Kriminalreport: Mörderischer Norden : Der erste finale Rettungsschuss

Dramatische Szenen in Hamburg. Eine Geiselnahme endet mit dem Finalen Rettungsschuss.
Dramatische Szenen in Hamburg. Eine Geiselnahme endet mit dem Finalen Rettungsschuss.

Am 18. April 1978 endet ein Banküberfall mit einer tödlichen Geiselnahme. Der Fall ging in die Polizeigeschichte ein.

shz.de von
16. Januar 2012, 03:34 Uhr

Hamburg | Es ist Donnerstag der 18. April 1974, mittags. Entschlossen betritt Emilio Umberto Martin-Gonzales eine Filiale der Commerzbank am Hamburger Steindamm. Zunächst fällt der junge, südländisch aussehende Mann nicht weiter auf. Als der kolumbianische Ingenieursstudent aber an den Schalter tritt, zieht er plötzlich eine Pistole und ein Messer aus der Tasche. Er will Geld, hält die Kunden und Mitarbeiter der Bank mit seinen Waffen im Schach. Dennoch: Einem der Bankmitarbeiter gelingt es, einen Stillen Alarm auszulösen.
Die Polizei reagiert schnell. Um 12.26 Uhr schickt sie drei Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn zu der Bank am Steindamm. Unter ihnen Uwe F. Direkt nach seinem Eintreffen am Einsatzort stürmt der 34-jährige Polizeibeamte mit gezogener, durchgeladener Pistole den Schalterraum. Er versucht noch, hinter einem Betonpfeiler in Deckung zu gehen - zu spät. Martin-Gonzales erschießt ihn.
Der Banküberfall wird zur Geiselnahme
Rund zehn Minuten später entschließt der Kolumbianer sich, mit der Polizei in Kontakt zu treten. Über 110 ruft er bei der Funkzentrale an, verlangt einen Fluchtwagen - der Auftakt zu einem sich über Stunden hinziehenden Nervenkrieg zwischen dem Bankräuber, der die Menschen in der Filiale nun als Geiseln genommen hatte, und der Polizei.
Vor der Tür hatte sich unterdessen das zu jener Zeit neu gegründete Mobile-Einsatz-Kommando (MEK) in Stellung gebracht. Diese Elite-Einheit wurde in der Folge des Massakers bei den olympischen Spielen 1972 in München gegründet und diente zur Terrorbekämpfung und für den Einsatz gegen Schwerstkriminelle. Auch Hamburg hatte sich eine solche MEK zugelegt. Sie besteht bis heute durchweg aus Freiwilligen der Polizei, die nach "körperlichem wie psychischem Stehvermögen" (Polizeipräsident Günther Redding) ausgewählt werden. Ihre Mitglieder im Alter zwischen 25 und 40 Jahren erhalten ein Spezialtraining; jeder beherrscht Nahkampftechniken, ist fit im Combat-Schießen aus der Nähe. Kurz: Leute, die sich darauf verstehen, "Probleme an Ort und Stelle zu lösen", so Kriminaldirektor Hans Zühlsdorf.
Einsatzleitung beschließt finalen Rettungsschuss
Während die Polizei sich vor der Bank in Stellung bringt, zieht es immer mehr Schaulustige in die Nähe der Filiale. Dies wird zunehmend zu einem Problem für die Einsatzkräfte, die auch für die Sicherheit der Gaffer Sorge tragen muss. Sie bittet den NDR um Unterstützung. Der Sender berichtet im Anschluss von einem großen Wasserrohrbruch im Bereich des Einsatzgebietes - doch die Menschen lassen sich davon nicht abhalten. Schließlich aber gelang es den Behörden, ausreichend Beamte der Einsatzpolizei am Steindamm zusammenzuziehen, um den Steindamm und die angrenzenden Gebäude bis zum Hansaplatz zu räumen.
Derweil spitzt sich Lage in der Commerzbank immer weiter zu. Emilio Humberto Martin-Gonzales droht nun damit, Geiseln zu erschießen, sollte seiner Forderung nicht nachgekommen werden. Die Polizeiführung entschließt sich zum Finalen Rettungsschuss, den das MEK durchführen soll. Als finaler Rettungsschuss galt damals - und abgewandelt auch heute noch - der gewollte, gezielte tödliche Einsatz von Schusswaffen von Polizeibeamten. Im Sinne der Nothilfe soll die unmittelbare Lebensgefahr von Geiseln abzuwenden, wenn zur Lebensrettung keine anderen Mittel mehr verfügbar sind oder Erfolg versprechen. Genau das war die Situation am Hamburger Steindamm.
Fluchtfahrzeug gefordert
Um 13.09 Uhr gelingt es einem MEK-Beamten, unbemerkt in einen Nebenraum der Schalterhalle zu gelangen. Durchs Schlüsselloch sondiert er die Lage in der Schalterhalle. Die Einsatzleitung hat nun ein Bild sowohl von der Anzahl der Geiseln und ihrem Zustand als auch vom Täter selbst. Parallel dazu bringt sich das MEK im Eingang einer Buchhandlung direkt neben der Bank in Stellung, weitere Beamte postieren sich gegenüber des Eingangs zur Commerzbank. Sie halten Funkkontakt mit den neben dem Eingang kauernden Polizisten, informieren sie über die Lage.
Es ist 13.40 Uhr, als erneut das Telefon in der Einsatzzentrale klingelt. Martin-Gonzales stellt ein Ultimatum: Sollte er nicht binnen 20 Minuten einen weißen Ford als Fluchtfahrzeug erhalten, werde eine der Geiseln sterben.
Nervenkrieg auf seinem Höhepunkt

Das Ultimatum verstreicht, doch der Polizei gelingt es, den Täter hinzuhalten. Um 15.43 Uhr schließlich fährt ein MEK-Beamter den geforderten Fluchtwagen vor die Bank. Er ist nur mit einer Badehose bekleidet, um dem ausgesprochen nervösen Martin-Gonzales zu zeigen, dass er unbewaffnet ist. Der aber bleibt misstrauisch, lässt den dreimal versetzen und noch etwas näher am Eingang der Bank parken - der Nervenkrieg zwischen Polizei und Täter hat seinen Höhepunkt erreicht. Die MEK-Beamten im Eingang der Buchhandlung machen sich bereit für den Zugriff. Doch Martin-Gonzales kommt nicht vor die Tür. Stattdessen schickt er eine Frau zum Auto. Sie sprüht Heck- und Seitenscheiben des Fluchtfahrzeugs mit schwarzer Farbe ein. Der Täter hofft, der Polizei auf diese Weise die Sicht in den Wagen zu nehmen.
Die Verhandlungen zwischen Polizei und Geiselnehmer gehen weiter. Schließlich gelingt es, Emilio Humberto Martin-Gonzales zu dem bereitstehenden Ford hinaus zu locken. Als dieser auf die Straße vor der Bank tritt, trägt er die Dienstmütze des erschossenen Uwe F. auf seinem Kopf. Er hat zudem eine Geisel bei sich, der er seine Pistole an die Schläfe und sein Messer an die Kehle drückt.
Kurz unaufmerksam
Dann entschließt sich der 28-Jährige, die Dienstmütze abzusetzen. Er ist kurzfristig abgelenkt. In diesem Moment schlägt das MEK zu. Einer der Beamten, die sich in dem Eingang der Buchhandlung postiert hatten, schießt dem Studenten mit einem aufgesetzten Schuss in den Hinterkopf. Die Geisel, die der Kolumbianer mit vor die Tür genommen hatte, erlitt leichte Schnittverletzungen am Hals.
Emilio Humberto Martin-Gonzalez verstarb wenig später in einer Hamburger Klinik. Sein Überfall auf eine Hamburger Bankfiliale mit anschließender Geiselnahme ging in die Polizeigeschichte ein. Denn am Donnerstag, den 18. April 1978 wurde zum ersten Mal in Deutschland ein Täter durch einen Finalen Rettungsschuss getötet.

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