Schiffsbau in Schleswig-Holstein : Das große Sterben der kleinen Werften

Schluss nach über 100 Jahren: Die Werft Otto Eberhardt in Arnis. Foto: Köhler
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Schluss nach über 100 Jahren: Die Werft Otto Eberhardt in Arnis. Foto: Köhler

Der Schiffsbau gehört zu Schleswig-Holstein wie das Meer. Doch die Branche befindet sich im Umbruch. Ende des Jahres schließt die Traditionswerft Otto Eberhardt in Arnis.

shz.de von
18. Juni 2013, 08:55 Uhr

Arnis/Kiel | Büsumer Werft, Flender-Werke in Lübeck, Kremer Werft in Elmshorn und Husumer Schiffswerft - hinter Namen wie diesen steht in einer Auflistung schleswig-holsteinischer Werften im Internet ein schlichtes Kreuz. Diese Betriebe gibt es nicht mehr. Ende dieses Jahres wird ein weiterer Name der traurigen Liste hinzuzufügen sein: Die Traditionswerft Otto Eberhardt in Arnis. Mit ihr stirbt eine der letzten kleineren Werften in dem Land, zu dem Schiffsbau allein wegen seiner Geographie fest dazugehört. Zuletzt herrschte Flaute in den Auftragsbüchern des von zwei Brüdern betriebenen Familienunternehmens. Die Werftenlandschaft in Schleswig-Holstein ist also wieder ein Stück kleiner geworden - nicht zuletzt die Folge eines Strukturwandels der Branche, die zudem nicht gerade dafür bekannt ist, krisensicher zu sein.
Angesprochen auf das Schicksal seiner Werft reagiert Manfred Eberhardt mit einem schweren Seufzer. Im Juli musste er endgültig verkünden, dass der Betrieb in Arnis eingestellt wird. Für Manfred und seinen Bruder Albert Eberhardt bedeutet es das Ende einer über 100 Jahre währenden Familientradition. Seit 1909 besteht die Werft Otto Eberhardt in Arnis.
Der Ort steht exemplarisch für den Niedergang der kleinen Werften. Zu Hochzeiten war Arnis ein echter Standort des Boots- und Schiffbauhandwerks. Vier Werften standen auf der Halbinsel in der Schlei. Nach dem angekündigten Aus der Otto-Eberhardt-Werft ist es nur noch eine - die Yacht- und Bootswerft Matthias Paulsen. "Wir machen erst einmal weiter", sagt Manfred Eberhardt. Zumindest bis zum 31. Oktober, denn zu diesem Zeitpunkt wurde den zwölf Mitarbeitern des Betriebes gekündigt. Ein Investor interessiert sich für das Gelände, hat für das 8000-Quadratmeter-Areal ganz andere Pläne: 35 Wohnungen könnten hier entstehen.

Auftragslage rückläufig

Gerade kleine Betriebe können dem rauen Wind in konjunkturschwachen Zeiten nicht mehr standhalten. "Von den kleinen Werften ist keiner mehr da", beklagt Manfred Eberhardt. Früher habe man mit 40 Angestellten Frachter bis zu 70 Metern Länge und Angelkutter gewartet. In den letzten Jahren war die Auftragslage der Werft schließlich stark rückläufig, sodass sich die beiden Brüder dazu entschlossen, die Reißleine zu ziehen. Dazu führten Rückschläge wie die Schließung des Marinestützpunkts Olpenitz 2004. Die Werft Otto Eberhardt war für die Wartung dort stationierter Schiffe verantwortlich.
Auch die immer kleiner werdende Zahl von Angelkuttern und Butterschiffen auf der Ostsee sei schädlich für das Geschäft gewesen, so der Eigentümer. Standbein um Standbein brach den Unternehmern weg. Hinzu kamen immer größere Anforderungen an Betriebe, die öffentliche Aufträge annehmen möchten. "Die werden nur noch an ISO-zertifizierte Betriebe vergeben. Für uns wurde der bürokratische Aufwand und die damit verbundenen Kosten zu groß. Am Ende konnten wir nicht mehr mithalten", konstatiert Eberhardt.

Bootsbau bleibt stabil

Einen Wandel in der Schiffsbauerbranche stellt auch Werner Feyerabend fest. Er leitet die Landesberufsschule für Bootsbauer. "Ich kenne eigentlich keine noch produzierenden kleineren Schiffsbauer in Schleswig-Holstein", sagt er. Gerade im Bereich der Neubauwerften sei der Markt schwierig. "Hersteller haben hier Rückgänge zu verzeichnen", so der Branchenkenner. Die verbleibenen Aufträge konzentrieren sich auf Großwerften.
Feyerabend beobachte beim Neubau zudem eine Tendenz zu weniger aber dafür größeren Yachten. Hier unterscheidet sich der industrielle Schiffsbau vom handwerklichem Bootsbau. Denn während die Marktsituation für Schiffswerften schwierig bleibt, befinden sich Bootswerften in weniger turbulenten Gewässern. "Aktuell ist die Auslastung der Werftbetriebe gut, aber witterungsabhängig. Dieses Jahr konnten wir durch den langen Winter entsprechend spät starten", sagt Peter Kramarczyk, Geschäftsführer der Landesinnung Bootsbau. Im Sportbootbau sieht der Auftragsbestand also anders aus. Dort seien auch die Neubauwerften recht zufrieden, so Kramarczyk. "Das sehe ich an seit Jahren leicht, aber stetig steigenden Lohnsummenzahlen. Das Wachstum ist überproportional und nicht nur bedingt durch gesamtwirtschaftliche Lohnanpassungen", so der Experte.

"Irrer Druck durch den Gebrauchtmarkt"

Auch Claus-Ehlert Meyer, Geschäftsführer des Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verbands (DBSV) mit Sitz in Hamburg, bestätigt gute Geschäfte im Bootsbau. Sorgen bereitet ihm jedoch eine Überalterung im Wassersport: "Es gibt weniger Menschen, die sich einem neuen Segel- oder Motorboot verschreiben. Hinzu kommt ein irrer Druck durch den Gebrauchtmarkt, der heute überregional und durch das Internet sehr transparent ist."
Meyer bestätigt: Im Bereich des Schiffbaus sterben die kleinen Werften langsam aus. Dies sei ein Trend, den er seit der Deutschen Wiedervereinigung beobachte. Nach der Wende wurden Ost-Werften subventioniert - ein enormer Wettbewerbsvorteil. "Damals konnten Ost-Werften im Preis zehn Prozent über den westdeutschen Mitbewerbern stehen und bekamen trotzdem den Auftrag", erklärt der Verbandschef.

Gute Chancen für Fachkräfte

Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) zählte in den vergangenen Jahren bundesweit acht Insolvenzen. Das öffentliche Bild der maritimen Wirtschaft ist bestimmt durch Krisen. Dennoch, so Werner Feyerabend von der Berufsschule in Travemünde, ist das Interesse am Beruf des Bootsbauers ungebrochen. Aktuell erlernen das Handwerk 360 Schüler verteilt auf dreieinhalb Lehrjahre in Travemünde. "Wenn sie mobil sind, haben unsere Absolventen hinterher mit Arbeitsmöglichkeiten keine Schwierigkeiten." Bootsbauer seien nicht nur in ihrem Segment gefragt, sondern auch in anderen Bereichen: "Auch Hersteller von Windkraftanlagen oder Flugzeugen suchen Bootsbauer, weil sie umfassend ausgebildet und mit den dort genutzten Werkstoffen vertraut sind", sagt Feyerabend.
Die Gebrüder-Friedrich-Werft in Kiel kann sich ebenfalls nicht über mangelndes Interesse an der Ausbildung zum Schiffsbauer beklagen. 15 der 65 Angestellten am Standort in Kiel Friedrichsort sind Auszubildende. Anders als viele andere Werften ist der Betrieb auch nach 92 Jahren noch fest in der Hand der Gründerfamilie. Und das Unternehmen floriert. Geschäftsführerin Katrin Birr kann sich über volle Auftragsbücher für die nächsten drei Jahre freuen. Für einen Auftrag der Marine werden in dieser Zeit Minensuchboote vom Typ "Seehund" gewartet und repariert. Drei mobile Großhallen wurden extra dafür angeschafft.

Markt wird komplizierter

Ein Expansionskurs hart am Wind? Katrin Birr setzt in dieser Zeit auf Mut zur Innovation. In vierter Generation leitet sie mit ihrem Vater Klaus Birr die Geschicke der Werft. Konsequent setzte das Unternehmen auf Know-How im Bereich der Marineschiffe, ist damit heute ein gefragter Partner und mischt im Spiel der großen Werften zwischen U-Booten und Korvetten mit. Auch die Bundespolizei und das Institut für Meereskunde setzen auf die Gebrüder-Friedrich-Werft, die zudem auch weltweit viele Reparaturen direkt an Bord großer Schiffe auf See vornimmt. "Als Generalist für Handels- und Touristenschifffahrt kann man heute nicht mehr bestehen. Man braucht eine Nische und muss wendig sein", sagt sie.
Gleichzeitig erfordere die aktuelle Situation eine gewisse Unternehmensgröße, denn der Markt wird immer komplizierter: "Wir müssen uns mittlerweile EU-weiten Ausschreibungen stellen. Die Administration wird umfangreicher und man braucht Spezialisten, die sich damit beschäftigen können." Strategisches Umdenken sei gefordert. Das kann schon einmal dazu führen, dass Werften vom Kerngeschäft abweichen müssen. So steht auf dem Gelände der Gebrüder-Friedrich-Werft ein eigens gefertigtes Schwimmhaus. Auch einen zweiten Standort, spezialisiert auf Industrie- und Elektrotechnik, hat das Familienunternehmen aufgebaut. "Wir stoßen sehr mutig in neue Geschäftsfelder. Das ist unser Rezept, um auf dem sich wandelnden Markt zu bestehen."

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