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Verband Bildung und Erziehung : Dauerstress an der Schule – Lehrer schlagen Alarm

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besonders belastet sind Grundschullehrer. Auch Gymnasiallehrer arbeiten viele Stunden länger als andere Landesbeamte.

Morgens Konferenz, dann zum Unterricht, zwischendurch noch die kranke Kollegin in der Parallelklasse vertreten, am Nachmittag Elterngespräche und abends eine Aufführung in der Aula – zum Arbeitsalltag eines Lehrers gehört längst mehr, als vormittags vor der Klasse zu stehen. Die Arbeitsbelastung an Schulen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zur reinen Unterrichtszeit kommen Vor- und Nachbereitung, Verwaltungsaufgaben, Sitzungen, Elterngespräche, Vertretungen, Korrekturen – und davon immer mehr. Die Folge: Die Lehrer stehen zunehmend unter Druck, um den Anforderungen noch gerecht zu werden. So beurteilt zumindest der Verband Bildung und Erziehung (VBE) die Situation.

Laut einer Veröffentlichung des Deutschen Ärzteblatts zum Thema Lehrergesundheit von 2015 kommen psychische und psychosomatische Erkrankungen bei Lehrkräften sehr viel häufiger vor als bei anderen Berufsgruppen. Zu den Symptomen gehören auch Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Angespanntheit, drei bis fünf Prozent der Lehrer litten demnach unter einem Burn-out-Syndrom.

Bei einer Umfrage, die der VBE im letzten Jahr durchführte, sollten 200 Schulen aller Schularten in Schleswig-Holstein aufzählen, was aus ihrer Sicht die größten Belastungen für Lehrer im Schulalltag sind. Fast jede zweite Schule nannte eine zu hohe Sitzungsdichte durch Konferenzen, Besprechungen oder außerschulische Termine als Grund.

Das seien „besorgniserregende Ergebnisse“, sagt Rüdiger Gummert, Landesvorsitzender des VBE. In den Schulen herrschten Hektik und Zeitdruck, es ginge zu wie in der „Rush Hour“. Mehr als ein Viertel der Schulen nannte die steigende Zahl von Elterngesprächen oder den erhöhten Gesprächsbedarf durch verhaltensauffällige Schüler als Belastungsursache. „Der Schulalltag hat sich verändert, es gibt heute viel mehr Absprachebedarf“, sagt Gummert. Mehr Lehrer stünden den Schulen hingegen nicht zur Verfügung, es herrsche chronischer Personalmangel.

Besonders belastet seien in seinen Augen die Grundschullehrer. Diese müssten aktuell mit jedem Schüler der vierten Klasse ein halbstündiges Beratungsgespräch über weiterführende Schulen führen – „bei einer Klassenstärke von durchschnittlich 24 Schülern also zwölf Stunden zusätzliche Arbeitszeit“, resümiert Gummert. Er fordert deshalb, dass die Arbeitszeit zumindest für die betroffenen Grundschullehrer um eine Stunde pro Woche gesenkt wird.

Nach einer Erhebung des Philologenverbands arbeitet beispielsweise ein Gymnasiallehrer in Schleswig-Holstein pro Jahr im Schnitt 2019,9 Stunden. Das sind 215,9 mehr, als es alle anderen Landesbeamten mit einer per Stechuhr kontrollierten Jahresarbeitszeit von 1804 Stunden tun. Eine tatsächliche Erfassung der Arbeitszeit aller Lehrer gibt es bislang nicht – obwohl dies laut Gewerkschaftern dringend nötig wäre.

Anfang 2015 wurde von der Landesregierung eine neue Regelung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) für Behörden und Landesdienststellen eingeführt. Die Regelung sollte in erster Linie dabei helfen, die Überbelastung von Beamten zu vermeiden, für präventive Maßnahmen zu sorgen und Erkrankungen richtig zu behandeln. Wichtigstes Instrument sei laut Gummert dabei die Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz: Spätestens alle vier Jahre sollten Schulen demnach prüfen, ob und in welchem Maß die Gesundheit der Lehrkräfte gefährdet ist. Das Ministerium sei durch das BGM verpflichtet, die Beurteilungen einzufordern. „Bisher ist das aber noch nicht geschehen“, moniert Gummert.

Auf mehrmalige schriftliche Nachfrage des VBE beim Ministerium hieß es: „Lehrkräfte in Schleswig-Holstein sind aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen nicht grundsätzlich stärker belastet als Lehrkräfte in anderen Ländern der Bundesrepublik Deutschland.“

Außerdem gäbe es keine Anzeichen dafür, dass auf die Lehrkräfte im Norden zusätzliche Anforderungen zugekommen seien. Gummert fühlt sich vom Ministerium im Stich gelassen. „Der VBE hat ausgleichende Maßnahmen gefordert und nur Kopfschütteln geerntet. Das ist angesichts der Ergebnisse der Umfrage der blanke Hohn.“

Ein Blick zu unseren Nachbarn in Niedersachsen zeigt, dass die Belastung für Lehrer in Schleswig-Holstein höher ist als angenommen. Nach Aussage der Landesvorsitzenden der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beträgt die Pflichtstundenzahl für Gymnasiallehrer in Niedersachsen 23,5 – in Schleswig-Holstein dagegen 25,5 Stunden, also zwei Wochenstunden mehr.

Gleiches gilt für Lehrer an Gemeinschaftsschulen: In Schleswig-Holstein gelten 27 Pflichtstunden, in Niedersachsen nur 24,5.

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erstellt am 12.Feb.2017 | 19:00 Uhr

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