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Schleswig-Holstein

18. August 2017 | 09:24 Uhr

Der Breitband-Talker geht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit „Wer wird Millionär“ hat er es ganz nach oben geschafft. Günther Jauch hat sich in den letzten Jahren in die Herzen der Fernsehzuschauer gequizzt, wie kaum ein anderer TV-Moderator. Er wurde schnell zum Liebling der deutschen Vorabend-Unterhaltung. Doch Jauch wollte mehr. In einem Interview mit dem Zeit Magazin warf er 2009 seinen journalistischen Kollegen vor, am Tor vorbeizuschießen: „Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung.“ Er war der Meinung, er könnte es besser.

2011 übernahm er die Talkshow im Ersten. Es war bereits der zweite Versuch der ARD, den Moderator für ein politisches Talk-Format zu gewinnen. Jauch und Politik – so hat man damals wohl gedacht – das passt doch prima zusammen.

Doch es kam anders. Der Start der Sendung verlief holprig, die Zuschauer sahen einen zurückhaltenden Jauch, seine Gespräche hatten eher Plauderton als Erkenntnisreichtum. Für seine Sendung mit dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis am 15. März dieses Jahres, in der er den Politiker als „italienischen Bruce Willis“ bezeichnete, hagelte es Kritik, vor allem von Journalisten.

Die Zuschauer hingegen schien das nicht zu stören. Im Gegenteil: Jauchs Quoten waren gut. Laut seiner Produktionsfirma hatte er im Schnitt 4,62 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 16,2 Prozent – und ist damit der erfolgreichste Talk, den die ARD bisher im Programm hatte. Bei einer Umfrage des WDR im Sommer 2011 erhielt Jauch vom Publikum Bestwerte, noch vor Thomas Gottschalk, Johannes B. Kerner oder Jörg Pilawa. Die Zuschauer lieben ihn. Mit seinem lausbübischen Grinsen und den auffallend einfach formulierten Fragen schafft er es, alle Arten von Zuschauergruppen anzusprechen, nicht nur die politisch interessierten.

Doch genau das war sein Problem. Jauch produzierte Talk für die breite Masse. Er eckte nicht an, hakte nicht nach, vermied Streitgespräche und hinterließ mit seiner naiven Fragerei den Eindruck von Unwissen und schlechter Vorbereitung.

Der ARD-Programmbeirat sah das ähnlich. In einer Beurteilung des Moderators machte der Beirat deutlich, dass der prominente Sendeplatz am Sonntagabend nach dem Tatort oder dem Polizeiruf 110 zwar eine ausgezeichnete Ausgangssituation für einen politischen Talk hergebe, Jauch als Moderator jedoch deutliche Defizite aufweise. So hieß es in einer offiziellen Erklärung des ARD-Programmbeirats: „Er hakt selten nach, setzt sich sogar teilweise über die Antworten seiner Gäste hinweg, vertritt eine klar erkennbare eigene Meinung, folgt strikt seinem vorgefertigtem Konzept, hakt eine Frage nach der anderen ab, polarisiert, schürt mit seinen Suggestivfragen teilweise Politikverdrossenheit und kommt damit seiner Verpflichtung zur journalistischen Sorgfalt nicht nach.“

Er muss selbst gemerkt haben, dass sein Konzept nicht aufgeht. Nach vier Jahren ARD-Talkshow entschied Jauch sich dafür, eine angebotene Vertragsverlängerung mit dem Sender abzulehnen. Seine Nachfolge tritt gebührenschonend Vorgängerin Anne Will an, die ihren Platz vor vier Jahren für den Quiz-Master räumen musste.

Als letzten und einzigen Gast hat Jauch sich für heute Abend Wolfgang Schäuble ins Gasometer eingeladen. Es wird eine farblose Sendung werden, nicht nur, weil eine Talkshow mit einem einzigen Gast nur wenig Konfliktpotenzial birgt, sondern vor allem, weil Jauch nicht der Typ ist, der sich mit einem Paukenschlag verabschiedet. Streit liegt ihm nicht, er hat es gern harmonisch. Und vielleicht wird ihm am Ende der Sendung klar, dass auch er es in vier Jahren nicht geschafft hat, den Ball im Tor zu versenken. Dafür hätte man erst anfangen müssen zu spielen.


Die letzte Talkshow von Günther Jauch ist heute Abend um 21.45 Uhr in der ARD zu sehen.

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erstellt am 29.Nov.2015 | 09:48 Uhr

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