Westerholz : Das Wal-Drama am Fördestrand

Der gestrandete Wal: Für Besucher wurde ein Steg an den Körper herangebaut. Das Bild stammt aus dem Archiv des Naturkundlichen Museums Flensburg.
Der gestrandete Wal: Für Besucher wurde ein Steg an den Körper herangebaut. Das Bild stammt aus dem Archiv des Naturkundlichen Museums Flensburg.

Es war die Sensation im März 1911: An der Flensburger Förde strandete ein Finnwal. Das Tier brachte die ganze Region auf die Beine. Eine Ausstellung soll an das Ereignis erinnern.

shz.de von
16. März 2011, 09:32 Uhr

Westerholz | Eher beiläufig erfuhr der Schriftsteller Georg Asmussen von einem aufsehenerregenden Naturereignis, das sich quasi vor der Haustür seines Alterssitzes in Westerholz abspielte: "Ich stand in meinem Garten, freute mich der werdenden Obstblüte... Ein Mann kam, um mir etwas zu bestellen. Eilig, überhastend sprach er, wie das sonst nicht die Art ist dieses ruhigen, wohl überlegenden Angler Menschenschlages. Dann stieß er hervor: En bäten wider lank na Osterholt tois de Walfisch strandet." Asmussen lächelte ungläubig: "Dat is doch wollnichwohr."
Doch seine Neugierde war geweckt, und er folgte dem Besucher, der der nur wenige hundert Meter entfernten Küste der Flensburger Förde zueilte. "Ich brauchte nicht weit zu gehen, da sah ich selbst, daß der Mann die Wahrheit gesagt hatte: auf der Sandbank lag hilflos der gestrandete Nordländer, und an seinem Riesenleib schäumten die Wogen der Ostsee", so Georg Asmussen in einer literarischen Skizze, die der Augenzeuge und Literat nach dem Ende der gut zweiwöchigen "Westerholzer Wal-Affäre" vor hundert Jahren im Sonntagsblatt der Flensburger Nachrichten einer Leserschaft unterbreitete.
"Wahlfahrten" nach Westerholz
"Der verirrte Nordländer und sein Ende" war ein weiterer Asmussen-Text überschrieben, der in der August-Ausgabe der heimat- und naturkundlichen Zeitschrift "Die Heimat" erschien und mit dem der Autor an ein von weiten Teilen der Bevölkerung als sensationell empfundenes Ereignis erinnern sollte, "das die Zeitungen ganz Deutschlands beschäftigte".
Die Strandung eines etwa 20 Meter langen Finnwals am 17. März 1911 und die "Walfahrten", die daraufhin nach Westerholz einsetzten und Tausende von Schaulustigen in den sonst so beschaulichen Ort an der Förde brachten, hatte in der Tat publizistische Wellen geschlagen, die bis in die entferntesten Winkel der deutschen Lande reichten. Landauf, landab wurde über das Schicksal des Meeressäugers berichtet. Der "Walfisch" war zuvor etwa zwei Wochen lang in Gewässern der westlichen Ostsee umhergeirrt. Dann wich er gen Norden aus, wurde vor Alsen gesichtet und tauchte schließlich am 8. März in der Flensburger Außenförde auf.
In seinem Riesenleibe war nur noch ein schwacher Funke alter Kraft
Das Ende des Riesen zeichnete sich ab, als er in der stürmischen Nacht zum 17. März in die Nähe der Sandbänke vor Westerholz und Osterholz geriet. Dort, nicht weit von Asmussens Haus entfernt, strandete er. "Unermüdlich, unaufhörlich wirkten und wuchteten die Wellen, um ihn auf den Rücken zu legen. In seinem Riesenleibe aber war nur noch ein schwacher Funke der alten Kraft; ein kraftloses Zucken der Schwanzflosse war alles, was noch auf Leben schließen ließ."
Zwei Männer von der Küste, die die Strandung beobachtet hatten, fuhren mit ihrem Boot zum verendenden Wal und "stießen zum Zeichen der Eroberung und des Eigentumrechtes eine Heuforke in den mächtigen Leib und banden ein Taschentuch daran, eine Fahne darstellend", ist in einer Ortschronik nachzulesen. Dann gaben sie drei Schüsse auf das Tier ab, legten ein Stahlseil um eine Seitenflosse des Wals und verankerten es am Ufer. Das verwegene Duo heckte daraufhin den Plan aus, den Koloss ins tiefere Wasser zu bugsieren mit der Absicht, ihn nach Langballigau, später vielleicht sogar nach Flensburg und Kiel schleppen zu lassen, um ihn dort Schaulustigen gegen Zahlung einer Gebühr zu präsentieren.
Ein Flensburger Fotograf bot Abbildungen vom Walkadaver an
Um Unterstützung gebeten, entsandte die kaiserliche Marine aus Flensburg-Mürwik eine Pinasse nach Westerholz. Die Besatzung ging - wie die Flensburger Nachrichten schrieben - "dem Strandläufer mit einem Sprengschuß zu Leibe und brachte ihm die Todeswunde bei, so daß das Wasser sich weithin blutrot färbte". Der Versuch, den toten Wal nach Langballigau zu schleppen, misslang, "da das Dampfboot nicht imstande war, den gewaltigen Fischkörper über die Sandbank zu ziehen".
Die Kunde von dem Tierdrama verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und die Annahme der Zeitung, es "dürfte sich ein kolossaler Menschenstrom aus Stadt und Land nach Hohenau und Langballigau ergießen", sollte sich umgehend bewahrheiten, wie bereits der folgenden Ausgabe zu entnehmen ist: "Der gestrige Sonntag brachte große Mengen Schaulustiger. Die Kleinbahnzüge waren überfüllt. Auf Wagen und Zweirädern sowie zu Fuß sah man Besucher ans Ufer eilen." Auch wurden Extratouren mit Dampfschiffen aus Flensburg, Apenrade, Sonderburg, Kappeln, Schleswig und Kiel nach Westerholz organisiert. Der Kaiser kam nicht, dafür pilgerten seine Untertanen zu vielen Tausenden herbei, darunter komplette Schulklassen, um sich - gegen Zahlung einer Gebühr - das Spektakel anzuschauen. Clevere Gastronomen offerierten den Besuchern so genannte "Walwurst", ein Flensburger Fotograf bot Abbildungen vom Walkadaver an.
Der "denkwürdige Ort" wurde später markiert
"Am Sonntag, den 2. April, war der letzte Tag der Walfahrer, der letzte von Westerholz großen Tagen", hielt Georg Asmussen in seinen literarischen Skizzen fest. Denn Mitarbeiter einer Spezialfirma begannen damit, an Ort und Stelle den Tierkörper mit Messern, Beilen und Sägen zu zerlegen. Die Einzelteile wurden in Schuten verladen und nach Sonderburg transportiert, um dort in einer Knochenmehlfabrik verarbeitet zu werden. Jene Menschen, die "noch Lust haben sollten, bis an die Stätte zu wandern, wo das große Ereignis geschehen ist", brauchten nicht nach dem Weg zu fragen, sondern "nur den Butterbrotpapieren und Apfelsinenschalen nachzugehen, die seitlich vom Wege auf den Steigen und in den Gräben liegen und die an den Dornen der Knicks flattern, die zeigen ihnen den Weg bis an den denkwürdigen Ort", schrieb der Westerholzer Schriftsteller süffisant.
Der "denkwürdige Ort" wurde später markiert durch einen stattlichen Granitfindling. Die inzwischen verwaschene Gravur zeigt einen stilisierten Walfisch und nennt das Datum der spektakulären Strandung vor hundert Jahren: 17.3.1911. (shz)

Erinnerung: Ausstellung ab 19. März
Mit einer Ausstellung in der Gaststätte "Strandgut" soll an die Strandung des Finnwals an der Küste von Westerholz erinnert werden.Die Initiatoren und Besucher treffen sich am Sonnabend, 19. März, um 11 Uhr an der Gaststätte. Der Begrüßung durch Bürgermeister Jürgen Bachmann, Langballig, schließt sich eine kurze Wanderung zum "Walfischstein" an, verbunden mit einer Einführung. Nach der Rückkehr wird die Ausstellung eröffnet, an deren Aufbau vor allem der Kappelner Walforscher Dr. Andreas Pfander und Dr. Werner Barkemeyer, Leiter des Naturwissenschaftlichen der Stadt Flensburg, beteiligt waren. Zum Essen und Trinken werden den Besuchern "Walwurst" und "Walblut" serviert.

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