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Schleswig-Holstein

17. Oktober 2017 | 23:10 Uhr

Ausstellung : Das fremde Zuhause

vom

Aus ihrer Heimat mussten sie fliehen. Da, wo sie ankamen, wollte sie keiner. Eine Ausstellung, ein Buch und ein Film widmen sich den Flüchtlingen und Vertriebenen in Schleswig-Holstein nach 1945.

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erstellt am 06.Jun.2009 | 04:03 Uhr

Spätestens im Februar 1945 rollten die Trecks, querten überladene Schiffe die eisige Ostsee, liefen die Menschen mit ihren wichtigsten Habseligkeiten zu Fuß - nur weg vor der nahenden russischen Armee. Die eigene Heimat verloren sollten sie in fremder Ferne Schutz finden, gar eine neue Heimat. Willkommen waren sie im kriegsgebeutelten Deutschland jedoch so gut wie nirgends. Hunger und Wohnungsnot herrschten vor. 1,2 Millionen von den insgesamt rund 12 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen kamen nach Schleswig-Holstein. Wie schafften sie den Neubeginn und wie gehen sie bis heute damit um? Diesen Fragen geht jetzt eine ambitionierte Ausstellung im Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseum nach, zu der auch ein Buch und ein Film entstand.
Der Ort der Schau ist passend: Eine alte Bauernscheune inmitten des Museums. Denn die Flüchtlingsströme wurden vornehmlich auf Höfe in den Dörfern verteilt. Zwangsweise, denn Platz hatte kaum jemand. Auf engstem Raum mussten die Menschen zusammenrücken, in öffentlichen Gebäuden, Scheunen, Kellern oder freigemachten Räumen. Einstige Lager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden umgenutzt oder es wurden Wellblechhütten errichtet: Lange Röhrenbehausungen, sogenannte Nissenhäuser, in denen sich Bett an Bett reihte. Das komplette Leben spielte sich auf engstem Raum ab.
Toleranz und Improvisation waren gefragt
Nachdem die Ostgrenze 1946 festgelegt war, kamen die Aussiedler als neue Heimatsuchende zügeweise dazu - zunächst in Auffanglager, dann wurden sie aufgeteilt. In Schleswig-Holstein kam der erste Zug im März 1946 an und brachte 1822 Menschen, zumeist Frauen und Kinder, da die Männer gefallen oder in Kriegsgefangenenlagern irgendwo in Europa und Russland waren. "Wir wurden auf jedem Bahnhof entlaust, ob Du Läuse hattest oder nicht. Wir sahen aus wie die Mehlmänner, das war ja so ein weißes Zeug … Das stank entsetzlich", erinnert sich Magdalena von M. aus Danzig, die damals 19 Jahre alt war.
Wer eine Unterkunft gefunden hatte, war auf hohe Toleranz und viel Improvisation angewiesen. Es gab fast nichts, was man für den Alltag brauchte. Weil seiner Familie Küchenbesteck fehlte, schnitzte der 13-jährige Hans-Joachim Körner selbst Kochlöffel und einen Quirl aus Tannenästen. Liebevoll werden diese und andere Gegenstände in kleinen Vitrinen ausgestellt.
"Die Jahre danach"
Der Besucher geht durch Tuchvorhänge - ähnlich, wie die Menschen damals, die sich in den Massenunterkünften wenigstens einfachste Privatsspähren schaffen wollten. Historische Fotos, Texte, Plakate und Zeitungsausschnitte lassen eintauchen in jene Zeiten. Mit Kopfhörern kann man Zeitzeugenerzählungen lauschen, der Film "Die Jahre danach" von Kai Gerdes mischt sie mit historischen und aktuellen Bildern.
Aber auch, wie es weiterging, zeigt die Schau. So konnte der Unternehmer Arthur Boskamp noch während des Krieges die Maschinen seines Pharmaunternehmens von Danzig nach Hohenlockstedt transportieren und dort einen rasanten Neubeginn schaffen. Und die Rügenwalder Teewurst-Produktion gelangte nach Timmendorfer Strand. Schließlich sind zahlreiche später hergestellte Erinnerungsstücke zu sehen, die noch heute die Wohnzimmer von Heimatvertriebenen schmücken, darunter kunstvoll geknüpfte Wappen-Teppiche.
Die Ausstellung, gefördert vor allem von der Sparkassenstiftung und der Wilhelm Brandenburg GmbH, wurde hauptsächlich von der Volkskundlerin Ilka Hillenstedt erarbeitet, für die gelungene Präsentation war die Hamburger Gestalterin Eva Stankowski zuständig. 16 Autoren haben für das umfangreiche Buch geschrieben, dem auch der Film als DVD beiliegt.
Schleswig-Holsteinisches Freilichtmuseum, Hamburger Landstraße 97, Molfsee. Bis 26. Dezember. Täglich 9-18 Uhr, 1.Nov. - 28.März So 11-16 Uhr. Buch mit DVD, Wachholtz-Verlag, 19,80 Euro.

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