Nördliche Weiße Nashörner sterben aus : Das Ende eines langen Kampfes

Opfer  gnadenloser Geschäftemacher und Hobbyjäger:   110 Jahre nach seiner Entdeckung ist das Nördliche Weiße Nashorn ausgerottet. Foto: Püttger-Conradt
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Opfer gnadenloser Geschäftemacher und Hobbyjäger: 110 Jahre nach seiner Entdeckung ist das Nördliche Weiße Nashorn ausgerottet. Foto: Püttger-Conradt

Drei Jahrzehnte hat der Elmshorner Biologe Armin Püttger-Conradt um den Erhalt der Nördlichen Weißen Nashörner gekämpft. Vergeblich. Nun wurden vier Tiere freigelassen.

shz.de von
05. April 2010, 06:37 Uhr

Elmshorn | Der Elmshorner Biologe Püttger-Conradt war es, der vor 28 Jahren eine weltweite Rettungsaktion für die letzten Cottoni-Rhinos in Gang setzte. Zurückgekehrt von einer Expedition im Kongo, schrieb der damalige Student dem berühmten Zoologen Prof. Gerhard Grzimek einen Brief. Minutiös legte er dar, warum die kursierenden Zahlen von 800 noch in Freiheit lebenden Nördlichen Weißen Nashörner nicht stimmen könnten. Berge aufgedunsener toter Tiere habe er gesichtet, auf deren Hörner es Wilderer abgesehen hätten, schrieb er.

Grzimek, Vorsitzender der renommierten Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt, schickte Forscher nach Afrika, die die Erkundungen des jungen Elmshorner Biologen bestätigten. Weltweit lief ein Rettungsprogramm an: Die Unesco stellte das Nördliche Weiße Nashorn unter Artenschutz, die Regierung in Kinshasa nahm Armin Püttger-Conradt als Wissenschaftler unter Vertrag. Jahrelang kämpfte der Elmshorn gemeinsam mit internationalen Experten um den Erhalt der Säugetiere. Selbst Reproduktionsbiologen des Berliner Leibniz-Instituts wurden eingeschaltet, weil die wenigen Tiere dieser Art in zwei Zoos im tschechischen Dvur Kralove und im amerikanischen San Diego sich nicht vermehren wollten. Derweil schrumpfte die Zahl der in der afrikanischen Savanne lebenden Tiere immer mehr.
Vergeblicher Kampf

Der Kampf war wohl vergeblich. Die in Freiheit lebenden Weißen Nashörner sind ausgestorben; der Krieg im Kongo gab diesen einmaligen Säugetieren den Rest. 2008 wurden bei zwei Luftzählungen keine Exemplare mehr gesichtet. Nun vollbrachten die Kämpfer für das Weiße Nashorn den letzten Akt. Nachdem alle künstlichen Befruchtungsversuche der Wissenschaftler vom Leibniz-Institut fehlgeschlagen waren, entschied ein internationales Expertenteam, vier der insgesamt sechs Weißen Nashörner aus dem Zoo in Dvur Kralove die Freiheit zu schenken. "Auch mit dem letzten Fünkchen Hoffnung, dass sich die vier Tiere - zwei Bullen, zwei Kühe - vielleicht in Freiheit doch noch paaren", sagte Püttger-Conradt Schleswig-Holstein am Sonntag.

Die zwei im tschechischen Zoo verbliebenen Weißen Nashörner und ein Cottoni-Rhi nos-Bulle in San Diego sind zu alt; ihnen wollten die Experten keine beschwerliche Flugreise zurück nach Afrika mehr zumuten, zumal nicht sicher ist, ob sie sich dort in freier Wildbahn noch zurechtfinden würden. Mehr nördliche Weiße Nashörner gibt es nicht mehr.
Tausch gegen Kalaschnikov-Maschinengewehre

Unter den vier jetzt in das kenianische Reservat Ol Opjewa ausgeflogenen Tieren befinden sich jene Kolosse, die der tschechische Zoodirektor Josef Vagner 1975 im Süd-Sudan rettete. Er tauschte sie gegen Kalaschnikov-Maschinengewehre ein, die die Rebellen zur Fortführung ihres Bürgerkrieges benötigten.

Armin Püttger-Conradt kennt die letzten Cottoni-Rhinos alle mit Namen. Als die vier gut zwei Tonnen schweren "Auswanderer" im Dezember im tschechischen Zoo von Dvur Kralove betäubt und in Holzkisten gehievt wurden, war er bei ihnen.
Flugreise gut überstanden

Jetzt, rund drei Monate später, atmen die Experten auf. "Die Kolosse haben nicht nur die Flugreise gut überstanden. Sie haben sich auch in ihrer neuen Heimat eingelebt und genießen die neue Freiheit geradezu euphorisch", sagte Püttger-Conradt Schleswig-Holstein am Sonntag. Angst vor Wilderern brauchen die Tiere und ihre menschlichen Beschützer wohl nicht mehr zu haben. Das Schutzgebiet im tropischen Afrika ist mit Elektrozäunen und Videoüberwachung gesichert.

Wenigsten die letzten vier Cottoni-Rhinos sollen vom Schicksal ihrer Vorfahren verschont bleiben. Diese wurden von Wilderern massenweise aus Hubschraubern abgeschossen. In China waren die Hörner der Tiere in pulverisierter Form als Potenzmittel gefragt, in Afrika machte man aus ihnen Griffe für Krummdolche.
Samen der Bullen tiefgefroren

Dass sich die vier letzten Nördlichen Weißen Nashörner in Kenia doch noch vermehren, schätzt der Elmshorner Biologe als sehr gering ein. "Aber sie haben wenigstens noch einmal Afrika wiedergesehen", sagt er - und: "Ein Funke Hoffnung bleibt." Zumal des Leipniz-Institut für Reproduktionsbiologie in Berlin den Samen der Bullen tiefgefroren hat. Er soll die nächsten 1000 Jahre erhalten bleiben.

Des einen Freud, der anderen Leid. Dass die vier Weißen Nashörner zurück nach Afrika gebracht wurden, erfreute in Dvur Kralove nicht alle. Es kam vor dem Zoo zu Demonstrationen. Die Besucher des Tierparks wollten die seltenen Tiere weiter in Gefangenschaft bewundern.

Das ist vorbei. Dafür können sie demnächst ein Buch des Elmshorner Biologen über die Geschichte ihrer liebgewonnenen Kolosse lesen. "Der Fluch des Horns" von Armin Püttger-Conradt wird derzeit ins Tschechische übersetzt. Es beschreibt eindringlich, wie die Nördlichen Weißen Nashörner Opfer menschlicher Habgier und Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur geworden sind.

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