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Unterwasserobservatorium : „Das hat der Mensch nicht im Griff“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zu Besuch beim einzigen deutschen Unterwasserobservatorium in der Ostsee vor Eckernförde

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2017 | 18:00 Uhr

Jan Laurenz reckt das große silberne Rohr in die Höhe wie einen Pokal. Ein bisschen sieht es tatsächlich aus wie ein Schatz, den der Forschungstaucher der Christian-Albrechts-Universität Kiel an Bord des kleinen Schlauchbootes „Hugo“ hievt. Laurenz fröstelt nach dem 15-minütigen Tauchgang in dem Forschungs-Sperrgebiet „Hausgarten“, bei dem er den Methan-Sensor von dem einzigen Unterwasserobservatorium Deutschlands „Boknis Eck“ in der Eckernförder Bucht abmontiert hat. Denn die Ostsee ist kalt, zwei Grad zeigt sein Thermometer an, die Finger werden klamm. Auch deshalb übergibt Laurenz das Gerät schnell an seine Kollegin Cynthia Aurich, die es an Bord des Forschungsschiffes „Littorina“ bringt. Sofort nimmt Professor Hermann Bange den Sensor ins Visier, denn der Meereschemiker des Instituts für Meereswissenschaften Geomar will, dass die Unterwasserstation so bald wie möglich voll einsatzfähig ist.

Die Messstation gibt es seit genau 60 Jahren. Im April 1957 fuhren die ersten Forscher von Kiel aus hinaus, um Wasserproben zu nehmen und daraus Daten über Sauerstoffgehalt, Nährstoffe, Temperatur, Salzgehalt und Strömung zu sammeln – und seit dem fährt jeden Monat ein Schiff. Damit ist „Boknis Eck“ eine der ältesten regelmäßig betriebenen marinen Zeitserienstationen weltweit, deren Daten auch international gefragt seien, so Bange. „Wir bekommen hier durch die spezifische Lage Daten, die für die gesamte westliche Ostsee repräsentativ sind“, sagt Bange. Seit Dezember gibt es am Meeresgrund in 14,5 Metern Tiefe nun auch eine richtige Station, die von oben nur an einer kleinen gelben Boje zu erkennen ist. Die Station, die zwei Jahre lang konzipiert und gebaut wurde, sendet nun permanent Daten – eben nur mit Ausnahme des Methan-Sensors, der von Anfang an defekt war und nun repariert werden soll. 500  000 Euro hat das etwa zwei mal zwei Meter große Eisengestell mit den vielen Sensoren gekostet. „Das ist schon ein Riesenfortschritt“, sagt Bange. So könnten die Forscher auch Auswirkungen von kurzfristigen Wetterereignissen wie Stürmen oder Hitze auf die Ostsee auswerten.

Dass es um das Klima im Norden nicht gut bestellt ist, hat zu Beginn dieser Woche erst Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) deutlich gemacht. Laut dem Klimabericht ist es seit 1881 um 1,3 Grad wärmer geworden. Es bestehe zudem ein Trend zur stärkeren Ausprägung der Starkregenereignisse. Gleichzeitig ist es in Schleswig-Holstein nasser geworden und der Meeresspiegel ist in den vergangenen hundert Jahren angestiegen: Um etwa 20 Zentimeter in der Deutschen Bucht und um etwa 14 Zentimeter an der deutschen Ostseeküste, wie der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, Paul Becker, sagt.

Je nachdem, welches Klimamodell man zugrunde legt, erhöht sich die Jahresmitteltemperatur in Schleswig-Holstein um mindestens ein Grad Celsius bis hin zu mehr als vier Grad Celsius. Bei weiter hohen Treibhausgasemissionen und einem Wirtschaftswachstum, das mit dem Verbrauch fossiler Ressourcen verbunden ist, könnten die Meeresspiegel um bis zu 98 Zentimeter ansteigen. Neue Rechnungen halten sogar noch höhere Werte für möglich, sagt Habeck.

Hermann Bange kann jeden Monat sehen, was sich in den Meeren vor unserer Haustür verändert. Und wie ist der Zustand der Ostsee?

„Gut“, sagt Bange. Die beste Nachricht sei, dass Nährstoffe wie Stickstoff oder Phosphor im Meer seit Mitte der 1980er Jahre immer weiter gesunken seien. „Das hat der Mensch mal gut hinbekommen“, meint der Forscher. „Noch in den 1970er Jahren haben manche Menschen geglaubt, die Ostsee sei so verschmutzt, dass sie sterben wird. Doch die Ostsee lebt.“

Der Bau von Kläranlagen habe sich positiv ausgewirkt – ebenso wie die internationalen Programme der Ostseeanrainerstaaten zum Schutz des Meeres. Aber der 53-Jährige will keine Entwarnung geben. Sorgen machen ihm sowohl die Nitratbelastungen der Binnengewässer als auch der Klimawandel. Denn der sei nicht lokal zu managen. „Das hat der Mensch nicht im Griff. Der Anteil der Gebiete steigt, in denen der Sauerstoffgehalt auf null Prozent sinkt.“ Bange nimmt nicht gern den Begriff „Todeszone“ in den Mund, denn in den Gebieten gebe es ja Leben. Und diese Zonen habe es immer schon gegeben – nur eben nicht in dieser Größe. Der Befund sei „paradox“, denn eigentlich müsste bei sinkenden Nährstoffen im Meer der Sauerstoffgehalt steigen. „Wir vermuten, dass es an der Erderwärmung liegt – und daran, dass die verschiedenen Wasserschichten in der Ostsee für längere Zeit nicht durchmischt werden“, erklärt der Meereschemiker. So würden Herbststürme häufig später im Jahr vorkommen als noch in den 1980ern. Dadurch könne sich organisches Material länger am Boden sammeln, Zersetzungsprozesse werden verlängert und so mehr Sauerstoff verbraucht. „Das hat enorme Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere.“ Die müssten entweder weichen oder sie sterben. „Das ganze System ändert sich.“

Die mittlere Wassertemperatur sei, seit der ersten Messung an „Boknis Eck“ vor 60 Jahren, um 1,2 Grad gestiegen. Die Daten, die die Station liefert, sind für jeden zugänglich – obwohl die genaue Auswertung nur die Forscher leisten können. Die nehmen auch weiter wie in den 60 Jahren zuvor Wasserproben, die Daten liefern, die Sensoren noch nicht liefern können. Über kurz oder lang könnten aber weitere Sensoren auf der Station installiert werden, sagt Bange. „Das ist wie eine große Steckdose, da kann jeder sein Kabel anstöpseln.“ Nur bezahlen könne das das Geomar natürlich nicht.

Aber der Methansensor soll möglichst bald repariert sein, schon im April wollen die Taucher ihn wieder an der Station anstöpseln. Jan Laurenz und seine Kollegin Cynthia Aurich freuen sich darauf, in dem dann vermutlich etwas wärmeren Ostseewasser zu arbeiten. Und eines, sagt die Taucherin, müsse ohnehin immer wieder gemacht werden – die Station von Algen und Seepocken zu befreien. „Die soll ja zehn Jahre halten, da kann es nicht schaden, ab und zu mal drüberzuputzen.“

>Internet: www.bokniseck.de.



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