Bauern in SH : Das schmutzige Geschäft mit der Gülle

Den Bauern steht nicht nur das Wasser, sondern auch die Gülle bis zum Hals.
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Den Bauern steht nicht nur das Wasser, sondern auch die Gülle bis zum Hals.

Die Lagerkapazitäten für Gülle in SH sind fast erschöpft. Die Preise schießen in die Höhe. Jetzt hoffen die Landwirte auf besseres Wetter.

Kay Müller von
11. Januar 2018, 16:17 Uhr

Rendswühren/Itzehoe | Die Landwirte im Norden geraten in immer größere Bedrängnis. Denn sie haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Gülle los zu werden. „Die Lagerkapazitäten in Schleswig-Holstein sind nahezu ausgereizt“, sagt Claus Timmermann, Geschäftsführer des Maschinenrings Südholstein in Itzehoe.

Ähnlich sieht das Philipp Staritz, Vertriebsleiter beim Lohnunternehmen Blunk in Rendswühren (Kreis Plön), der eine Nährstoffbörse für Güllehandel betreibt. „Die Landwirte leiden, weil die Preise für die Gülle-Lagerung in die Höhe gehen, weil sie den Dünger wegen des feuchten Wetters seit dem Sommer faktisch nicht mehr auf die Felder bringen konnten. In normalen Zeiten haben sie 3,50 Euro für den Kubikmeter gezahlt, jetzt sind wir bei vier bis sechs Euro.“ Es gebe aber auch Geschäftsleute, die den Lagerplatz gezielt zurückhalten, um von der Not der Kollegen zu profitieren. „Manche wollen 10 Euro und mehr pro Kubikmeter haben“, sagt Staritz. Preise, die auch Timmermann bestätigt.

Schleswig-Holsteins größte Gülle-Lagune

Die Lkw kommen im Minutentakt und bringen neue Gülle nach Wahlstedt (Kreis Segeberg). Dort hat das Lohnunternehmen Blunk gemeinsam mit einem Partner die größte freiliegende Güllegrube Schleswig-Holsteins wieder in Betrieb genommen. „Hier passen 27.000 Kubikmeter Gülle rein“, sagt Vertriebsleiter Philipp Staritz.

Wieder geöffnet: Die größte, offene Grube bei Wahlstedt (Kreis Segeberg) kann 27 000 Kubikmeter Gülle aufnehmen – ein Mastschwein produziert nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen rund 0,5 Kubikmeter Gülle pro Tag.
Wieder geöffnet: Die größte, offene Grube bei Wahlstedt (Kreis Segeberg) kann 27.000 Kubikmeter Gülle aufnehmen – im Schnitt entsteht durch ein Schwein in seinem Leben rund 0,53 Kubikmeter, pro Mastplatz macht das etwa 1,5 Kubikmeter pro Jahr aus. Foto: Michael Ruff

Die Idee entstand aus der Not, weil die Bauern im Land ihre Gülle wegen des schlechten Wetters nicht auf die Felder bringen können und deswegen neue Lager suchen. „Hier in Wahlstedt gab es früher eine Schweinezucht, als die aufgegeben wurde, ist vor etwa zehn Jahren die Lagune still gelegt worden“, sagt Staritz. Die Anlage genüge aber den aktuellen Anforderungen des Landwirtschaftsministeriums, das Bauern im Rahmen eines Notfallplans erlaubt, vorübergehend Gülle-Gruben zu bauen, die mit einer speziellen Folie ausgestattet und umzäunt sein müssen.

Nachdem das Regenwasser aus dem Becken gepumpt wurde und ein Gutachter grünes Licht gegeben habe, werden dort seit Wochenbeginn täglich bis zu 700 Kubikmeter Gülle eingelagert. „Die ganze Anlage ist schon ausgebucht – das hat nur einen Tag gedauert“, sagt Staritz, der dennoch bemüht ist, allen Bauern zu helfen. „Bevor einer überläuft, findet sich schon noch was – auch wenn es immer enger wird.“

 

Beide suchen händeringend nach Lagern. Wenn das Wetter weiter feucht bleibt, drohen auch viele Landwirte, die wegen einer Ausnahmegenehmigung des Landwirtschaftsministeriums schon ab Mitte Januar Dünger ausbringen könnten, in der Gülle regelrecht zu ertrinken. „Deshalb stellen einige Bauern ihre Lager nicht den Kollegen zu Verfügung, weil sie fürchten, den Platz selbst zu brauchen“, so Timmermann.

Die Bauern können dank eines Notfallplans eigene Lagunen bauen, in denen die Gülle vorübergehend gelagert wird. Allerdings liegen laut Ministerium erst sechs Anträge dafür vor. Viele Bauern scheuen die Investition von etwa 10.000 Euro für eine Anlage, die sie im Frühsommer wieder zurückbauen müssen. Wenn das Wetter nass bleibt oder es stark friert, werden die Bauern dann noch höhere Preise für Güllelagerung an findige Geschäftsleute zahlen müssen. Philipp Staritz hat dazu seine eigene Meinung: „Die kriegen dann aber keine Geschenke vom Weihnachtsmann. So etwas hat mit Solidarität unter Landwirten nichts zu tun.“

Hilferuf vom Bauernverband

Auch der Bauernverband klagt: Die Gülle-Lager sind „zum Überlaufen voll“. Das sagte der für fünf Jahre wiedergewählte Bauernverbandspräsident Werner Schwarz am Donnerstag in Kiel. Dank einer Sondergenehmigung dürfen vom 16. Januar 00.01 Uhr an Bauern im Norden Gülle ausbringen. Normalerweise herrscht eine Sperrfrist vom 1. November bis 31. Januar. Allerdings dürfen fürs Ausbringen von Gülle Flächen nicht wassergesättigt sein, was aber laut Bauernverband bei vielen Grünflächen noch der Fall ist.

Landwirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sprach von einer Ausnahmesituation, die von allen viel Flexibilität und Ideenreichtum verlange. Diese Bereitschaft sei bei allen Beteiligten zu sehen. „Wir versuchen, viel möglich zu machen, um Lösungen zu finden. Der Maßstab muss aber der Schutz unserer Gewässer sein“, betonte Habeck. „Und das heißt auch für die Landwirte, dass sie sich an die Spielregeln der neuen Düngeverordnung halten und in der Sperrfrist keine Gülle ausbringen, es sei denn, sie haben im Havariefall eine Genehmigung der Wasserbehörde vorliegen.“

Finanzielle Hilfe für Neubauten

Laut Ministerium wurden bisher insgesamt neun Notlager (Erdlager) mit einem Gesamtvolumen von rund 10.000 Kubikmetern errichtet. Die Lager wurden in den Kreisen Dithmarschen, Rendsburg/Eckernförde, Schleswig-Flensburg und Steinburg errichtet. Zusätzlich konnten insgesamt rund 34.000 Kubikmeter Behältervolumen für eine notfallweise Einlagerung reaktiviert beziehungsweise bereitgestellt werden – unter anderem in den Kreisen Segeberg und Stormarn. Hiervon würden 10.000 Kubikmeter für Gülle- und Gärrückstände genutzt.

In den Kreisen Plön, Rendsburg-Eckernförde, Steinburg und Stormarn wurde auf Grundlage von Ausnahmen nach dem sogenannten Havarieerlass vom 15. November das Ausbringen von insgesamt rund 480 Kubikmetern Gülle zugelassen. Die Zahlen zeigten, dass sehr maßvoll mit den Möglichkeiten umgegangen werde, sagte Habeck.

Schwarz verwies darauf, dass bei den herrschenden Temperaturen um den Gefrierpunkt beim Gülle-Ausbringen nur sehr geringe Ammoniak-Emissionen in die Luft gelangten. Notwendig seien auf Dauer größere Lagerkapazitäten für Gülle. Der Staat sei gefordert, entsprechende Neubauten finanziell zu unterstützen. Denn viele Bauern könnten dies selber nicht leisten. Schwarz danke dem Landwirtschaftsministerium für seine pragmatische und vorausschauende Haltung beim Thema Gülle.

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