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Schleswig-Holstein

17. Dezember 2017 | 22:56 Uhr

Forschungsprojekt : Den Roma auf der Spur

vom

Diana Iuliana Pirjol und Aleksandar Marinov haben zwei Monate am Minderheitenzentrum in Flensburg über ihre Gemeinschaft geforscht.

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2013 | 07:30 Uhr

Flensburg | Sie haben in der Niederlande und in den Vereinigten Staaten studiert, bilden sich fort oder promovieren in Großbritannien. Und sie entstammen der Gemeinschaft der Roma. Diana Iuliana Pirjol und Aleksandar Marinov sind wieder aus Flensburg abgereist, nachdem sie zwei Monate lang den Kollegen im European Centre for Minority Issues (ECMI) im Kompagnietor auf die Finger geschaut haben. Für diese Zeit haben die beiden Roma ein Stipendium des European Academic Network on Romani Studies, das ein gemeinsames Programm der Europäischen Union und des Europarats ist.

Ihre Lebensläufe stehen schon im zarten Forscher-Alter von 25 (Pirjol) beziehungsweise 30 (Marinov) im krassen Gegensatz zu der in Deutschland beklagten "desolaten Bildungslage von Sinti und Roma". Zu diesem Ergebnis kommt ein Mannheimer Forschungsprojekt von 2011. Diana und Aleksandar verfolgen indes nicht nur eine akademische Karriere, ihre Familien ermöglichen ihnen auch eine solche.

Schon als Kind sei sie neugierig gewesen, erzählt Diana, die aus einem Dorf im südwestlichen Rumänien kommt. Ihr Vater, ein Mechaniker, habe sie inspiriert - und bestochen: Wenn sie beste Leistungen bringe, schenke er ihr ein Fahrrad. Das habe sie bis heute nicht bekommen, sagt die 25-Jährige lachend. Ihren Teil der Vereinbarung aber dürfte sie mit einem Master in Amsterdam in Policy Analysis und einem Forschungsprojekt in Cambridge ordentlich erfüllt haben. Das Gesundheitswesen ist erneut ihr Thema. "Ich würde gern nach Rumänien zurückkehren", sagt Diana Pirjol, "aber zunächst möchte ich im westlichen Europa Erfahrungen sammeln." Sie könne sich gleichermaßen vorstellen, als Forscher oder Berater tätig zu sein, in einer internationalen Organisation oder im öffentlichen Sektor.

Ihre aufgeschlossenen Eltern "stellten keine Bedingungen, solange ich nicht nach Geld frage", berichtet Pirjol vom vollsten Vertrauen ihr gegenüber. Priorität habe stets die Bildung für die Kinder gehabt; neben dem Studieren arbeite sie als Kellnerin.

Aleksandar Marinovs Familie tickt so ähnlich. Zwei Brüder des Bulgaren aus Sofia zum Beispiel studierten in den Vereinigten Staaten. Er selbst hat einen Bachelor in Politikwissenschaften und einen Master in internationalen Beziehungen. Als Promovend widme er sich dem Thema Migration und Identität - mit besonderem Blick auf Roma im Kontext der Europäischen Union. "Wir sind ein buntes Völkchen", sagt er, und er könnte die Roma ebenso wie seine Familie meinen. Letztere erwartete von den Nachkömmlingen keine schulischen Höchstleistungen, sondern ermunterte sie dazu. Seine Verwandtschaft bezeichnet der Bulgare als traditionell. Ihre Zugehörigkeit "versteckte sie nie, wagte sie nie zu verstecken". Seine Identität empfindet Aleksandar Marinov als "bequem" - und vergleicht mit Muslimen nach dem elften September. Roma-Sein beschreibt der 30-Jährige als "Art des Seins, Fühlens, Tuns, Wahrnehmens der Welt". Während seiner Besuche von Roma-Gemeinschaften in Bulgarien, Spanien oder auch Kiel habe er stets ein bestimmtes Gefühl empfunden, weiß, dass alle dieselbe Sprache sprechen, Musik mögen. Der Bulgare wirbt für Anerkennung der Roma.

Umgekehrt seien beide bislang keiner Ausgrenzung aufgrund ihrer Herkunft begegnet, wissen aber sehr wohl, dass das nicht überall so ist. Diana erwähnt das Beispiel Frankreich, wo zugewanderte Sinti in Wohnanlagen sich um ihre Unterkünfte kümmerten. "Sie waren hilfreich und fühlten sich wie die Besitzer", wurden jedoch gegen das Recht der Freizügigkeit in Europa aus dem Land geschickt. "Obwohl sie sich angepasst hatten." Aleksandar Marinov erklärt: "Wir haben keinen Nationalstaat, dem wir uns verbunden fühlen können, und müssen uns auf Unterstützung der Regierung verlassen." Diana Pirjol lobt die dänische und deutsche Regierung, die "hinter" den Minderheiten stehen.

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