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Trinkwasser : Das Gift fließt aus dem Rohr

vom

Jede 20. Wohnung in Schleswig-Holstein wird über alte Bleirohre versorgt, die das Trinkwasser vergiften. Ab heute gilt ein strengerer Grenzwert. Alte Rohre müssen nun endgültig ausgetauscht werden – doch das haben noch nicht alle Vermieter umgesetzt.

shz.de von
erstellt am 01.Dez.2013 | 09:00 Uhr

Kiel | Es ist weder sichtbar noch spürbar – dafür aber umso gefährlicher: Blei im Trinkwasser kann zu schweren Störungen im Nervensystem, Nierenschädigungen und sogar zu Krebs führen. Aufgrund der hohen Gesundheitsgefahr gilt ab heute deutschlandweit ein strengerer Grenzwert: Statt bisher 0,025  sind nun nur noch 0,01 Milligramm pro Liter zulässig. Das schreibt die Trinkwasserverordnung vor. Fest steht: Mit alten Bleileitungen im Haus lässt sich dieser Wert nicht einhalten.

„Am Austausch der alten Rohre führt kein Weg vorbei“, sagt Hendrickje Mundt, Rechtsanwältin beim Eigentümerverein Haus und Grund Schleswig-Holstein. Die neue Vorschrift sei zwar schon seit Langem bekannt, „aber viele Eigentümer haben es nicht mitbekommen“, so ihre Einschätzung. Für die säumigen Immobilienbesitzer könnte das teuer werden. „Wird der Grenzwert für Blei überschritten, besteht ganz klar ein Mangel und die Miete darf gemindert werden“, erklärt die Juristin.

Auf drei bis fünf Prozent schätzt Jochen Kiersch vom Mieterbund Schleswig-Holstein den Anteil der Wohnungen im Land, die noch über Bleileitungen verfügen. „Die unternehmerische Wohnungswirtschaft ist da ziemlich hinterher und hat vorgesorgt“, meint er. „Aber Privatvermieter machen sich oft wenig Gedanken – die könnte es eiskalt erwischen.“

Zeit zum Umrüsten hatten die Immobilienbesitzer wahrlich genug. Der neue Grenzwert ab 1. Dezember 2013 wurde bereits 2001 in der Trinkwasserverordnung festgelegt, mit der Deutschland eine EU-Vorgabe befolgt. 

Wenn in einem Gebäude noch Leitungen aus dem Schwermetall vorhanden sind, ist der Eigentümer verpflichtet, die betroffenen Bewohner darüber zu informieren, mahnen Verbraucherschützer. Der Austausch von Bleirohren sei eine Instandsetzungsmaßnahme und keine Modernisierung, die Kosten dürfen daher nicht auf die Mieter umgelegt werden.

Bewohner von Mietwohnungen oder -häusern haben außerdem einen Auskunftsanspruch. Wenn der Besitzer es schlicht nicht weiß – weil er beispielsweise keine  Unterlagen zur Hausinstallation besitzt – muss er eine Wasseruntersuchung veranlassen. Manchmal reicht schon ein Blick auf die sichtbaren Leitungen, um Blei identifizieren oder ausschließen zu können. Da aber viele Leitungen unter Putz liegen, funktioniert das nicht immer. An einer Wasseranalyse führt dann kein Weg vorbei.

Erste Anlaufstelle für besorgte Mieter sei das örtliche Gesundheitsamt, rät Gudrun Köster, Lebensmittel-Referentin der Verbraucherzentrale Kiel. Dies sei vor allem dann sinnvoll, wenn im Haushalt Kinder, Schwangere oder junge Frauen leben, da das Nervensystem von Kindern oder Ungeborenen besonders empfindlich auf Blei reagiere. Im Falle einer späteren oder bestehenden Schwangerschaft kann Blei, das in den Knochen der Mutter gespeichert ist, mobilisiert und an das werdende Kind abgegeben werden. Von Wasseranalysen auf eigene Faust rät Köster ab, da die Probennahme unter speziellen Bedingungen erfolgen muss.

Was verblüfft: Mieter scheint  die Gesundheitsgefahr durch Blei im Trinkwasser gar nicht so sehr zu interessieren. „Anfragen zu diesem Thema sind beim Mieterbund eine echte Rarität“, berichtet Jochen Kiersch vom Mieterbund. Lediglich drei seiner zehn Kollegen in der Kieler Beratungssstelle können sich in letzter Zeit an Fragen zu diesem Thema erinnern. Und auch früher seien äußerst selten Nachfragen zu Bleileitungen eingegangen. Laut Kiersch könnte das daran liegen, „dass die meisten davon ausgehen, keine Bleileitungen im Haus zu haben.“ Das kann ein Irrglaube sein.

Wenn im Haus tatsächlich noch alte Bleileitungen vorhanden sind, kann man durch gewisse Vorsichtsmaßnahmen das Gesundheitsrisiko mindern – zumindest, bis die Rohre ausgetauscht werden. Wenn das Wasser über längere Zeit,  zum Beispiel über Nacht, in Bleirohren gestanden hat, reichert es sich  mit dem giftigen Schwermetall an. Deshalb sollte man den Hahn  zunächst kurz laufen lassen, bevor man das Wasser trinkt oder zur Speisenzubereitung nutzt. Junge Frauen, Schwangere und Kinder sollten im Falle noch vorhandener Bleileitungen generell auf abgepacktes Wasser zurückgreifen.

Weitere Informationen: www.trinkwasser.schleswig-holstein.de

Wo sich noch Bleirohre verbergen

Grundsätzlich können sich Bleirohre nur noch in vor 1973 errichteten Häusern verbergen. Seitdem ist deren Verwendung in Deutschland verboten. Jedoch sind längst nicht alle Altbauten betroffen, denn auch vor 1973 wurden bereits häufig andere Materialien wie Kupfer oder verzinkter Stahl verwendet.

Um herauszufinden, ob sich in Ihrem Haus noch Bleirohre befinden, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

- Den Eigentümer befragen – Mieter haben ein Auskunftsrecht und Vermieter eine Informationspflicht.

- Die sichtbaren Leitungen kontrollieren, z. B. am Wasserzähler im Keller: Bleirohre sind weicher als solche aus Stahl und Kupfer, sehen silbergrau aus und lassen sich mit einem Messer leicht einritzen oder abschaben. Ein Klopftest führt zu dumpfen, nicht metallischen Geräuschen.

 - Bei begründetem Verdacht: Das örtliche Gesundheitsamt kontaktieren, hier wird ggf. eine Analyse beauftragt

 
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