CDU-Spitzenkandidat : De Jager im Weichspülgang

Kein Mann der großen Auftritte: CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager liegt die stille Arbeit im Hintergrund mehr. Ein Nachteil im Wahlkampf.
Kein Mann der großen Auftritte: CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager liegt die stille Arbeit im Hintergrund mehr. Ein Nachteil im Wahlkampf.

Die Inszenierung fällt Jost de Jager sichtbar schwer. Dennoch erarbeitete sich der "Minister der Verlässlichkeit" Respekt - auch beim politischen Gegner. Reicht das für Wahl am 6. Mai?

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23. April 2012, 11:54 Uhr

Kiel | Nein, ein Kämpfer und Polarisierer ist er wirklich nicht. Nicht mal im Wahlkampf, den er für seine CDU am 6. Mai gewinnen will. Lieber wägt Jost de Jager jedes seiner Worte. Der Pastorensohn will durch Überzeugen gewinnen. Manchmal wirkt das staubtrocken. Wie seine Wahlplakate. Da begegnet er Schleswig-Holstein mit "soliden Finanzen", "Arbeitsplätzen" und "erneuerbaren Energien".
In der FDP-Fraktion haben sie sich schon vor Wochen um einen PC-Bildschirm geschart und gemeinsam abgelacht; so bieder und flach war der Werbespot, den die Koalitionsfreunde von der Union da ins Internet gestellt hatten. Im Kampf gegen das eigene Image der Farblosigkeit, urteilte die Runde, werde de Jager damit kaum Punkte machen.
Zu blass neben Carstensen?
Dabei hat de Jager, der 1996 - noch als Volontär des evangelischen Pressedienstes - in den Landtag gewählt wurde, als Abgeordneter, Staatssekretär und Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Verkehr einen mehr als passablen Job gemacht. Mitarbeiter rühmen seine Art, zuhören und Beratung annehmen zu können. Gesprächspartner attestieren dem 47-Jährigen, auch in komplizierten Fragen stets exzellent vorbereitet und "sprechfähig" zu sein.
Aus dem Munde derselben Wegbegleiter aber kommen Urteile wie dieses: Was de Jager fehle "ist eine Bugwelle, wenn er einen Raum betritt". Verloren wirke er da zuweilen. Bei Peter Harry Carstensen, den der Spitzenkandidat der CDU als Ministerpräsident beerben will, ist das anders. Betritt der Diplom-Bauer einen Saal, dann wirkt das raumgreifend. Selbst wenn der Landesvater im Verlauf des Abends inhaltlich dürftig daherkommt, bleibt der Eindruck des Menschenverstehers.
Albig viel beliebter
De Jager weiß nur zu gut, was ihn vom amtierenden Regierungschef unterscheidet. "Ich komme eher über den Kopf, er mehr über den Bauch", sagt er. Vielleicht ist das sein Handicap im Wahlkampf. Genutzt hat ihm das im direkten Vergleich zu seinem Konkurrenten um das Amt des Ministerpräsidenten bisher wenig. Würde der Regierungschef direkt gewählt, der Sozialdemokrat Torsten Albig läge mit 56 Prozent um Längen vor de Jager, den sich nur 32 Prozent wünschen.
Dass dies so ist, bucht de Jager auf das Konto einer Regierung, die in den zweieinhalb Jahren ihrer Amtszeit auch unpopuläre Entscheidungen habe treffen müssen. Da bleibe was hängen. Allerdings erklärt das nicht die Tatsache, dass der Abstand in den vergangenen Wochen eher noch gewachsen ist.
Häufiger mal lachen?
Bei solchen Konstellationen neigen Wahlkämpfer dazu, die Gangart gegen die Konkurrenz - wenigstens verbal - zu verschärfen. Doch de Jagers Sache ist das nicht. Selbst die zweite Garnitur der CDU hält sich mit Angriffen auf den Widersacher Albig betont zurück. Der Chef will es so, seine Berater auch.
Richtig locker kommt der stets auf die Sache. Konzentriert nur selten daher. In kleiner Runde ist er zuweilen so. Dann wirkt er oft überzeugender als vor großem Publikum. Etwas häufiger mal zu lachen, das habe ihm seine Frau auch schon geraten, verriet er unlängst einem Reporter. Doch die Inszenierung fällt de Jager schwer. Lieber ist er, wie er ist. Und das heißt in seiner Lesart: nachdenklich, solide und weltoffen.
Die Causa von Boetticher
Gesucht hat er die politische Karriere nicht. Wäre der Nord-Union die Causa Christian von Boetticher erspart geblieben, de Jager wäre nach Ablauf dieser um zwei Jahre verkürzten Wahlperiode in die Wirtschaft gewechselt. Doch von Boetticher stolperte über eine bizarre Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen, verlor Partei-, Fraktionsvorsitz im Landtag und die Spitzenkandidatur.
Zweite Wahl ist de Jager deshalb aber nicht. Viele in der Partei sahen den Wechsel als Befreiungsschlag. Von Boetticher hattes es nie verstanden, seine politischen Ämter als Gestaltungsmacht zu nutzen. De Jager tut das, führt seine Union, die ihn trägt, bindet den Landesvorstand dabei eng ein. "Minister für Verlässlichkeit" titelte das Handelsblatt einst über de Jager. Dennoch gibt es eine dunkle Seite in der politischen Vita des "Verlässlichen". In Lübeck haben sie nicht vergessen, dass die schwarz-gelbe Koalition der dortigen Universität den Hahn abdrehen wollte. In den großen Städten haben CDU-Kandidaten ohnehin seit Urzeiten einen schweren Stand. Diesmal aber dürfte die Hansestadt politisch noch verminter sein als in früheren Wahlkämpfen.
Kaum Koalitionsoptionen
Bei alledem gilt de Jager als hochpolitischer Kopf mit schneller Auffassungsgabe. Im Landtag nötigte er Freund wie Feind Respekt ab, als er in einer Fragestunde ein fast zweistündiges Kreuzverhör oppositioneller Fragen nicht nur parierte, sondern rhetorisch wie inhaltlich brillant beantwortete.
Und nach dem 6. Mai? Viele Koalitionsoptionen haben de Jager und seine Christenunion nicht. SPD, Grüne und SSW wollen koalieren, wenn es reicht. Linke und Piraten hinzugerechnet kommt das linke Lager auf über 60 Prozent. CDU und FDP bringen gerade einmal 36 Prozent auf die Waage. Liegt die Union am Ende deutlich vor der SPD, kommen womöglich wieder sechs oder gar sieben Parteien ins Parlament, desto größer ist de Jagers Chance, an der Macht zu bleiben - ob als Ministerpräsident oder als Partner in einer großen Koalition, steht noch dahin.

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