Viele Polizisten erkrankt : In den USA steigt die Sorge vor Unruhen und Gesetzlosigkeit in der Corona-Krise

Viele Amerikaner decken sich wegen Corona-Krise mit Waffen und Munition ein.

Viele Amerikaner decken sich wegen Corona-Krise mit Waffen und Munition ein.

Allein 20 Prozent der New Yorker Polizisten sind dienstunfähig. Zahlreiche US-Bürger statten sich mit Waffen aus.

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02. April 2020, 21:24 Uhr

Washington | Wer in der Automobil-Metropole Detroit den Notruf 911 wählt, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen – oder die Aussage, dass derzeit kein Cop verfügbar sei. Die prekäre Situation der Stadt in der Coronavirus-Krise, die in den USA jüngsten Schätzungen von Präsident Donald Trump zufolge bis zu einer Viertelmillion Tote fordern könnte, steht stellvertretend für andere Großstädte.

Der Polizeichef Detroits ist am Virus erkrankt. Der Leiter der Mordkommission starb an den Folgen der Infizierung. Auch der Direktor des Stadtgefängnisses überlebte den Kampf gegen das Virus nicht.

500 Streifenpolizisten unter Quarantäne

Hinzu kommt, dass rund 500 Streifenpolizisten und über 100 Zivilangestellte der Ordnungsbehörde unter Quarantäne gestellt wurden. Zwar hat in Detroit, einer der ärmsten Städte der USA, die „Bleibt zu Hause!“-Anordnung die Straßen leer gefegt und die Kriminalitätsrate vorerst absinken lassen.

Doch Sicherheitsexperten sehen nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn angesichts der massenhaften Job- und Einkommensverluste dürfte sich bald für viele US-Bürger nicht nur in Detroit die Fragen stellen: Wie die hungrige Familie versorgen? Wie die Miete oder Hypothek zahlen?

20 Prozent der New Yorker Polizisten dienstunfähig

Auch in New York hat das Coronavirus nicht nur Verzweiflung, überforderte Ärzte und bisher 75.000 Infizierte im Bundesstaat gebracht, sondern auch eine Sicherheitskrise. Mehr als 1400 Cops des NYPD haben sich mit Symptomen der Viruserkrankung dienstunfähig schreiben lassen und wurden positiv getestet – was ungefähr 20 Prozent der Polizeitruppe im „Big Apple“ ausmacht.

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In einer Stellungnahme warnten die Stadtväter jetzt Bürger davor, diese Situation auszunutzen: „Wir sind weiter zu Fuß und im Streifenwagen unterwegs“, hieß es. Doch da der Höhepunkt der Krankheitswelle in den USA erst für Mitte bis Ende April erwartet wird, dürfte sich die Verfügbarkeit der Ordnungshüter auch in New York noch deutlich verschlechtern.

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dpa

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Tausende werden aus Gefängnissen entlassen

Hinzu kommt, dass sich in zahlreichen US-Bundesstaaten die Gouverneure entschieden haben, die Gefängnistore zu öffnen und vor allem Häftlinge freizulassen, die keine Gewalttaten, sondern nur minderschwere Verbrechen begangen haben. In New York wurden letzte Woche bereits Tausende von Inhaftierten auf freien Fuß gesetzt, die aufgrund von Gesundheitsproblemen als besonders gefährdet gelten und bei einer Epidemie innerhalb der Haftanstalt vermutlich gestorben wären.

Auch die Bundesstaaten Kalifornien, Florida und Ohio verfolgten jetzt das Prinzip der vorsorglichen Entlassung. Und Richter arbeiteten quer durch die USA durch das Wochenende, um Untersuchungshaftanstalten zu leeren und leichte Fälle unter Hausarrest zu stellen. Gefängnisse gelten als Brutherde für Infektionen, weil es dort aufgrund der räumlichen Enge nahezu unmöglich ist, Infizierte von gesunden Insassen abzusondern und professionell zu versorgen.

Hinzu kommen unzureichende sanitäre Bedingungen. In einer Klage der Bürgerrechtsbewegung ACLU gegen die Betreiber der größten Haftanstalt in Washington D.C., die am Montag eingereicht wurde, wird ein eklatanter Mangel an Seife und Papierhandtüchern beklagt. Desinfektionsmittel sind in US-Haftanstalten bisher nicht erlaubt. Bei einer weiteren Ausbreitung der Virus-Krise dürften die Verantwortlichen deshalb nicht um eine Fortsetzung der Entlassungsstrategie herumkommen – was wiederum in konservativen Kreisen für Kritik sorgt.

Zahlreiche US-Bürger statten sich mit Waffen aus

In Amerika gibt es jetzt einen Ansturm auf Waffenläden.
JUSTIN SULLIVAN
 

Viele US-Bürger bereiten sich unterdessen auf absehbare Versorgungsengpässe, mögliche Plünderungen und eine Welle an befürchteten Unruhen vor. In den meisten Waffenläden sind populäre Handfeuerwaffen, Munition und kugelsichere Westen ausverkauft. Diese Geschäfte dürfen weiter offen bleiben, seit die Trump-Regierung sie – auf Druck der mächtigen Waffenlobby NRA – als „lebenswichtige Betriebe“ kennzeichnete. Und sie machen, wie die langen Schlangen und die oft nicht Distanz haltenden Menschen vor den Türen zeigen, glänzende Umsätze.

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Die Zahl der Sicherheitsprüfungen für potenzielle Käufer von Schusswaffen legte demnach von Februar bis Ende März um etwa 938 000 auf rund 3,7 Millionen zu – der Höchstwert seit Beginn der Statistik im Jahr 1998. Im Vorjahreszeitraum verzeichnete die Behörde dagegen lediglich einen Anstieg von rund 591.000 auf etwa 2,6 Millionen Sicherheitsprüfungen.

Obwohl das FBI darauf hinwies, dass die Anzahl der Sicherheitsprüfungen nicht mit der der Waffenverkäufe gleichzusetzen sei, führten einige Experten in US-Medien den Anstieg auf Unsicherheit zurück, die durch die Coronavirus-Pandemie ausgelöst werde. „Wir beobachten oft saisonale Anstiege bei Schusswaffenverkäufen, aber darüber hinaus ist es nicht ungewöhnlich, dass es aufgrund politischer oder sozialer Ereignisse und Einstellungen zu vermehrten Waffenverkäufen kommt“, zitierte der Sender CNN eine Sprecherin der Waffenbehörde ATF.

Neuer Rekord bei Arbeitslos-Meldungen

Unterdessen stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe erneut dramatisch an: Die Zahl verdoppelte sich in der Woche bis zum 28. März von 3,3 Millionen auf nunmehr 6,65 Millionen, wie das US-Arbeitsministerium gestern mitteilte. Die Zahl der Erstanträge in der Vorwoche war bereits die höchste seit Beginn der Erfassung der Daten gewesen, nun gibt es einen neuen Rekord.

Laut den Zahlen des US-Arbeitsministeriums verloren im März landesweit mehr als zehn Millionen Menschen ihre Jobs. Das ist schwindelerregend. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gelten als Indikator für die kurzfristige Entwicklung des Arbeitsmarkts in der größten Volkswirtschaft der Welt. Sie deuten inzwischen auf einen dramatischen Wirtschaftseinbruch infolge der Corona-Krise hin.

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