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Wachstumskritiker Niko Paech : "Das verlässlichste System ist der Kollaps"

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Wachstumskritiker Niko Paech erklärt auf dem Flensburger Campus seine Zukunftsvision.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 07:19 Uhr

Flensburg | Ungewöhnliche Thesen von einem studierten Volkswirt, der BWL lehrt: "Freiheit muss nicht bedeuten, viel zu haben, sondern kann auch heißen, wenig zu brauchen", erklärte Professor Niko Paech von der Universität Oldenburg am Dienstagabend im rappelvollen Hörsaal auf dem Flensburger Campus. Der Wachstumskritiker gilt als bundesweit führender Vertreter der sogenannten Postwachstumsökonomie. Sein Ziel: Durch Umbau und Verringerung von Teilen globaler Produktionsketten Wirtschaftskreisläufe nachhaltiger gestalten.

Das Problem aus seiner Sicht führt der 52-Jährige am Beispiel seiner Armbanduhr aus. Das Ziffernblatt aus Malaysia, das Uhrwerk aus China oder der Zeiger aus Südkorea. "Durch die Zerlegung in viele Produktionsprozesse ist diese Uhr bestimmt zweimal um die Welt gereist", sagte. Käme sie aus einer norddeutschen Manufaktur, wäre sie viel zu teuer. Durch die Spezialisierung nutzten weltweit tätige Unternehmen nicht nur die Vorteile der Massenproduktion: "Es geht um das Ausnutzen der Steuer- und Lohnunterschiede auf der Erdoberfläche."

Auch die Kehrseite der erneuerbaren Energien in der globalen Produktionskette beschrieb er: In China gebe es Seen aus Abwässern und hochstrahlendem Giftmüll, weil die Windkraftindustrie seltene Erden für Windturbinen ohne Getriebe brauche. Paech: "Wollten wir nicht aus der Atomenergie aussteigen durch die Windenergie?"

Um das Zwei-Grad-Ziel der globalen Erderwärmung nicht zu überschreiten, habe jeder der sieben Millionen Erdbewohner ein CO2-Budget von rund 2,7 Tonnen pro Jahr. In Deutschland liege der Durchschnitt derzeit bei elf Tonnen - und ein Flug nach New York und zurück produziere 4,27 Tonnen CO2.

Lösungsansätze sieht der Wachstumskritiker, der weder etwas gegen neue Energien noch gegen Globalisierung habe, in vielen kleinen Maßnahmen. Man müsse die Nutzungsdauer von Geräten verlängern, zum Beispiel dadurch, dass man anstatt Geld in neue Geräte Zeit investiere in die Pflege zur Verlängerung der Haltbarkeit oder die Reparatur, wofür man handwerkliche Fertigkeiten reaktivieren müsse. Auch durch soziales Miteinander sei die Produktion verringerbar - etwa durch Tausch oder gemeinsame Nutzung. Das schaffe soziales Kapital und verhindere den "Konsumenten-Burnout".

Und wo bleibt bei der verringerten Herstellung die Industrie? Diese müsse neben der Produktion auch Beratung und Schulung ihrer Käufer anbieten.

Und was könne der Staat und die Politik tun?, fragte eine Zuhörerin. "Alle ökologisch und sozial unsinnigen Subventionen müssen weg", ist eine Antwort des Volkswirts. Außerdem sei durch diese Wirtschaftsweise kein Flächenverbrauch mehr notwendig - und eine Verringerung der Zahl der Autobahnen und Flughäfen möglich: "Die Dosis macht das Gift."

Die Alternative sei, auf den Zusammenbruch wie in Griechenland zu warten: "Das verlässlichste System ist der Kollaps", erklärte Paech. Nicht umsonst stünden die meisten Fracking-Unternehmen in den USA bereits nach wenigen Jahren vor der Pleite.

Übrigens: Flensburg, das er in den 90er Jahren regelmäßig besucht habe, finde er viel schöner als Oldenburg: "Vielleicht haben sie ja den Mut, mich wieder einmal einzuladen."

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