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Mitgliederschwund : Den Feuerwehren in SH laufen die Leute weg

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Zwischen Mitgliederschwund und Zwangsverpflichtung – die freiwilligen Feuerwehren in SH kämpfen immer öfter gegen akuten Personalmangel. Wehrführer kritisieren verkrustete Strukturen und zu viel Bürokratie.

shz.de von
erstellt am 02.Nov.2014 | 07:30 Uhr

Kiel/Ekeberg/Homfeld | Bislang war die kleine nordfriesische Gemeinde Friedrichstadt nur für ihre hübschen niederländischen Backsteinbauten, Grachten und Brücken bekannt. Demnächst allerdings könnte sie zu weitaus weniger rühmlichen Ehren kommen – als erste Stadt Schleswig-Holsteins mit einer zwangsverpflichteten Feuerwehr.

Die Mannschaftsstärke der Freiwilligen Wehr beträgt bei aktuell rund 2500 Einwohnern nur noch 29 Aktive. Um den gesetzlichen Bestimmungen zu genügen, müssten es aber 53 sein. 800 Bürger im Alter zwischen 20 und  50 Jahren hat die Stadt bereits angeschrieben, um sie zum Dienst zu bewegen – doch an zwei Informationsabenden traten nur sieben Interessierte der Wehr bei. Bis Ende des Jahres wird nun weiter fleißig Nachwuchs gesucht, parallel laufen aber bereits die Vorbereitungen für die Zwangswehr. Ähnlich wie bei der mittlerweile ausgelaufenen Wehrpflicht würden dann aus der genannten Altersgruppe Personen gegen ihren Willen zum Dienst verdonnert.

Friedrichstadt steht landesweit nicht gänzlich allein da. Die beiden Gemeinden Burg (Kreis Dithmarschen) und List auf Sylt (Kreis Nordfriesland) haben bereits eine Pflichtfeuerwehr. Weitere Fälle könnten in den kommenden Jahren dazu kommen, schätzt Peter Schütt, Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes. Friedrichstadt sei „nur die Spitze des Eisbergs“. Die Zahlen sprechen jedenfalls dafür. Rund 56.000 Aktive Feuerwehrleute gab es im Jahr 1995 – Stand heute sind es nur noch 48000. Die Anzahl der Wehren hat sich zwischen 2005 und 2014 um 39 auf derzeit 1375 dezimiert, wobei dies laut Schütt auch mit Fusionen von Ämtern zusammenhänge.

Klaus Peter Andresen ist Gemeindewehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Struxdorf (Kreis Schleswig-Flensburg) und ein Feuerwehrmann aus Überzeugung. Das Gerätehaus der Ortswehr Ekeberg liegt auf seinem Grundstück. „Das liegt in der Familie, mein Vater war in der Feuerwehr, ich bin mit 19 Jahren eingetreten“, berichtet der Landwirt. „Menschen in Not helfen und Kameradschaft pflegen, das ist mir immer wichtig gewesen. Ich sehe das Ehrenamt als demokratische Pflicht.“ Doch sein zweites Amt als Ortswehrführer von Ekeberg hat der 53-Jährige vergangenes Jahr aufgegeben. In zwei Jahren will er auch die Führung der Struxdorfer Gemeindewehr verlassen. „Nach so vielen Jahren reicht es irgendwann“, sagt Andresen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Auf Nachfrage platzt es aus ihm heraus: „Mich stört diese ganze Bürokratie. Bevor ein Feuerwehrmann heute einen Schlauch in der Hand halten darf, muss er einen vierwöchigen Grundlehrgang über 70 Stunden belegen.“ Andresen sagt, er wolle nicht falsch verstanden werden. Theoretisches Wissen über Themen wie Atemschutz und die Bedienung von Maschinen sei durchaus wichtig. „Aber fürs Machen ist die Praxis wichtig. Wir brauchen mehr davon.“ Was nütze es, wenn ein angehender Feuerwehrmann Wissen über 25 verschiedene Typen von Feuerwehrfahrzeugen pauke, wenn es in seiner Gemeinde nur ein oder zwei davon gebe, fragt sich Andresen. „Wer das wissen will, der kann es ja lernen, aber der einzelne Feuerwehrmann einer kleineren Gemeinde braucht den ganzen Firlefanz nicht.“

Für Klaus Peter Andresen ist dies längst nicht der einzige Hinweis auf tiefe strukturelle Probleme der Feuerwehr. Schon die Tatsache, dass erst seit gut zehn Jahren vermehrt Frauen in die Wehr eintreten, betrachtet Andresen nicht gerade als rühmliches Kapitel. Der Personalstand in seiner Gemeindewehr sei heute nur deswegen so gut, weil sich auch Frauen engagierten. „Vor nicht allzu langer Zeit war es ungeschriebenes Gesetz, dass Frauen nicht dazu gehören. Das ist in vielen älteren Köpfen noch bis heute nicht akzeptiert worden.“

Ein anderer Schauplatz: Andresen erinnert sich an die Einladung von einer benachbarten Wehr vor drei Jahren. „Wir sollten an einer Feierlichkeit teilnehmen und dabei unter anderem auch mit allen Kameraden durchs Dorf marschieren. Wir haben das ja mitgemacht, aber Marschieren in der Öffentlichkeit muss wirklich nicht sein“, glaubt Andresen. „Schließlich sollen wir ja ein Feuer nicht austreten sondern löschen. Und Menschen in Not helfen.“ Es sei zwar wichtig, eine gewisse Ordnung beim Einsatz einzuhalten, Marschieren im Gleichschritt sei jedoch weder nützlich noch zeitgemäß. Abgesehen von ausgebildeten Soldaten könne es heute niemand mehr. Trotzdem werde bei Leistungsbewertungen durch den jeweiligen Kreisverband – eine Art freiwilliger Qualitätskontrolle für Wehren – neben einem koordinierten Einsatz und gutem Zustand des Gerätehauses auch der Antritt der Truppe und das Marschieren im Karree verlangt.

Einen ganz besonderen Einsatz hält der in zwei Wochen anstehende Volkstrauertag für Torben Halft, Ortswehrführer des zur Gemeinde Aukrug gehörenden Ortsteils Homfeld (Kreis Rendsburg-Eckernförde) bereit. „Da marschieren wir geschlossen in die Kirche zum Gottesdienst, bei einer Kranzniederlegung mit Gemeindevertretern wird den im Krieg und bei anderen Einsätzen ums Leben gekommenen Kameraden gedacht und die Feuerwehr steht stramm im Spalier.“ Er sei jedes Mal froh, wenn er für die Aufgabe, die von den insgesamt fünf Aukruger Wehren übernommen wird, ein paar Leute zusammenbekomme. „Da muss man sich doch mal fragen, ob das wirklich Feuerwehrarbeit ist – oder nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten“, sagt der 41-Jährige. „Ich behaupte, dass sich junge Menschen fragen, was das mit der Feuerwehr zu tun hat – und es als abschreckendes Beispiel sehen.“

Halft, selbst seit 13 Jahren in der Feuerwehr, spricht von einem „momentan niedrigen Personalstand“. 26 Aktive gibt es, bei weniger als 24 wäre seine Wehr nicht mehr einsatzfähig. Er würde sich ein Team mit 32 Kameraden wünschen, doch das ist schwer zu realisieren. Zwar sei die Jugendfeuerwehr in Aukrug voll besetzt. „Aber dann kommt die Ausbildung oder das Studium. Aukrug ist ein Nest, die Leute ziehen weg, von fünf Gegangenen kehrt vielleicht einer zurück.“ Und selbst dann kämen oft die veränderten privaten Umstände hinzu. „Als ich angefangen habe, war ich Junggeselle, hatte viel Freizeit und kaum Verpflichtungen“, erzählt der selbstständige Handelsvertreter. „Jetzt bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Familie und Beruf stehen an erster Stelle. Es ist einfach so, die Zeit für die Feuerwehr ist nicht mehr im vergleichbaren Umfang wie früher da. Ich muss ehrlich sagen, ich war mal aktiver.“

Doch auch Freizeitaktivitäten würden heute vermehrt die eigentlich wichtige Zielgruppe der 30- bis 40-Jährigen vom Engagement bei der Feuerwehr fernhalten. „Ob nun Fitness, Fußball oder andere Hobbies, ich selbst fahre Motorrad. Da gibt es schon Terminüberschneidungen. Viele Leute sagen sich dann, Feuerwehr ist nicht alles im Leben.“ Jene würden sich dann einfach längere Zeit nicht blicken lassen. „Wenn ich die anspreche, weil sie sich unfair den anderen Kameraden gegenüber verhalten, höre ich oft, es gäbe so viel zu tun, man wolle sich wieder mehr engagieren. Aber einige Kameraden gehen dann eben.“

Torben Halft wird der Feuerwehr trotz seiner Verpflichtungen noch lange erhalten bleiben. „Ich habe Lust, ich fühle mich wohl und meine Kameraden lassen mich nicht im Stich.“ Trotzdem ist er sich mit seinem Kollegen Klaus Peter Andresen aus Ekeberg einig: die Feuerwehr muss dringend reformiert werden, damit sich in Zukunft ausreichend Leute engagieren.

Das sieht grundsätzlich auch Landesverbands-Chef Peter Schütt so. „Wir wissen, dass wir einige Dinge ändern müssen. Wir nehmen die Situation sehr ernst.“ Dabei wolle man in Zukunft auch die Basis mehr einbinden und Ideen sammeln. Gerade am vergangenen Wochenende habe es einen Marketingkongress gegeben. „Es standen drei Themen im Fokus: Kameraden anwerben, Kameraden bei der Wehr halten und die Information der Bevölkerung über unsere Arbeit.“

Ein Problem sei die fehlende finanzielle wie auch personelle Stärke des Verbands. „Wir sind nur vier Leute. Die gesamte Öffentlichkeitsarbeit wird momentan von einer Person wahrgenommen, und das auch erst seit zwei Jahren.“ Zukünftig strebe man eine zweite Stelle in diesem Bereich an. „Aber wir brauchen einfach Zeit.“

Er hat kein Problem damit, alte Zöpfe abzuschneiden, sagt Schütt. Allerdings gebe es in der Wehr ein breites Meinungsspektrum. „Mag sein, das einige die Abschaffung von traditionellen Ritualen fordern. Es gibt ja auch Mitglieder, die die Uniformen abschaffen möchten“, so Schütt. Es sei nur immer auch die Frage, ob diese Meinung die Mehrheit der Mitglieder spiegele. Von der Außenwirkung spricht er in diesem Zusammenhang allerdings nicht. Grundsätzlich könne man die Ausbildungslehrgänge überdenken. „Aber jeder Feuerwehrmann muss ein gewisses Grundwissen haben. Und das braucht nun einmal Zeit.“

Werbespots bei Radiosendern gebe es bereits seit vergangenem Jahr, auch Videospots fürs Fernsehen seien für die Zukunft geplant. „Einen Imagefilm für Werbungszwecke haben wir bereits seit sechs Jahren. Den haben wir an alle 1400 Wehren verschickt. Dort wurde er nach meiner Erfahrung aber offenbar meistens bloß in den Schrank gepackt und das war’s. Da ist dann auch die Basis gefragt, aufgeschlossener zu werden.“

Und dann erwähnt Peter Schütt noch die Feuerwehr-Mettwurst, die seit vier Jahren jeden Herbst in einer Supermarktkette angeboten wird. Pro Wurst findet jeweils ein Euro für die Öffentlichkeitsarbeit des Feuerwehrverbands Verwendung. 100.000 Euro sind so schon zusammen gekommen, sagt Schütt. Fragt sich nur, ob das reicht.

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