Zweifel an der studentischen Freiheit : Debatte um Anwesenheitspflicht für Studenten

Studenten sitzen in einen Hörsaal der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. /Archiv
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Studenten sitzen in einen Hörsaal der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. /Archiv

Die Landesrektoren-Konferenz will die Abschaffung der Anwesenheitspflicht wieder aufweichen – um die Zahl der Prüfungen reduzieren zu können.

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11. Dezember 2017, 13:54 Uhr

Kiel | Die Landesrektoren-Konferenz will bei den Landtags-Fraktionen dafür werben, die pauschale Streichung der Anwesenheitspflicht für Studenten wieder aufzuheben. Das kündigte der Präsident der Rektoren-Konferenz, der Kieler Fachhochschul-Präsident Udo Beer, an. Er beklagt einen Eingriff in die Hochschul-Autonomie und fordert, jede Einrichtung müsse für sich selbst entscheiden können, bei welchen Veranstaltungen Präsenz Pflicht sei und bei welchen nicht. Zudem moniert Beer, dass der Verzicht auf die Anwesenheitspflicht die Dozenten ein Hindernis sei, den Leistungsstand der Studenten zu beurteilen.

Das ist Beers Ansicht nach ein heißes Eisen, weil den Hochschulen oft vorgeworfen werde, die Zahl der Prüfungen im Studium sei zu hoch. „Dann muss es Alternativen geben, wie der Lernfortschritt zuverlässig beurteilt werden kann“, schlussfolgert das Kieler FH-Oberhaupt. „Die Lehrenden können diese Fortschritte am besten beobachten, wenn sie ihre Studierenden in Veranstaltungen erleben“, meint Beer. Hingegen sei der Verzicht auf die Anwesenheitspflicht „geeignet, die Zahl der Prüfungen, vor allem die der Klausuren, zu erhöhen. Dieses Ergebnis kann nicht befriedigen.“

Die Präsenzpflicht war erst 2015 von der SPD-geführten Küsten-Koalition entgegen vielfacher Kritik aufgehoben worden. Schleswig-Holstein wäre nicht das einzige Bundesland mit einem Roll-Back. Nordrhein-Westfalen hat eine Rückkehr zur obligatorischen Anwesenheit nach dem Regierungswechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb bereits beschlossen. Und auch aus einer aktuellen Positionsbestimmung von Schleswig-Holsteins neuer Wissenschaftsministerin Karin Prien (CDU) spricht große Offenheit dafür: „Aus meiner Sicht ist die Studien-Abbrecherquote an den schleswig-holsteinischen Hochschulen zu hoch. Deshalb ist es wichtig, die Rahmenbedingungen für ein Studium unter die Lupe zu nehmen.“ In diesem Zusammenhang werde das Jamaika-Bündnis „auch die Aufhebung der Anwesenheitspflicht überprüfen“. Prien beruft sich bei diesem Ziel auf den Koalitionsvertrag. „In die Überprüfung fließen selbstverständlich die Erfahrungen der Hochschulen mit der neuen Regelung ein“, setzt die Ministerin mit Blick auf Beers Bedenken hinzu.

 

Auch andere Hochschulen melden Zweifel an. Nicht immer ganz so explizit wie der Vorsitzende der Rektorenkonferenz – aber engagierte Verfechter finden sich, außer auf Studentenseite, nicht. „Natürlich sind die Fehlzeiten stark angestiegen. Ein Teil der Kollegen beklagt die häufigen Fehlzeiten, ein anderer nicht“, heißt es aus der Pressestelle der Flensburger Europa-Universität. Ein Teil der Dozenten habe die Anforderungen in den Modulprüfungen erhöht. Das soll dazu dienen, die Inhalte der Veranstaltungen auch unter den neuen Gegebenheiten möglichst komplett abzufragen. An der Kieler Christian-Albrechts-Universität will man die Folgen erst noch länger beobachten. Dennoch spricht man dort offen über eine „Sorge um die Qualität der Lehre“. Zu Grunde liege ihr schließlich „das gemeinsame Diskutieren und Erarbeiten von Denk- und Arbeitsweisen sowie das sachlogische Aufbauen von Lernangeboten“, betont der Kieler Uni-Sprecher Boris Pawlowski. „Beides ist aus unserer Sicht nur schwer ohne verlässliche Anwesenheit und die aktive Teilnahme der Studierenden erreichbar.“ Perspektivisch könnte die Quote der Abbrecher steigen, wenn sie wegen fehlender Teilnahme an Vorlesungen oder Seminaren durch Prüfungen fallen, gibt Pawlowski zu bedenken. Allerdings ist er sich mit den Flensburger Uni-Kollegen darin einig, dass belastbare Erfahrungen erst in zwei bis drei Jahren vorliegen.

„Punktuell Verbesserungsbedarf“ meldet die Fachhochschule Lübeck an. Grundsätzlich stimmt Vizepräsident Henrik Botterweck den geäußerten Bedenken zu, plädiert aber „für eine differenzierte Betrachtung“: Die FH unterstütze Studenten, die „aus biografischen Gründen“ andere Wege als den Standard-Pfad zu einem Abschluss finden wollen oder müssen. Das kann die Betreuung von Kindern oder Pflegefällen sein oder eine Berufstätigkeit parallel zum Studium. Wer sich den Stoff stärker in Eigenregie aneigne, müsse sich dennoch „passgenau“ in seinen Kompetenzen überprüfen lassen, betont Botterweck.

Die Fachhochschule Westküste in Heide stellt eine sportliche Sicht in den Vordergrund: „Letztendlich verstehen unsere Lehrenden die fehlende Anwesenheitspflicht auch als Ansporn, die Veranstaltungen fortlaufend weiterzuentwickeln und attraktiver zu machen“, stellt Sprecher Carsten Friede fest. Es gebe keine Indizien, dass Veranstaltungen leerer geworden seien.

„Gute Lehre macht eine Anwesenheitspflicht überflüssig, denn dann kommen die Leute auch so“, lautet das Credo von Julian Schüngel, Vorstand des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (Asta) der Uni Kiel. Das bestätigten die bisherigen Erfahrungen mit der aktuellen Lage: „Leerer geworden sind diejenigen Kurse oder Seminare, die didaktisch nicht so doll sind.“ Positiv aufgefallen ist dem Asta, dass Veranstaltungen fruchtbarer geworden seien, wenn nur motivierte Leute anwesend sind: „Die Atmosphäre war in Seminaren früher nicht so produktiv, wenn ein Drittel der Leute einfach nur dasaß, aber nicht mitgearbeitet hat“, berichtet Schüngel. Er plädiert dafür, die jetzige Regelung „erstmal wirken zu lassen“. Eine Rückkehr zur Anwesenheitspflicht würde auf ihn „so wirken, als wollte man gehorsame, aber nicht selbstständige, eigenverantwortliche Leute“. Auch mit Blick auf die Berufswelt müsse es doch um Letzteres gehen.

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