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Konkurrenz durch Kattegat-Brücke? : Dänische Politiker gehen auf Distanz zum Fehmarnbelt-Tunnel

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Baubeschluss für die geplante feste Fehmarnbelt-Querung steht auf der Kippe. Das Risiko ist groß und ein innerdänisches Projekt könnte für Konkurrenz sorgen.

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2016 | 09:59 Uhr

Fehmarn/Kopenhagen | Im dänischen Parlament schwindet der Rückhalt für eine feste Fehmarnbelt-Querung. Gleich mehrere Fraktionen, die bisher grundsätzlich für einen Tunnel zwischen Fehmarn und Lolland waren, gehen deutlich auf Distanz zu einem endgültigen Baubeschluss.

Nachdem die Fertigstellung des Tunnels zwischen Fehmarn und der dänischen Insel Lolland lange für 2021 vorgesehen war, wurde zuletzt 2024 anvisiert. Den Bau des rund 19 Kilometer langen Tunnels finanziert Dänemark allein. Zuletzt wurden dafür Kosten in Höhe von 7,4 Milliarden Euro genannt. Deutschland muss nur die Hinterlandanbindung auf seinem Gebiet bezahlen. Dafür nannte das Bundesverkehrsministerium vor einigen Monaten eine Summe von 2,2 Milliarden Euro.

„Das Projekt wackelt. Wir drücken auf keinen Ja-Knopf im Hinblick auf Fehmarn, bevor wir keine vollständige felsenfeste Sicherheit haben, dass die Finanzierung steht“, sagte Kim Christiansen, verkehrspolitischer Sprecher der Dansk Folkeparti (DF) der Tageszeitung Jyllands-Posten. Die DF stellt die zweitgrößte Fraktion im Folketing. Im Oktober hatte sich die Partei noch hinter die Projektpläne zum Preis von rund 7,4 Milliarden Euro gestellt.

Allergrößte Zweifel auch bei den Sozialliberalen: „Das ganze Vorhaben ist sehr risikoreich, und ich bin mir nicht mehr sicher, dass es sich machen lässt“, äußerte deren Verkehrsspezialist Andreas Steenberg gegenüber dem Blatt. Sein Kollege Karsten Hønge von den Sozialisten steht dem kaum nach: „Wir stehen unter Druck. Die ganze Lage ist sehr beunruhigend.“ Und Villum Christensen von der Liberalen Allianz meint: „Wenn wir auf den Knopf für das größte Bauprojekt in der dänischen Geschichte drücken sollen, riskieren wir auch die größte Ohrfeige in der dänischen Geschichte.“

Die Äußerungen kommen vor einem Treffen, bei dem am Mittwoch die Fehmarn-positiven Fraktionen beraten wollen, wie sie mit der derzeitigen Hängepartie des Tunnels umgehen. Eigentlich hatten sie spätestens im vergangenen Dezember den Bau endgültig beschließen wollen. Viel geringere EU-Zuschüsse, unerwartet hohe Preisvorstellungen von Baufirmen, eine kritische Bestandsaufnahme der dänischen Staatsfinanzen und der sich hinziehende Planfeststellungsbeschluss in Deutschland verhinderten dies.

Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer erklärte am Montag trotzdem: „Ich bin überzeugt, dass das Projekt kommt.“ Es sei „nicht überraschend, wenn auf dem Wege zur Realisierung eines so großen Infrastrukturprojekts zwischendurch Zweifel auf der einen oder anderen Seite aufkommen“. Kiel sei in einem sehr engen Austausch mit Dänemark, um die nächsten Schritte so effizient und effektiv wie möglich zu erreichen.“


So eng war es noch nie

Der Baubeschluss für eine feste Fehmarnbelt-Querung steht auf der Kippe. Ein Kommentar von Frank Jung.

Das wird eine dramatische Sitzung am Mittwoch auf Schloss Christiansborg. Da trifft sich im Kopenhagener Parlament der so genannte Kreis des Fehmarn-Abkommens. Er besteht aus sieben von neun Fraktionen und heißt so, weil sich seine Mitglieder grundsätzlich auf den Bau einer festen Fehmarnbelt-Querung verständigt haben. Solche Abkommen sind in wichtigen politischen Fragen in Dänemark Standard, damit große Linien unabhängig von häufig wechselnden Minderheitsregierungen verfolgt werden können. Ein verbindlicher Baubeschluss indes fehlt bisher. Und so eng wie jetzt war es dafür noch nie.

Wenn gleich vier der Fehmarn-positiven Parteien urplötzlich mit markigen Worten Zweifel anmelden, ist das ein Alarmsignal für das bisher so sicher geglaubte Jahrhundertprojekt. Das aktuelle Meinungsbild bedeutet: Heute hätte ein endgültiges Votum für einen Bau keine Mehrheit. Nach den Absetzbewegungen von Dänischer Volkspartei, Liberaler Allianz, Sozialliberalen und Sozialisten bleiben zwar noch Rechtsliberale, Sozialdemokraten und Konservative, die den Belttunnel bisher nicht in Frage stellen. Doch deren Stimmen würden nicht reichen. Nun wird zwar weder heute noch morgen final abgestimmt, obwohl man sich das eigentlich schon bis Ende letzten Jahres vorgenommen hatte. Aber bald ist Schluss mit Vertagen: Vor Mai müssen alle Farbe bekennen. Nur bis dahin garantieren die Bau-Konsortien ihre Preiskalkulation. Man munkelt, die Planungsgesellschaft Femern A/S habe sie in Nachverhandlungen unter die bisherigen 7,4 Milliarden Euro drücken können. Aber der Rabatt verfällt eben im Frühjahr. Danach macht jede Verteuerung eine politische Mehrheitsfindung nur noch schwieriger. Dass eine aktualisierte Berechnung zur Wirtschaftlichkeit durch Femern A/S bis März vertagt worden ist, trägt auch nicht zur Vertrauensbildung bei. 

Die Frage, ob der gigantische Aufwand es wert ist, wird auch in Dänemark lauter. Zumal dort gerade die Vision einer innerdänischen Querung Oberwasser gewinnt: Viele träumen von einer Kattegat-Brücke von der Hauptinsel Seeland nach Jütland. Groben Entwürfen zufolge zwar noch viel teurer als ein Fehmarn-Tunnel, aber rein dänisch betrachtet von höherem Nutzwert und Prestige als ein Fehmarntunnel. Wird das Kattegat noch zur Konkurrenz für den Belt?

 

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