Roland Kaiser im Interview : "Das zweite Leben ist Wahnsinn"

Schlagerstar Roland Kaiser führt nach seiner Lungentransplantation ein neues Leben. Foto: dpa
Schlagerstar Roland Kaiser führt nach seiner Lungentransplantation ein neues Leben. Foto: dpa

Roland Kaiser hat eine erfolgreiche Lungentransplantation hinter sich. Im Interview spricht er über seine Krankheit und den "neuen Kaiser".

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18. Juli 2011, 10:29 Uhr

Herr Kaiser, ohne die Lungentransplantation wären Sie heute wahrscheinlich nicht mehr unter uns, oder?
Wahrscheinlich nicht. Ich hatte ein Stadium erreicht, das ein bedrohliches Ausmaß angenommen hatte. Dann blieb nur die Ultima Ratio, wenn ich leben wollte. Mir blieb keine andere Wahl als eine Transplantation. Ich bin das Ganze aber in äußerstem Maße positiv angegangen: Bei mir sind immer alle Gläser halb voll und nicht halb leer.
Die Einsicht, dass nichts mehr geht und Sie etwas tun müssen, kam am 23. Januar 2010 in Dortmund. Sie mussten Ihr Konzert abbrechen. Was haben Sie damals gedacht?
Das kann ich Ihnen sagen. Da laufen Filme ab. Der Film einer Niederlage, man hat versagt, verloren. Dann kommt die Verantwortung, die man hat - auch für die musikalischen Kollegen. Die meisten von denen haben Familie. Für die sind 60 bis 70 Termine im Jahr gestorben. Eine bittere Nummer, wenn man ein verantwortungsbewusster Mensch ist. Aber wenn man an dem Punkt angekommen ist, lässt einem der eigene Körper keine Chance zum Überlegen.
Was ist in Dortmund genau passiert?
Ich habe keinen Ton mehr herausbekommen. Wenn Ihre Luft immer weniger wird, fangen Sie an, jeden Ton stoßartig aus dem Körper herauszubekommen. Das hat aber mit Gesang nichts mehr zu tun. Die Problematik dieser Krankheit ist nun mal, dass die Lunge überbläht. Der Volksmund würde sagen, dass sich in der Lunge nur noch schlechte Luft befindet. Das bedeutet, dass Sie ständig zu wenig Sauerstoff im Körper haben. Das führt letzten Endes zur Vergiftung und damit zum Tod, wenn der Körper nicht adaptiert ist. Irgendwann ist diese Batterie nicht mehr aufladbar. Und das war für mich in Dortmund.
Von dieser Erkenntnis wollten Sie aber lange nichts wissen. Sie haben Ihre Familie und Ihr Management verdonnert, nicht über die Krankheit zu sprechen.
Das war ein Riesenfehler. Mein größter Fehler, nicht da rüber zu reden. Man bringt sich dadurch in Höllenschwierigkeiten. Ein Beispiel: Ich habe oft Menschen, die mich angesprochen haben, kurz abgefertigt, weil ich nicht die Luft zum Laufen verlieren wollte. Derjenige musste natürlich denken, dass ich arrogant bin oder möglicherweise einen Schluck zu viel getrunken habe. Das Schlimmste war, dass ich meine eigene Familie und speziell meine Frau in Schwierigkeiten gebracht habe. Die wurde ja immer angesprochen.
Was hat Sie denn so lange davon abgehalten, offen über die Krankheit zu reden?
Meine männliche Eitelkeit natürlich. Nicht verletzbar sein. Ich bin nicht krank, außer das Bein fällt ab. Es gibt ja zwei Männerformen, Form eins: Die Männer, die bei einer Erkältung bereits liegen und nach einem Spezialisten verlangen. Form zwei: Die Indianer dieser Welt, die kommen an und sagen, sie seien vorne von einem Pfeil und hinten von einem Schuss getroffen worden. Aber es gehe ihnen prima. So einer bin ich.
Zurück zum Konzertabbruch. Es war ja für Sie nicht erst im Januar 2010 klar, dass Sie eine neue Lunge haben müssen, um weiterzuleben, oder?
Also, es gibt verschiedene Stadien dieser Krankheit. Und wenn man im letzten Stadium angekommen ist, dann muss man sich mit einer Transplantation auseinandersetzen - und sich listen lassen.
Wie läuft das?
Vor Jahren habe ich mich nach einem langen Gespräch mit meinem behandelnden Professor in Münster in Hannover checken und dann listen lassen. Sie bekommen dann einen bestimmten Status, den aber nicht die bestimmen, die Sie untersuchen, sondern eine Kommission bei Euro transplant in Leiden in Holland. Die bestimmen ohne Kenntnis des Namens des Patienten, in welcher Dringlichkeitsstufe man sich befindet - anhand der Akte und der jeweiligen Diagnose. Als ich den Zusammenbruch in Dortmund hatte, bin ich anschließend in der Stufe "HU", high urgent, gelandet.
Einen Promi-Bonus, der einem schneller zur neuen Lunge verhilft, gibt es also nicht?
Da wird viel Blödsinn geredet, auch weil die Leute das wahrscheinlich nicht besser wissen. Das funktioniert nicht, das ist alles dermaßen gesichert. Auch der Bundespräsident käme nicht schneller dran. Es kommt ja auch noch hinzu, dass nicht jeder eine neue Lunge bekommt, nur weil er eine will.
Wie meinen Sie das?
Sie müssen unglaubliche Gesundheitschecks über sich ergehen lassen - bis zur kompletten Untersuchung der Zähne, um irgendwelche Entzündungen auszuschließen. Es wird auch genau geschaut, wie das soziale Umfeld des Patienten ist. Wenn jemand zum Beispiel schwer depressiv ist oder zu Rauschmitteln neigt, dann könnte das Transplantationsteam vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass das neue Organ in dem Körper nicht so gut aufgehoben ist.
Ihre Transplantation ist offensichtlich hervorragend verlaufen …
Ich befinde mich in einem optimalen Zustand. Und so fühle ich mich auch. Ich fühle mich nicht wie transplantiert. Ich habe nicht das Gefühl eines Fremdkörpers in mir. Ich bin wach geworden, konnte wieder richtig durchatmen und dachte: "Donnerwetter!" Ich könnte mir vorstellen, dass sich Säuglinge kurz nach der Geburt auch so fühlen. Ein tolles Gefühl. Und weiter: helle Fingernägel, nicht blau. Rosa Lippen. Die Augen weiß, nicht mehr gerötet. Meine Tochter hatte mich zum ersten Mal gesund gesehen, die war völlig fertig und sagte: "Papa, bist du schön."
Und jetzt wieder auf der Bühne. Geht das?
Die Ärzte freuen sich, wenn ich arbeiten gehe. Ich fahre jeden Tag 20 Kilometer Fahrrad, gehe ins Fitness-Studio. Es ist wichtig, das Organ zu benutzen.
Ein völlig neues Lebensgefühl?
Totaler Wahnsinn ist das. Überanstrengung ist bei mir kein Thema mehr.
Und Sie können nun so alt werden wie Jopie Heesters…
Ja. Wenn diese neue Lunge nicht intakt bleibt, dann liegt das an mir.
Welche neuen Regeln müssen Sie beachten?
Ich muss meine Medikamente pünktlich nehmen. Mittlerweile nehme ich nur noch einen geringen Teil der ursprünglich notwendigen Dosierung.
Was müssen Sie bei der Ernährung beachten?
Kochen, braten, backen oder schälen - EHEC-Prophylaxe (lacht).
Was dürfen Sie überhaupt nicht essen?
Erdbeeren zum Beispiel. Wie wollen Sie die schälen? Man kann sie natürlich tiefgekühlt bekommen, das geht immer. Keimreduziertes Essen eben.
Als ehemaliger Kettenraucher haben Sie auch kein Verlangen mehr nach dem Glimmstängel?
Das ist absolut nicht mehr im Programm. Wenn Sie von jetzt auf gleich aufhören zu rauchen, dann haben Sie kein Suchtpotenzial, sondern Sie haben aus Gewohnheit geraucht. So wie ich damals, zwei Schachteln am Tag. Noch am selben Tag, als die COPD im Jahr 2000 bei mir diagnostiziert wurde, habe ich das Rauchen aufgegeben.
Ich habe gehört, dass es Ihnen jetzt wieder große Freude bereitet, Ihr Auto auszusaugen.
Total bescheuert, oder? Aber das ging früher nicht: Kopf nach unten, und ich war fertig. Jetzt habe ich Zeit und Spaß daran. Ich kann auch jetzt endlich mal wieder gemeinsam mit meiner Familie spazieren gehen. Ein richtig tolles Gefühl, ein zweites Leben.
Wissen Sie, wer Ihr Lungenspender ist?
Das erfährt man nicht. Und ich muss auch sagen, ich bin ganz froh darüber.
Sie wollen es auch gar nicht wissen?
Was sollte ich mit der Information anfangen? Es gibt eine Reihe von Mitpatienten, die psychologisch betreut werden, weil sie genau diese Gedanken haben: Wer war der Spender? Wie sah der aus? Wie ist der gestorben? Ich habe mich von Anfang an als geheilt betrachtet. Und in mir ist dieser Gedanke an ein fremdes Organ gar nicht in dem Maße gekommen. Für die Ärzte ist das der Idealzustand. Ich habe im Übrigen einen Spenderausweis und für mich auch die Gewissheit, dass meine Organe ebenfalls zur Spende bereitstehen, wenn ich eines Tages die Welt verlasse.
Hatten Sie vor der Operation Todesängste?
Nein, überhaupt nicht. Für mich war klar, dass das gut geht. Ich war der festen Überzeugung, in besten Händen zu sein.
Haben Sie vorher ein Testament gemacht?
Es gibt generell ein Testament von mir. Das ist aber nicht auf die Situation bezogen. Man muss wissen, wenn man viel Auto fährt und unterwegs ist, dass man bestimmte Dinge regeln muss.
Noch mal zurück zur Organspende. Sie haben seit Jahren einen Organspenderausweis?
Ja, länger schon. Auch schon vor meiner Krankheit. Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich bei Menschen bin, von denen ich weiß, die würden im Todesfall das Weiterleben anderer Menschen ermöglichen. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Organ brauchen, dreimal höher als der Fall, dass Sie als Spender infrage kommen.
Haben Sie die Entscheidung, als Organspender infrage zu kommen, aus reiner Überzeugung getroffen?
Ich bin ein christlicher Mensch. Und ich finde, dass solch eine Entscheidung eher dem christlichen Glauben entspricht - wenn man weiß, dass der Heilige Vater auch einen Spenderausweis hat.
Hat Ihnen Ihre christliche Einstellung auch beim Überstehen der Operation geholfen?
Natürlich geben Sie ein Stück weg an Verantwortung. Ich suche hin und wieder das Zwiegespräch mit Gott. Dann legt man ein Stück seines Schicksals auch in seine Hände - und überlässt innerlich ihm die Entscheidung. Das hat mir bisher nicht geschadet. Ich habe ein gesundes Gottvertrauen.
In Deutschland haben wir...
…nach wie vor zu wenig Organspender. Ich bin Botschafter der Deutschen Stiftung Organtransplantation - und wo ich meinen Mund aufmachen kann, mache ich ihn auf. Wir müssen den Leuten vermitteln, dass es ein gutes Gefühl ist, in einer Gesellschaft mit Menschen zu leben, die einen solchen Ausweis tragen. Wir müssen politisch die Widerspruchslösung hinbekommen, sprich, jeder Mensch ist ein Spender, es sei denn, er will es nicht. Zum Thema Pneumologie kann ich aber auch noch etwas sagen.
Bitte.
Wir haben acht bis zehn Millionen COPD-Erkrankte in Deutschland. Davon könnten wir ein paar Millionen weniger haben, wenn wir erreichen könnten, dass die Krankenkassen einmal im Jahr einen Lungenfunktionstest bezahlen.

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