück auf den Parkplatz des Einkaufszentrums und beobachten das Grundstück mit ihren Nachtgläsern. Dann sehen sie einen Mann und eine Frau, die ebenfalls aus der Tiefgarage des riesigen Betonkomplexes kommen. Beide schlendern Hand in Hand den relativ schwach beleuchteten, menschenleeren Heegbarg hinunter. Es ist fast halbzwei. Zum Erstaunen der Beamten tritt die Dunkelhaarige plötzlich auf den Bürgersteig zu den beiden. Sie und das Pärchen entfernen sich nun in derselben Richtung, aber jeweils auf einer anderen Straßenseite.
Tödliche Schüsse
"Die müssen wir überprüfen!", entscheidet Schmid. Lemke startet den Wagen. Zügig fahren sie an die Dunkelhaarige heran. Schmid ruft ihr durch das offene Wagenfenster zu: "Halt, Polizei, bleiben sie bitte stehen!" Stattdessen beginnt die Unbekannte zu rennen. Lemke gibt Gas. Schnell ist die Frau über den Saseler Damm hinweg. Vor dem Wohnblock Heegbarg 61 fährt Lemke auf den Jägerzaun zu und versperrt der Flüchtenden den Weg. Doch die Frau spurtet um den Wagen herum und hastet über den Rasen des Wohnareals. Schmid springt aus dem Funkwagen und verfolgt sie. Lemke schaltet den Motor ab, lässt in der Eile den Schlüssel stecken, läuft seinem Kollegen nach. Überraschend taucht das Pärchen nun auch auf dem Rasen auf. Die beiden laufen Schmid hinterher. Lemke ist ungefähr fünf Meter entfernt und denkt, "die wollen uns helfen!"
Schmid hat die Frau mittlerweile eingeholt und kann sie gerade am Arm packen, als Lemke ihn auch schon entsetzt rufen hört: "Mensch, die sind ja bewaffnet!" Mit diesem Ausruf rettet Norbert Schmid seinem Kollegen das Leben: Instinktiv wirft sich dieser hinter einen Mauervorsprung, als eine Maschinenpistole unbarmherzig losknattert.
Ein Auto rast davon
Schmid bricht von mehreren Schüssen getroffen zusammen. Lemke bekommt davon nichts mit; er bleibt regungslos in seinem Versteck liegen. Er hört die Schritte der Flüchtenden. Kurz darauf rast ein Auto davon - es ist der zivile Polizeiwagen, den das mörderische Trio zur Flucht nutzt.
Noch traut sich der 27-Jährige nicht aufzustehen. Er ruft seinen Kollegen Norbert, er antwortet nicht. Heinz Lemke verspürt ein ungewohntes Gefühl am rechten Fuß. Eine Kugel hat ihn dort getroffen. Er humpelt zu Schmid hinüber - er ist tot. Dann läuft der junge Polizist, so gut er kann, die etwa fünfzig Meter zum Saseler Damm. Auf der um diese Zeit wenig befahrene Hauptstraße hält er, mit seiner Dienstmarke winkend, einen fast leeren Bus an. Dieser fährt ihn die 500 Meter zum nächsten Polizeirevier.
Frau in Telefonzelle festgenommen
Alles weitere ist Routine: Kurze Schilderung, was passiert ist, Alarm an alle Funkwagen und die größte Fahndungsaktion in Hamburg nimmt ihren Anfang. In einer Telefonzelle wird kurz darauf eine Frau festgenommen: Margit Schiller. Von den beiden anderen - wie sich später herausstellt, waren es Irmgard Möller und Gerhard Müller - fehlt jede Spur. Sie sind in einer Wohnung am Heegbarg untergetaucht. Dort, in einem neuen Hochhaus im Alstertal-Einkaufs-Zentrum, benutzt die Baader-Meinhof-Bande 1971, die sich später RAF nannte, die Wohnung eines sie unterstützenden Liedermachers als Bleibe für Terrorplanungen.
Unter großer Anteilnahme von Kollegen und zahllosen Bürgern wird Norbert Schmid nach einer Trauerfeier in der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Volksdorfer Waldfriedhof beigesetzt. Der Norbert-Schmid-Platz in der Siedlung Tegelsbarg erinnert heute an den Ermordeten, der eine 25-jährige Frau und zwei Töchter ( 5 und 6 Jahre alt) hinterlassen hat.
Bis heute keine Verurteilung
Offen bleibt die Frage, wer Norbert Schmid erschossen hat; es wurde nie jemand verurteilt. In der offiziellen Version wird von unbekannten Tätern gesprochen. Alles aber deutet auf Gerhard Müller hin."Gerhard ... stoppte, drehte sich mit der Waffe in der Hand um und schoss. Einmal, zweimal, immer wieder", schreibt die in Uruguay lebende Margit Schiller in ihrem Buch "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung - Ein Lebensbericht aus der RAF". Mit der Waffe, die man in ihrer Handtasche fand, war nicht geschossen worden.
Auch Heinz Lemke hatte Müller zunächst als Todesschützen identifiziert, die Aussage jedoch später im Prozess gegen den Terroristen abgeschwächt. Es ist davon auszugehen, dass die Mordermittlungen gegen Müller, der mit neuer Identität lebte, eingestellt wurden, weil er später als illegaler Kronzeuge - es gab dafür keine gesetzliche Legitimation - in RAF-Prozessen zur Verfügung stand.
Der Mord an Norbert Schmid ist somit bis heute ungesühnt. Beweise wurden unterdrückt, aufhellende Dokumente zurückgehalten, verräterische Akten als höchst geheim eingestuft und im Behörden-Dschungel vor dem Hamburger Schwurgericht verborgen und schließlich in aller Stille vergraben. So konnte Müller 1976 nicht als Mörder verurteilt werden, sondern lediglich als Mitglied in einer terroristischen Vereinigung. Die Mächtigen und Wissenden hatten das Gericht durch Zurückhaltung der entscheidenden, aussagekräftigen Beweise der Lächerlichkeit preisgegeben. Nach Mitteilung der ehemaligen Generalbundesanwältin Monika Harms sei Müller nach Auskunft des BKA im Jahr 2005 verstorben. Wo, und als wer, ist nach wie vor ein Staatsgeheimnis.

Serie: Mörderischer Norden
Manche Verbrechen sind so grausam, so kaltblütig, so ungewöhnlich, dass sie nie vergessen werden. Schleswig-Holstein am Sonntag hat zwanzig der spektakulärsten Fälle des Nordens in einem Kriminalreport zusammengestellt, erzählt von Klaus Lohmann. Die Fälle reichen von den Anfängen der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit. Der Hauptkommissar a.D. erinnert sich dabei an den "Mondscheinmörder", eine "Tödliche Geiselnahme", einen "Verhängnisvollen Doppelgänger", den "Heide-Mörder", einen "Mord im Polizeipräsidium", den "Tod im Säurefass" , den "Frauenmörder von Sankt Pauli", den "Mord ohne Leiche", den "Der Blaubart von Fehmarn", den "blutigen Tod einer Lehrerin", "Er tötete Menschen aus Frust", "Das erste RAF-Opfer", "Rästelraten um vermissten Landwirt" (nächste Woche), "RAF-Mord an Kriminalbematem", "Mord mit dem Beil", "Raubmord an einer Rentnerin", "Mafia-Mord auf St. Pauli", "Couragierter Mann von Schlägern totgetreten", "Sizilianische Gangster auf St. Pauli", "Die Reemtsma-Entführung" und "Der Karstadt-Erpresser Dagobert".

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