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Landtagswahl 2017 in SH : Daniel Günther und Torsten Albig: Shootingstar versus gefallener Landesvater

vom

Die letzten Umfragen deuteten es an, jetzt ist es sicher: Die CDU ist strahlender Wahlsieger, die SPD muss herbe Verluste hinnehmen. Die Ursachen

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2017 | 07:07 Uhr

Kiel | Daniel Günther: Vom Nobody zum Shootingstar

Daniel Günther hat es geschafft: Noch vor wenigen Monaten war der CDU-Chef nur wenigen Schleswig-Holsteinern bekannt, nun wird er mit großer Wahrscheinlichkeit Torsten Albig (SPD) als Ministerpräsident des Landes ablösen. „Das ist ein großartiger Tag für Schleswig-Holstein. Wir haben die Wahl gewonnen“, rief er den CDU-Mitgliedern gestern Abend nach den ersten Hochrechnungen zu. Mit den Grünen und der FDP strebt Günther nun ein Jamaika-Bündnis an.

In den kommenden Tagen wird man noch viel analysieren, was dafür gesorgt hat, dass die CDU mit  Günther an der Spitze so deutlich  stärkste Fraktion geworden ist. Doch eines ist sicher: Dieser Sieg ist ein klarer Sieg des Spitzenkandidaten.  Der 43-Jährige hat es geschafft, die CDU aus der Lethargie zu reißen. Als vor einem halben Jahr sein Vorgänger Ingbert Liebing die Brocken hinwarf, musste Günther, der zwar schon Fraktionsvorsitzender war, aber dennoch bis dahin in der Partei nie ganz in der ersten Reihe stand, die Herausforderung annehmen. Er war die letzte Hoffnung der seit Jahren krisengeschüttelten CDU, doch noch in Schleswig-Holstein die Macht übernehmen zu können.

Günther hat es geschafft, seine Partei hinter sich zu bringen, auch wenn es einige Nadelstiche gerade von seinem parteiinternen Widersacher und ehemaligen Vorsitzenden Christian von Boetticher gab, an dessen Sturz Günther nicht ganz unbeteiligt gewesen war.  Doch der Großteil der CDU hat mit näher rückendem Wahltermin und steigenden Umfragewerten irgendwann tatsächlich begonnen, daran zu glauben, dass es der CDU, die noch vor einem halben Jahr am Boden lag, doch noch gelingen könnte, die Küstenkoalition abzulösen.

Dabei hätte  Günther nicht unbedingt gewinnen müssen. Seine Stellung als Partei- und Fraktionsvorsitzender wäre auch nach einer Niederlage in der Union  unangefochten gewesen. Und die Beispiele von Ole von Beust in Hamburg und Christian Wulff in Niedersachsen zeigen, dass junge CDU-Herausforderer bisweilen etwas länger brauchen, um bei einer Landtagswahl so zu reüssieren, dass sie Ministerpräsident werden können.

Daniel Günther  hat  sich den Wahlsieg im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft. Mit unzähligen Auftritten auf kleinen und großen Bühnen hat er es geschafft, im Wahlvolk immer bekannter zu werden. Und spätestens nach dem TV-Duell mit Torsten Albig zwei Wochen vor der Wahl ist es ihm gelungen, auch bei einer breiteren Öffentlichkeit bei den Sympathiewerten weiter aufzuholen.

 Inwieweit ihm der Angriff der SPD-Frau Gabriele Schwohn geholfen hat, die ihm – ohne das belegen zu können – vorwarf, sie als „Verdi-Schlampe“ tituliert zu haben – das wird sich wohl nie wirklich klären lassen. Fest steht nur, dass Günther die Wahl offenbar vor allem in den vergangenen beiden Wochen für sich entscheiden konnte – und dass Albig sie genau dort deutlich verlor.

Damit rückt  der neue starke Mann der Nord-CDU auch bundespolitisch weiter nach vorn. Mit 43 Jahren ist er einer der jüngeren Landesparteivorsitzenden. Er wirkt unverbraucht, modern und kann auch glaubhaft Positionen vertreten, die nicht immer auf Linie der Bundespartei liegen. Unter den CDU-Ministerpräsidenten der Länder findet sich jedenfalls niemand, der einen ähnlichen Aufstieg hinter sich hat und trotz  seines vergleichsweise jungen Alters über eine derartige politische Erfahrung verfügt.

Kay Müller

Torsten Albig: Der gefallene Landesvater

Das war es dann wohl für Torsten Albig.  Fünf Jahre war  er Ministerpräsident im „echten“ Norden. Nach der krachenden Wahlniederlage gestern werden seine Sozialdemokraten wohl den Gang in die Opposition antreten müssen.

Schon bei der Wahl vor fünf Jahren war der damalige Hoffnungsträger mit 30,4 Prozent nicht nur hinter der CDU, sondern auch weit hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Mit dem SSW als drittem Koalitionspartner neben den Grünen hatte es für eine Ein-Stimmen-Mehrheit gereicht. Nun ist die SPD deutlich unter die 30-Prozent-Marke abgerutscht.

In die Rolle des Landesvaters hat der 53-Jährige nie so recht gefunden. Albig ist einer, der lieber repräsentiert und präsidiert. Das  Alltagsgeschäft, so scheint es zuweilen, ist dem Mann mit dem kahlrasierten Kopf lästig. Dafür hatte er seinen Parteivorsitzenden Ralf Stegner, der in Regierung wie Koalition als eigentlicher Chef im Ring galt.

Albig selbst hat als  Kopf des Landeskabinetts in den vergangenen fünf Jahren kaum nennenswert auf sich aufmerksam gemacht. Seinen Ministern ließ er freie Hand. „Einen modernen, teamorientierten Führungsstil“ nennt Albig das.  Kabinettsmitglieder sollen viel Raum haben, „damit sie sich entfalten und ihre Stärken entwickeln können“, sagt er. Führung, hielten ihm Kritiker entgegen, sehe anders aus. Selbst in der Staatskanzlei klagen sie seit längerem über  Unnahbarkeit und Beratungsresistenz des Chefs.   „Der braucht uns gar nicht“, sagt ein Mitarbeiter.

Auch im Wahlkampf mit seinem „Scheißwetter“, wie Albig gestern  bemerkte, lief nicht alles rund für den Spitzenmann. Das TV-Duell gegen Herausforderer Daniel Günther konnte Albig nicht gewinnen, und ein „Bunte“-Interview mit Schilderungen eines überkommenen Frauenbildes im Zusammenhang mit seiner Trennung sorgte auch in den eigenen Reihen für Kopfschütteln. „Natürlich haben wir Dinge falsch gemacht“, gab Albig am Sonntag zu.

Nur wenige ihm wichtige Themen wie die Flüchtlingspolitik riss der gebürtige Bremer an sich. Das hat auch damit zu tun, dass Albig fest in Kirche und Glauben verwurzelt ist. Diesen Prinzipien bleibt er treu – auch gegen den Bund wie beim allein verhängten Abschiebestopp nach Afghanistan. Dass Außenminister Sigmar Gabriel und SPD-Chef Martin Schulz ihre Unterstützung für diesen Kurs verweigerten, ließ Albig kalt. In die Bundespolitik wagte er sich  nur selten vor, wenn er es tat, ging es irgendwie schief. Schlagloch-Soli, Verzicht auf einen SPD-Kanzlerkandidaten oder eine Minderheitsregierung im Bund, all das waren Vorschläge, die  selbst  die eigenen Leute irritierten.

Dennoch konnte sein Bündnis  weitgehend geräuschlos regieren. Verteilungskämpfe zwischen SPD, Grünen und SSW waren angesichts munter sprudelnder Einnahmen überflüssig. Ob die nächste Regierung ebensoviel Glück haben wird, ist offen. Die HSH-Nordbank-Lasten kommen auf den Haushalt zu, die Zinsen werden wieder steigen, die Einnahmen sinken.

Vor seinem Wechsel in die Staatskanzlei galt Albig als Jobhopper. Meist hat er nach wenigen Jahren eine neue Herausforderung gesucht. Drei Jahre war er Kiels Oberbürgermeister, zuvor Sprecher für drei Bundesfinanzminister. Vielleicht ist es diese politische Sozialisation zwischen Weltbank, EU und Finanzgipfeln mit den „Großen“ aus der Politik, die Albig zuweilen erscheinen lassen wie einen, der die Probleme zwischen Süderlügum und Osterohrstedt eher als provinziell empfindet.

Peter Höver

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