Hanse Sail in Rostock : Dampfeisbrecher-Unfall entfacht Sicherheitsdebatte über Traditionsschiffe neu

Der Dampfeisbrecher liegt derzeit im Fischereihafen Rostock. Nach seinem Unfall ist das Museumsschiff nicht mehr fahrbereit.

Der Dampfeisbrecher liegt derzeit im Fischereihafen Rostock. Nach seinem Unfall ist das Museumsschiff nicht mehr fahrbereit.

Nach dem Zusammenstoß der „Stettin“ mit einer Fähre streiten Politik und Betreiber wieder über schärfere Vorschriften.

shz.de von
15. August 2017, 09:34 Uhr

Rostock | Der historische Dampfeisbrecher „Stettin“ ist nach dem Zusammenstoß mit einer finnischen Fähre am Sonnabend während der Hanse Sail in Rostock nicht mehr fahrbereit. Das Traditionsschiff aus Hamburg liege nun im Rostocker Fischereihafen und könne diesen Platz aus eigener Kraft nicht verlassen, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei am Montag. Der Unfall hatte sich während einer Ausfahrt mit etwa 200 Gästen an Bord ereignet. Dabei waren nach Polizeiangaben zehn Gäste leicht verletzt worden, drei von ihnen mussten ärztlich behandelt werden. Die Ursache der Kollision mit der rückwärts fahrenden Fähre „Finnsky“ im Hafenbereich war zunächst unklar. Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hat die Ermittlungen aufgenommen, erklärte ein Sprecher. Es seien Positionsdaten und Radaraufzeichnungen der Schiffe gesichert worden. Der Vorfall werde in der Kategorie „Wenig schwerer Seeunfall“ geführt.

Die geplante Verordnung, mit der bauliche Beschaffenheiten wie der Einbau eines Kollisionsschotts sowie Qualifikationen der Crews streng geregelt werden sollen - diene der Sicherheit der Passagiere, sagt das Bundesverkehrsministerium. Nach Angaben des Dachverbands der deutschen Traditionsschiffe (GSHW) sind dadurch aber etwa 90 Prozent der 110 deutschen Schiffe in ihrer Existenz bedroht.

Der Unfall hat die Diskussion zwischen Traditionsschiffern und dem CSU-geführten Bundesverkehrsministerium um eine neue Sicherheitsverordnung neu angefacht. Der Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg (CDU) aus Mecklenburg-Vorpommern bekräftigte die geplanten Verschärfungen, mit der die Sicherheitsstandards der teils mehr als 100 Jahre alten Schiffe an die Maßstäbe der Berufsschifffahrt angepasst werden sollen. „Der Unfall zeigt, dass auch bei der Traditionsschifffahrt die Sicherheit gewährleistet werden muss“, sagte Rehberg. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn in der aktuellen Debatte um die Sicherheitsstandards von übermäßiger Bürokratie gesprochen werde. Zuvor hatte sich Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bei der Eröffnung der Hanse Sail hinter die Traditionsschiffer gestellt.

Deren Dachverband GSHW geht davon aus, dass durch die geplante Verordnung etwa 60 bis 70 Prozent der deutschen Traditionsschiffe den Angaben zufolge in ihrer Existenz bedroht werden. Grund dafür seien etwa teure Umbauten, die teils die Tragfähigkeit und Stabilität der Schiffe überfordern würden – etwa, weil sie dann 100 Meter lange Ankerketten mitführen müssten – und teure Zertifikate für die häufig ehrenamtlichen Aktiven.

 

„Das Betonen der Sicherheit ist natürlich völlig richtig, allerdings wäre der Unfall auch mit der neuen Richtlinie nicht verhindert worden“, sagte GSHW-Vize Nikolaus Kern. Die neue Verordnung sei ein „Geburtsfehler“, der weder für mehr Sicherheit an Bord sorge, noch das Weiterbestehen der Traditionsschifffahrt sichere, sagte Kern. Bis die Ermittlungen der BSU zur Unfallursache abgeschlossen sind, verbiete sich jede Spekulation.

Ähnlich äußerte sich Günter Hermann, Kapitän auf dem Flensburger Traditionsdampfer „Alexandra“. „Noch ist nicht bekannt, was genau passiert ist – doch auf der Warnow gibt es wegen der Enge immer ein gewisses Risiko für Zusammenstöße“, sagte Hermann. Die „Stettin“ sei als Fahrgastschiff bereits gut ausgerüstet – „ein Unfall wie dieser könnte auch mit der neuen Verordnung nicht verhindert werden. Da hilft es auch nicht, zwei Atemschutzträger und eine Krankenschwester an Bord zu haben.“

Der beschädigte Rumpf der 1933 gebauten „Stettin“. Das Schiff wird mit Kohle befeuert. Wenn der Eisbrecher nicht auf Veranstaltungen unterwegs ist, liegt er im Hamburger Museumshafen Oevelgönne.
dpa
Der beschädigte Rumpf der 1933 gebauten „Stettin“. Das Schiff wird mit Kohle befeuert. Wenn der Eisbrecher nicht auf Veranstaltungen unterwegs ist, liegt er im Hamburger Museumshafen Oevelgönne.
 

Der Rumpf des mehr als 80 Jahre alten Schiffes ist den Angaben zufolge auf etwa zwei Metern Länge aufgeschlitzt. Das tiefste Ende liege nur 60 Zentimeter über der Wasserlinie, sagte ein Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr gestern. Die Genossenschaft habe das Schiff noch am Sonnabend besichtigt und Sicherheitsauflagen erteilt. Wegen der Bauart des genieteten Schiffrumpfes könne nur eine Hamburger Spezialwerft den Schaden reparieren, hieß es bei der Polizei. Wenn die „Stettin“ nach Hamburg wolle, brauche sie eine Schleppgenehmigung der Berufsgenossenschaft Verkehr, sagte der BG-Mitarbeiter. Bisher sei aber kein Antrag gestellt worden.

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