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Straßenmagazin in Schleswig-Holstein : Das Prinzip „Hempels“: Was sich in 20 Jahren geändert hat

vom

250 Menschen verkaufen in Schleswig-Holstein das bekannte Straßenmagazin. Doch wie funktioniert das System „Hempels“? shz.de mit Fragen und Antworten zum Jubiläum.

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erstellt am 10.Feb.2016 | 20:53 Uhr

Seit 20 Jahren gibt es das Straßenmagazin „Hempels“ in Schleswig-Holstein. Jeder kennt Verkäufer, die das Monatsheft meist vor Supermärkten verkaufen, viele von ihnen schon seit Jahren. Aber wie funktioniert das Prinzip „Hempels“? Wer sind die Verkäufer? Und wie finanziert sich das Magazin? shz.de hat Fragen und Antworten zum Jubiläum gesammelt.

Was ist „Hempels“?

„Hempels“ ist ein Straßenmagazin für Schleswig-Holstein. Das erste Heft ist im Februar 1996 in Kiel erschienen – damals noch als Zeitung von Obdachlosen, denen der Verkauf des Magazins eine Alternative zum Betteln bot.

Die erste „Hempels“-Ausgabe erschien im Februar 1996.

Die erste „Hempels“-Ausgabe erschien im Februar 1996.

Foto: Anna Gellner

Die Idee brachten Wohnungslose, die Straßenmagazine aus anderen Städten kannten, Anfang der 90er Jahre selbst nach Kiel. Heute liegt die Auflage bei 21.500 verkauften Exemplaren in einem durchschnittlichen Monat.

Wie hat sich „Hempels“ entwickelt?

In den 20 Jahren seiner Geschichte hat sich das Magazin professionalisiert – sowohl was das Layout als auch was die Texte angeht. Betreut wird das Heft seit 2003 von einer Redaktion aus vier Mitarbeitern – Fotografen, Layoutern und Redakteuren. Sitz der Redaktion ist in der Kieler Schaßstraße.

Blick in die „Hempels“-Redaktion in Kiel.

Blick in die „Hempels“-Redaktion in Kiel.

Foto: Anna Gellner

 

Doch auch, wenn die Texte im Gegensatz dazu früher meist von den Obdachlosen selbst kamen: Inhaltlich ist sich das Heft grundsätzlich treu geblieben – es behandelt bis heute vor allem soziale Themen.

Welches Prinzip steckt hinter „Hempels“?

Noch immer ist „Hempels“ ein Projekt, das Bedürftigen helfen soll, etwas dazuzuverdienen. Wer als Verkäufer registriert ist, kann an sieben Ausgabestellen in Schleswig-Holstein Hefte kaufen – für die Hälfte des späteren Verkaufspreises (0,90 Euro). Beim Weiterverkauf für 1,80 Euro macht der Verkäufer entsprechend 0,90 Euro Gewinn.

Reinhard Böttner ist seit 2009 bei „Hempels“.

Reinhard Böttner ist seit 2009 bei „Hempels“.

Foto: Anna Gellner

 

Grundsätzlich können sich die Leute so viele Hefte abholen wie sie möchten– auch mehrmals am Tag beziehungsweise im Monat. Regeln gibt es nicht, die Verkäufer sind ja auch nicht fest angestellt. „Manche kommen auch erst Ende des Monats, wenn sie merken, dass das Geld knapp wird“, erzählt „Hempels“-Geschäftsführer Reinhard Böttner.

Verkäufer können bis zu zehn übrig gebliebene Hefte noch bis zum 10. des Folgemonats gegen aktuelle Ausgaben eintauschen.

Wie finanziert sich das Heft?

Vor allem aus den Verkaufserlösen, außerdem aus Spenden und dem Anzeigenverkauf.

Wie kommen die Hefte zu den Ausgabestellen?

Zunächst einmal: Gedruckt wird „Hempels“ in Westerrönfeld. Mitarbeiter aus Kiel holen die Hefte dann zum Ende des Monats ab und verteilen sie an die Ausgabestellen, sodass sie spätestens zum 1. eines Monats in den Verkauf gehen können. Die Ausgabestellen liegen in Kiel, Flensburg, Schleswig, Husum, Rendsburg, Lübeck und Heide.

Die „Hempels“-Redaktion in der Schaßstraße. Im gleichen Gebäude befindet sich auch ein Tagestreff für Obdachlose.

Die „Hempels“-Redaktion in der Schaßstraße. Im gleichen Gebäude befindet sich auch ein Tagestreff für Obdachlose.

Foto: Anna Gellner

 

Wer darf überhaupt verkaufen?

Man muss nicht (mehr) obdachlos sein, um verkaufen zu dürfen. Aber man muss nachweisen, wirklich bedürftig zu sein. Bedürftig ist, dessen Einkommen unter dem Satz des Arbeitslosengeldes II liegt. Wer den Nachweis erbringt, bekommt von „Hempels“ einen Ausweis mit seinem Namen und einer Nummer. Den muss er beim Verkauf gut sichtbar an der Kleidung tragen.

Aber: Immer mehr Leute melden sich bei „Hempels“, weil sie Verkäufer werden möchten. Doch der Verein kann nicht jeden annehmen, weil die Konkurrenz sonst zu groß werden würde. „Mittlerweile gibt es Wartelisten“, erzählt „Hempels“-Geschäftsführer Reinhard Böttner.

Wieso wollen immer mehr Menschen Verkäufer werden?

Seit 2011 beobachtet Reinhard Böttner eine gestiegene Nachfrage – vor allem von Menschen aus Südosteuropa. Gründe sieht der studierte Sozialarbeiter in der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich und einer zunehmenden Wohnungslosigkeit.

Warum darf nur eine begrenzte Zahl von Menschen „Hempels“ verkaufen?

Weil die Konkurrenz sonst zu groß werden würde. Die Verkäufer müssen sich gut verteilen können, damit jeder eine reelle Chance hat, seine Exemplare an den Mann zu bringen.

Dürfen sich die Verkäufer ihren Platz selbst aussuchen?

Jain. Die Plätze werden zumindest mit den „Hempels“-Mitarbeitern abgesprochen, weil sie wissen, welche schon vergeben sind. Es kommt auch vor, dass sich Leute Standorte teilen – beispielsweise in den Innenstädten. „Das sind die Sahneplätze“, erzählt die Leiterin des Tagestreffs für wohnungslose Männer in Flensburg Michaela Ketelsen, die sich auch um die Betreuung der Verkäufer in Flensburg und Umgebung kümmert.

Müssen die Verkäufer bestimmte Regeln beachten?

Ja. Die Verkäufer müssen ihren Ausweis gut sichtbar an der Kleidung tragen. Sie dürfen nicht offensiv und im Rausch verkaufen und währenddessen keinen Alkohol beziehungsweise Drogen konsumieren.

Gibt es auch unangemeldete Verkäufer?

Das kommt vor, sagt Michaela Ketelsen. Wie die an die Hefte kommen, wisse sie bisweilen selbst nicht. Ketelsen betont daher: Käufer sollten unbedingt auf den Ausweis achten.

Warum ist „Hempels“ für die Verkäufer so wichtig?

Mit dem Verkauf des Heftes erarbeiten sich die Menschen ihren Verdienst – im Gegensatz zum Betteln. „Wichtig ist aber auch, dass der Verkauf den Menschen eine Struktur vorgibt“, sagt „Hempels“-Geschäftsführer Reinhard Böttner. Denn natürlich mache es einen Unterschied, ob man das Heft am Vormittag oder in der Nacht verkauft.

Bei vielen Verkäufern führe das „Hempels“-System zudem zu gutem Wirtschaften – wenn sie zum Beispiel merken, dass die Ausgaben zum Ende des Monats nicht mehr so viele Abnehmer finden, erklärt Böttner.

Und nicht zuletzt befreit es die Menschen aus der Isolation. Viele haben irgendwann Stammkunden. „Wir erleben es öfter, dass Leute bei uns nachfragen, wenn sie ihren Verkäufer länger nicht gesehen haben, weil sie sich Sorgen machen“, sagt Böttner.

 


Etwa die Hälfte der Verkäufer ist schon viele Jahre dabei. Zwischen vielen, erzählt Geschäftsführer Reinhard Böttner, gibt es ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Vielleicht auch, weil sie beim Verkaufen ähnliche Erfahrungen machen. Bisweilen brauchen sie ein dickes Fell, sagt die Leiterin des Tagestreffs für wohnungslose Männer in Flensburg Michaela Ketelsen. Zwei Verkäufer erzählen.

Claudia Lupu (24), Hempels-Verkäuferin am Edeka in Kiel-Suchsdorf:

Claudia Lupu (24) verkauft das „Hempels“-Magazin vor dem Edeka in Kiel-Suchsdorf. Für sie sind die Einnahmen ein wichtiges Zubrot.

Claudia Lupu (24) verkauft das „Hempels“-Magazin vor dem Edeka in Kiel-Suchsdorf. Für sie sind die Einnahmen ein wichtiges Zubrot.

Foto: Anna Gellner
 

„Ich bin vor drei Jahren von Rumänien nach Deutschland gekommen und verkaufe seitdem regelmäßig das Heft. Mein Mann ist auch ,Hempels'-Verkäufer, in Flintbek. Wir sind auf diesen Zuverdienst angewiesen, denn ansonsten haben wir nur das Kindergeld für unsere Tochter. Ich bin schwanger, daher werde ich bald nicht mehr verkaufen können. Ich stehe immer hier am Edeka. Der Chef ist nett und die Leute auch. Trotzdem hoffe ich, dass ich, wenn das Baby älter ist, eine Arbeit finde. Keine Arbeit zu haben ist schlimm.“

Jan Hölzel (52), begann 2000 bei „Hempels“ als Verkäufer, mittlerweile ist er für sie Ansprechpartner in Kiel:

Jan Hölzel hat „Hempels“ vor dem Real in Raisdorf verkauft.

Jan Hölzel hat „Hempels“ vor dem Real in Raisdorf verkauft.

Foto: Anna Gellner
 

„Ein Jahr habe ich als ,Hempels'-Verkäufer gearbeitet, von 2000 bis 2001. In der Zeit stand ich immer am Real in Raisdorf. Am Anfang war es ein komisches Gefühl da so zu stehen. Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht, auch weil ich irgendwann Stammkunden hatte, die ich wöchentlich gesehen habe. Aber es gab auch schlechte Erfahrungen: ,Such dir eine richtige Arbeit', den Satz habe ich oft gehört. ,Das ist meine Arbeit', habe ich den Leuten dann geantwortet.“

Die Geschichte der ehemaligen „Hempels“-Verkäuferin Inken liest sich wie eine Romanvorlage. Mit 15 stand die Flensburgerin plötzlich auf der Straße. Im Video erzählt sie von dieser Zeit.

Am Donnerstag (11. Februar) feiert „Hempels“ sein Jubiläum im Kieler Landeshaus mit Musik, Gesprächsrunden und einer Podiumsdiskussion. Ministerpräsident Torsten Albig wird ein Grußwort sprechen.

 

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